Schön Hedchen, ein Fräulein aus edelm Ge- blüt, Noch edler durch Schönheit und hohes Gemüth, Schön Hedchen, das lieblichste Blümchen der Au,
War züchtig und düftig, wie Röschen im Thau. Auch blüht' im Lande zur selbigen Zeit Ein stattlicher Jüngling, ein Wetter im Streit. Wie flog um die Schultern sein bräunliches Haar!
Wie rollte der Augen schwarzfunkelndes Paar! Wild schwärmte der Jüngling manch freudiges Jahr. Da sah er Schön Hedchen mit goldigem Haar.
Wie wurde dem Schwärmer im Herzen so warm! Doch wärmer noch ward ihm dem Mädchen im Arm. Beym Blicken und Drücken der Holden im Arm Vergass er der Brüder lautlärmenden Schwarm.
Es schmolz vor den Blicken sein eiserner Sinn, Wie Wachs am Strahle der Sonne dahin! Wie, wenn an den Busen Schön Hedchen ihn nahm,
Wie wurde der Wildfang so sittig, so zahm! Schön Hedchen, so schüchtern, so zaghaft vorhin, Wie ward sie am Busen des Jünglings so kühn! Bald schworen die Beyden den ewigen Bund;
Doch ward er nicht Menschen, ward Engeln nur kund. Da stürmten Gewitter und Wolken herein, Und hüllten den Himmel der Liebenden ein.
Es rief den Geliebten sein König ins Heer. Es entzog ihn der Trauten ein donnerndes Meer. Hier klirrten ihm Fesseln; dort glänzt' ihm ein Thron.
Der Treue bot Thronen und Fesseln nur Hohn. Es buhlt' um Schön Hedchen manch gleissender Gast. Sie gönnten der Holden nicht Ruhe noch Rast.
Sie weinte die blaulichen Augen wohl wund, Und wahrte der Treue beschworenen Bund. Drey Jahre verrollten durchgrämt und durch- stöhnt.
Nun schien das Verhängniss den Treuen versöhnt. Denn Treue besieget des Schicksals Gebot; Besieget die Bosheit, besieget den Tod. Der Jüngling kam wieder, erhöht und gerühmt,
Mit herrlichen Narben die Stirne beblümt. Auf Flügeln der Liebe, auf Flügeln der Lust, Flog Eins an des Andern hochklopfende Brust. Still Wogen und Winde! Die Sonne ging auf,
Ging golden und lieblich den Liebenden auf. Die Freude verwehte den wolkigen Gram, Je höher, je heller und wärmer sie kam. Viel Thränen hat Liebe, doch Freuden noch
mehr. Sie streiten ums Herz sich, ein brüderlich Heer. Sie streiten, und fallen sich friedlich in Arm; Dann weinet die Freude, dann lächelt der Harm.
Bald flocht man die bräutliche Myrte zum Kranz. Schon übten sich Jüngling' und Mädchen zum Tanz. Bald graute der Abend der kommenden Nacht, Der letzten, vom ahnenden Mädchen durchwacht.
Der Abend war lieblich und kühlig, und frisch; Die Nachtigall flötet' im Mayengebüsch. Es wallten die Treuen den Garten entlang,
Und horchten der Nachtigall Klagegesang. „wie ist dir, lieb Hedchen, wie fühlt sich dein Herz? „ach, schwimmt es noch immer in Wehmuth und
Schmerz? „das Thränchen, das blinkend die Wangen dir nässt, „ach sprich, ob der Schmerz dir das Thränchen entpresst!“
„die Thräne, die über die Wange mir rollt, „wird von dem Entzücken der Liebe gezollt. „es klingt mit im Herzen so himmlischen Klang; „es umtönt mir die Seele, wie Harfengesang.
„der Becher der Liebe hält köstlichen Wein; „ich weinte viel bittere Thränen hinein. „nun trink' ich des Weins, mit Thränen vermengt. „das macht, dass die Wonne mir Thränen entdrängt.
„ich ruf der Vergangenheit Tage zurück. „mir bebet die Seele; mir schwindelt der Blick. „da war mir so nächtlich der sonnigste Tag. „wie, dass ich dem lastenden Gram nicht erlag!
„ich wende den Blick aus den Nächten voll Graus, „und schau' in die selige Zukunft hinaus. „da seh' ich der mächtigen Freuden so viel.
„wie fass' ich, wie trag' ich dich, Wonnegefühl! „der Stärke zu stehn in den Stürmen mir gab, „der stütze mich ferner mit freundlichem Stab.
„doch führe mich, Bester — es wehet so frisch — „komm, führe mich heim aus dem Mayengebüsch.“ Itzt trat aus der Wolke der Vollmond hervor. Dem Abend entrollte der hüllende Flor.
Wie glänzten der Garten, der Busch und der Quell Im flimmernden Monde so silbern, so hell! Still blickte der Jüngling im zweifelnden Licht
Des Mondes Schön Hedchen ins Rosengesicht. Sie lächelte Weh, sie lächelte Ruh Aus thränenumdämmerten Augen ihm zu. Er sandt' ihr noch einmal den sorgenden Blick
Ins Antlitz, und bebt' — o Schrecken! — zurück. Ihr rosiges Antlitz — die Rose verschwand — War bleich, wie ein linnenes Todtengewand. Es rann ihm, wie Regen, den Rücken ent-
lang. Die Nachtigall flötet' ihm Leichengesang. Es hauchten die Blüthen ihm Moder und Graus, Und grauenvoll führt' er Schön Hedchen nach Haus.
Und bald, als Schön Hedchen im Lager sich barg, Da rollt' ihr die Krankheit durch Adern und Mark. Wie neigte die Blum' ihr traurendes Haupt,
Des lebenden Glanzes und Duftes beraubt! Die Mitternacht kam. Es entschwand ihr die Kraft. Sie lag auf dem Lager erschöpft und erschlafft.
Her wehte der Morgen, von Rosen umglüht; Da war ihr die Ros' im Antlitz verblüht. „wie schmückst du dich, Morgen, in bräutli- cher Pracht!
„mir winkt, mich umhüllt schon die ängstliche Tracht. „wie schön dir die Rosen im Angesicht glühn! „o weh, dass die meinen so frühe verblühn! „o Jammer, so wird mir mein bräutlicher
Kranz „zur Krone des Sarges, der festliche Tanz „wird Leichengepräng', und Priester und Gast „geleiten mich heim zur düsteren Rast
„mein hochzeitlich Bette, wie enge! wie kalt! „mein Bräutigam — Wehe! weg Schreckengestalt! „weg Scheusal! Die Knochen durchheult dir der Wind.
„vor Entsetzen das Blut mir in Adern gerinnt.“ — So stöhnt, wie die Hindin vom Jäger gejagt, So jammert die Arme. Fast war sie verzagt. Da wiegt sie ihr Engel in heilende Ruh,
Und lispelt im Schlummer ihr Tröstungen zu: „was trauerst du, Schwester? was klagst du so bang? „es währt ja hienieden nur Augenblick lang.
„hoch oben ist Wonne, hoch oben ist Licht; „das dämmert und dunkelt in Ewigkeit nicht. „die bräutliche Seide, der heilige Kranz, „der goldene Trauring, der festliche Tanz,
„am Busen des Trauten die selige Ruh, „das lächelt auch alles hoch oben dir zu. „es lächelt hoch oben dir schöner, als hier. „komm, trauliche Schwester, komm freudig mit
mir! „was schauest du rückwärts? — Er folget dir nach. „komm, folge mir freudig. Ich bring' ihn dir nach.“ —
So lispelt, so singt es der Engel ihr zu, Und wiegt ihr die zagende Seele in Ruh. Wie lächelt im Schlummer ihr blasses Gesicht! Wie umstrahlt die Erwachende himmlisches Licht!
„o Liebe, was trauerst, was zagst du so sehr? „der Lauben der Liebe blühn oben noch mehr! „es durchbohrt mir die Seele dein schneidendes
Ach! „ach sieh nicht so starrend! Du folgest mir nach. „aus Tausenden hab' ich dich einzig erwählt. „du bist mir vor Himmel und Engeln vermählt.
„es trennen die Himmel die Liebenden nicht; „sie finden sich wieder im himmlischen Licht. „ach, sieh nicht so starr, so düster mich an! „du folgest, mein Trauter; ich gehe voran.
„erzürne den Himmel mit Hadern nur nicht, „so sehn wir uns wieder im himmlischen Licht. „ich sehe dich wieder. — Wie wird mir! — wie wohl!
„wie weh' und wie bange! wie dämmernd! — Leb' wohl! „leb' wohl, mein Vertrauter — wir finden uns — ach!“ —
Es stand ihr Herz, und ihr Auge brach. Die Seele, umflossen von Blüthenduft Und schwebend auf strahlender Morgenluft, Entwallte der Erden, und schwebete rein
Zur Pforte des Gartens der Seligen ein. Da blühen der duftenden Blumen so viel! Da wehen die Lüfte so linde, so kühl! Da rauscht' es, da glänzt' es so strömend, so hell
Von thauenden Myrten am gurgelnden Quell! Ihr Engel umschwebt sie in sonnigem Schein, Und führt sie die stilleste Laube hinein. Die Lüftlein, die Bächlein in leiserem Gang,
Vereinen die Töne zum Schlummergesang. „kind Gottes, so lächelt der Engel ihr zu, „kind Gottes, verweil' hier drey Stündlein in Ruh. „bald jauchzet unendliche Freude dich wach —
„ich geh' und bringe den Liebling dir nach.“ Er fand den verlassenen Liebling am Sarg, Der sorgsam Schön Hedchens Ruinen barg. Er wiegte den Dulder in stillende Ruh,
Und weht' ihm ambrosische Kühlungen zu. Und als er vom tröstenden Schlummer erwacht, Da war es schon Abend. Es thaute die Nacht. Schön Hedchen lag lächelnd, von Kerzen umglänzt,
Die ringelnden Haare mit Myrten bekränzt. Nun tönen die Glocken. Nun wallen beym Schein Von wehenden Fackeln die düsteren Reihn
Der Trauerbegleiter die Gassen hinab, Und tragen sanftklagend Schön Hedchen ins Grab. Sie senken sanftweinend Schön Hedchen hinein. Bald hüllet die kühlige Erde sie ein;
Bald grünet der Rasen den Hügel empor; Bald sprossen Violen und Maasslieb hervor. Mit jeder aufgrauenden Dämmerung ging Der arme Verlassne zum Hügel, und hing
Sich rings um den blühenden Hügel herum, Bald laut, wie die Winde, bald schweigend und stumm. „was säumst du, Schön Hedchen? was säumst
du so lang? „und machst mich so ängstig und machst mich so bang? „du wandelst wohl oben im sonnigen Licht,
„und denkst des verlassenen Traurenden nicht. „wer war es, Schön Hedchen? wer war es? wer sprach: „sey ruhig, Geliebter, du folgst mir bald nach!
„wo bleibt dein Geloben? Wie säumst du so lang, „und machst mirs im zagenden Busen so bang? „ich trag' es nicht länger; ich halt' es nicht aus. „mir ekelt das Leben, wie Moder und Graus.
„schön Hedchen, du logst mir! Wer wehrt es mir? — Ha! „ich komme schon selber! du täuschtest mich ja!“ Er riss aus der Scheide sein funkelndes Schwert —
Da erbebte der Hügel. Da stand es verklärt Und sonnenhell vor ihm, und lächelt' und sprach: „acht Tage, mein Trauter, so folgst du mir nach.“ Es verschwand in goldenem Wolkengesäum;
Da ging der getröstete Traurende heim. Der Morgen brach an. Da kam ein Gebot; Sein König entbot ihn zu Schlachten und Tod. Das klang dem Müden, wie Lächeln der Braut.
Ihm jauchzte die Seele so freudig, so laut! Er flog zu den Streitern. Die siebente Nacht Verwehte, da kam es zur donnernden Schlacht. Wie schnoben die Rosse in schweflichtem
Duft! Wie rollten die sausenden Tod' in der Luft! Sie sausten, sie rollten den Helden vorbey. Nach Tausenden traf ihn ein freundliches Bley.
„willkommen! Willkommen!“ so rief er, und sank — „willkommen! Willkommen!“ und streckte sich lang
Auf thürmende Leichen im Felde voll Graus, Und hauchte die Seele, die ringende, aus. Sie eilte dem Garten der Seligen zu. Schön Hedchen ward wach und entjauchzte der Ruh.
Sie jauchzt' ihm entgegen — „Mein Trauter, so bald?“ Ihr waren die Monden, wie Stündlein, verwallt. Sie führt' ihn die duftige Laube hinein,
Und tränkt ihn vom kühlenden Quell aus dem Hayn. Da schwand aus dem Herzen ihm jeglicher Harm; Da sank er ihr selig, so selig in Arm! Nun schwebten die himmlischen Schaaren herbey
Und freuten sich herzlich der glücklichen Zwey. Sie stimmten die Harfen zu freudigem Klang, Und sangen den himmlischen Treuegesang. „heil, Heil den Getreuen! Wie grünet ihr Kranz!
„heil, Heil den Verklärten! Wie schimmert ihr Glanz! „die Treue besieget des Schicksals Gebot, „besieget den eisernen grimmigen Tod.
„triumph! Dahinten sind Unglück und Noth! „dahinten der eiserne grimmige Tod! „heil, Heil den Getreuen! Nie welket ihr Kranz, „und nimmer verlöscht ihr sonniger Glanz.“
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