Hügel des weissen Gesteins, der schaurigrau- schenden Eiche Grauer Nährer; du bist mir lieb vor deinen Ge- sellen.
Lockender winkt mir dein kaltes Gestein, als mein schwellendes Lager. Weicher umschmiegt mich dein duftendes Moos. Dein Säuseln und Flistern
Lullet in tiefes Staunen mich ein. Wenn der Schat- ten des Waldes Dämmerung um dich strömt, wenn kläglich seuf- zend der Nachtwind
In den ergrauenden Locken dir wühlt, auf den Gipfeln der Schweigend der Vollmond ruht und deine Wangen beglänzet —
Welche Wonne sodann, im Rauschen der Eich', in des Vollmonds Dämmerscheine zu sitzen im Ringe des alternden Maales!
Welche Wonn', im Rauschen des Waldes, im däm- mernden Mondlicht, Eingewiegt auf duftendem Moos' in luftigen Schlum- mer,
Unterzutauchen in lieblichen Traum und in trunkne Gesichte! Steigen seh' ich die Heldenschatten aus schlummern- den Maalen,
Sehe sie zucken das Schwert, und den Schild em- pören, und höre Tosen die Berg' und den Wald von der Kämpfer Geschrey, von der Sieger
Wildem Frohlocken, der Sinkenden Ächzen, dem Jammer der Mädchen. Plötzlich erwach' ich. Ich raffe mich auf. Die nichtigen Schatten
Schwinden in Luft. Es rauscht und stöhnt im Wipfel der Eichen, Dass das Haar sich leise mir hebt, und Schauder mich schütteln.
Tausendjähriger Stein, wen deckst du? Welchem Gefallnen Thürmet das ehrende Maal? — Was frag' ich? — Verwittert, zerstoben
Ist der Helden Gebein in die Luft. Die Winde des Himmels Kriegen um ihren Staub. Vertilgt vom Antlitz der Erde
Ist der Namen Gedächtniss sogar. Auf ewig ver- hallt ist Jeder Gesang von ihnen, erstummet jegliche Klage.
Tochter bitterer Unmuth Über der Helden herbes Geschick. Die tückische Norne
Seh' ich zucken den blutigen Dolch; die zitternden Schatten Seh' ich mit funkelndem Stahl sie scheuchen bis hart an des Abgrunds
Schwarzaufstarrenden Saum. Wie beben, wie schauern die Blassen Bange zurück! Ist denn keiner vorhanden, der Mäch- tigen keiner,
Welcher beschwöre der Wütherin Grimm, mit dem Zauber des Liedes Ihre Wuth entwaffn', und erlöse die flehenden Schatten?
Tochter Sulvills, mir flammet die Seele. Das Licht des Gesanges Fühl' ich erwachen in mir. Von der Eiche seufzen- dem Aste
Reiche die Harfe mir her, die schwachbesaitete. Dennoch Ward es der Schwachen schon öfter vergönnt, die hungrige Norne
Einzulispeln in seligen Schlaf und den Raub ihr zu rauben. Also sey es auch itzt mir vergönnt, der Räuberin Krallen
Abzujagen ein wackeres Paar, dich König der Inseln, Muthiger Wanda.
Über die Inseln des Meers, entlang die Küsten der Ostsee, Von der Trebel Blumengestad' bis zur reissenden Weichsel,
Herrschte die heilige Kraft des Helden Ritogar. König War er der Wilzen, der Wenden, der Tartsche- schwingenden Guten,
Und der tausend Stämme der Rugen. Auf hoher Arkona Hielt er Hof, genoss dort schwererrungener Ruhe.
Wohl behagte dem rüstigen Krieger die Musse des Friedens. Freundlich umfing ihn die schmeichelnde Ruh nach Fehden und Schlachten.
Täglich genoss er der Freuden der Jagd in der krei- digen Stubnitz. Täglich in Rügens hundert Forsten. In dämmern- der Frühe
Macht' er sich auf zu Verfolgung des Wolfs und des Keulers. Zu Abend Kehrt' er beutebelastet zurück zur strahlenden Halle,
Wo das stärkende Mahl ihn erharrt', und der schäumende Becher. Doch bald däuchte die strahlende Hall' ihm so weit und so öde,
Ihm so einsam das nächtliche Lager. Holde Ge- bilde Schwebten oft um ihn im lieblichen Traum; von zärtlichen Armen
Wähnt' er sich oft umschlungen, und oft von schwatzenden Kleinen, Die, erklimmend sein mächtiges Knie, in den Locken ihm spielten.
Flammend rollte das Blut in des Jünglings Adern. Gewaltig Schlug ihm das Herz. Doch war er keusch nach der Sitte der Deutschen.
Nicht verlockt' ihn die Flamme der Jugend zu fre- chem Gelüsten, Nicht der Buhlerin lüsterner Blick, noch der Un- schuld Erröthen.
Ihm zu kiesen ein holdes Weib aus den Töchtern der Edlen, Sandt' er seine Vertrauten umher. Ihm lächelt Von der Warne. Ihm winkte die weisse
vom Elbstrom. Keine vermochte sein Herz zu rühren. Die Weich- sel herüber War es erschollen von
kus, wie huldreich, Und wie reizend sie sey, wie Mayluft lieblich, wie Veilchen Ihre Augen, ihr Haar wie der Lilie goldene
Fäden. Ritogar hatte Boten gesendet dem Fräulein von Krakow, Dass sie ihr Frieden und Gruss entböten, das Zepter
der Rugen, Und des Rugenköniges Herz. Mit stürmender Sehn- sucht Harrt' er der kehrenden Boten; kaum dass die Jagd
und der Becher Ihm die langsam schleichende Zeit zu beflügeln vermochten. Neunzehn Tage verflossen. Die Boten kehrten.
Willkommen, Hiess sie der harrende König. „Willkommen! Nun eilet und sagt mir, „was mir Wanda entbeut, der Lechen Tochter
und Fürstin.“ „wanda entbeut dir Frieden und Gruss, und Segen von Wodan „deinen Waffen. Allein dein Herz und das Zepter
der Rugen „darf sie nicht theilen. Sie weiht ein Gelübde zur ewigen Jungfrau.“ „sie ein Gelübd'? So gelob' ich bey Thor und
Mannus und Hertha, „und dem tausendbucklichten Schilde des eisernen Wodan, „nicht zu rasten, zu strafen die Stolze, mit mäch-
tigem Arme „sie zu erfassen, sie, fliegenden Haars, mit zerris- senem Schleier „in mein Schlafgemach zu führen, ein niedriges
Kebsweib.“ Fürchterlich flammte der Grimm des Königs; furchtbar sein Eidschwur. Nah und fern, auf den Inseln des Meers, an den
Küsten der Ostsee, Von der Trebel Blumengestad' bis zum Strande der Oder Wurden die Sassen entboten zu Ross und zu Fuss.
Sie kamen, Rott' an Rotte, wie Schauer mit Schauern in schlossender Herbstzeit Wild sich jagen, herangeschwärmt die hohe
kona. Alle Krieger kamen des quellenströmenden mund; Alle Söhne des meerumdonnerten
Sandte die lockenumwölkten Streiter. Die Jäger der Wölfe Sandte die niz. Hoch vom Rugard
Braust' ein gewaltiges Heer, wie der Strom, den der schmelzende Schnee schwellt. Wie in Tagen des Herbst, wenn der Wald verwelkt und die See starrt,
Zu verreisen in mildere Zonen, sich Kraniche rotten: Also rotteten sich die Rugen zur hohen Ar- kona.
Wie die weitgeuferte Donau mit wachsenden Was- sern, Erst ein Säugling, nur Wiesen wässert, weidende Lämmchen
Tränkt, den ermatteten Wandrer erquickt, bald aber, ein Jüngling, Königsstädte beströmt, und Kaiserthümer durch- wandelt;
Rings, wohin der Starke sich wälzet, reisst er die Nymphe Jedes begegnenden Stroms in sein Bett, und stürmt und stürzet
Endlich mit allen, ein Meer, in das Meer aus tausend Urnen: Also brauste durch Länder und Reiche des Zürnen- den Heersmacht;
Also wuchs im wälzenden Laufe der schwellende Kriegszug. Also stürmt' und stürzt' er gewaltig ins Land der Sarmaten.
Nicht zu steuern vermochte das Land dem ver- derbenden Einbruch. Weitauf dampft' es in Blut und in Asche. Der Saaten, der Wälder
Lohe stieg himmelempor in wirbelndem Rauche. Zu Krakow Sah man die Loh' und den Rauch. Ihn sah das zitternde Fräulein.
Eine Thräne weinte die Holde dem Elend der Treuen, Wischte schleunig die Thräne hinweg, die glänzen- den Locken
Deckte sie mit dem Helm, mit dem schuppigen Panzer den Busen. Also zog sie einher vor dem todeschleudernden Heerzug:
Also funkelt' ein freundlicher Stern am Saum des Gewitters. Ritogar hörte: „Sie kommt! Es kommt die fürstliche Jungfrau!“
Freude durchzuckte sein stürmisches Herz, wie Blitz durch die Nacht zuckt. Bald zu kühlen gedacht' er die Brunst der Lieb' und der Rache.
Nacht sank nieder ins Thal, den arbeitseligen Menschen Ruhesäuselnd, den Kummer beschwichtigend, mil- dernd die Sorgen.
Stirn' an Stirne lagen die Heere der Rugen und Lechen, Weitgestreckt, von der Fette des Landes schwel- gend. Ein Bächlein
Sonderte sie. Die Feuer des Lagers durchflammten das Dunkel Roth und grausig. An einer der halbverloderten Eichen
Hatte sich Ritogar niedergestreckt, das Haupt auf dem Schilde. Ihn umflügelten Schlummer und Traum. Es daucht' ihm, er ruhe
Neben dem Fräulein von Krakow auf bräutlichem Lager; und wann er, Sie zu umfassen, die Arm' ausstreckte, so waren die Arme
Welk ihm und schlaff, und wann er mit freundli- chen Worten ihr kosen Wollte, so war ihm die Zunge gelähmt. Urplötz- lich beströmte
Blut das Lager. Urplötzlich begann er zu sinken, und immer Tiefer sank er, und immer umnachtender, grausiger, düstrer
Engt' er sich ein. Da kamen sein Vater, und seines Erzeugers Vater, und grüssten ihn „Sohn!“ und „Willkom- men!“ Plötzlich erwachend
Rafft' er sich auf aus dem nichtigen Traum. Rings um ihn im Lager Waren die Feuer erloschen. Tief Dunkel war um ihn. Der Halbmond
Blickte hervor aus düsterm Gewölk', um auf immer zu scheiden. Ängstlicher ward das Schweigen, die Stille stiller. Dem Helden
Schauerte leis', und es wehet' ihn an, wie Geister- geflister.
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