Glänzend tauchet schon die Sonne Aus kristallner Fluth herauf. Wache zu des Daseyns Freuden, Meine Ida, wieder auf!
Wache auf zum Hochgefühle, Dass du bist, und glücklich bist, Glücklich vor den Myriaden, Die der Strahl des Aufgangs küsst!
Wache auf zu stiller Rührung! Huldige dem grossen Geist, Den der Kreaturen Jubel, Den der Puls der Leben preist.
Aus dem langgeschlafnen Schlummer, Aus dem stummen öden Nichts, Wer hat dich heraufgerufen Zum Genuss des süssen Lichts?
Funfzehn Lenze, funfzehn Winter, Wer hat dich geschirmt, gedeckt? Wer von dir die tausend Würger Zarter Kindheit weggeschreckt?
Wer gab sein Gedeihn und Segen, Dass dein Halm so muthig schoss, Deine Knosp' in Thau und Regen Tausendblättrig sich erschloss?
Wer beschirmt den schlanken Stengel, Dass kein barscher Nord ihn knickt? Wer die kaum entknospte Rose Dass kein frecher West sie pflückt?
Wer gab deinen Augen Helle? Deiner Stimme Lautenklang? Deinen Tritten Rehesschnelle? Anmuth deinem Tanz und Gang?
Deinen Wangen Farb' und Fülle? Deinen Lippen Purpurgluth? Deinem Busen Fried' und Stille? Deinem Herzen frohen Muth?
Und wer blies der Marmorbüste Den lebend'gen Odem ein! Eine Seele, hochbegabet, Engelfroh und engelrein!
Die da denket, die da dichtet, Die sich freut und sich betrübt, Hofft und fürchtet, wählt und meidet, Ahndet, wünschet, schmachtet, liebt?
Die sich weidet nimmermüde An der Schönheit der Natur, An dem Glühwurm im Gebüsche, An dem Veilchen auf der Flur?
Und die von dem goldnen Würmchen, Das auf schlankem Halm sich wiegt, Rastlos weiter, rastlos höher Bis zum grossen Geiste fliegt? —
Lispelt Preise, fliesset Thränen, Huldiget dem grossen Geist, Den der Jubel aller Wesen, Aller Leben Pulsschlag preist! — —
Ida, Ida, meine Süsse, Meine Edle, Liebliche, Schöne volle, rothe Rose, Reine weisse Lilie!
Dass dein Geist des grossen Geistes Ungefälschter Abglanz sey; Dass das Duften deines Kelches Jeden, der dir naht, erfreu;
Dass dich jede Seele liebe, Die das ächte Schöne liebt; Dass dich nie der Trübsinn wölke, Der verlorne Unschuld trübt;
Dass auf dich der graue Vater Seiner Zukunft Hoffnung bau'; Dass der Mutter sorgend Auge Liebend auf dich niederschau';
Dass mit jeder trautern Stunde Inniger das schöne Band Sich verschürze, sich verschlinge, Das um uns die Liebe wand —
Meine Süsse, meine Theure, O so bleibe, die du bist, Ewig bleibe wahr und einfach, Ewig sonder Krümm' und List;
Sonder Firniss, sonder Schminke, Heil'ger Einfalt ewig hold; Mild, wie Täubchen, zahm, wie Lämmchen, Ächt, wie Perlen, treu, wie Gold.
Bleib verborgen, wie Konvallen; Bleib gering, wie Wiesenklee; Anspruchlos, wie Nachtviolen, Makellos, wie Glockenschnee.
Süss, wie Licht, wie Daseyn theuer, Sey des Herzens Stille dir; Ewig einig mit dir selber, Klar dir selber für und für;
Liebe, dulde, hoffe, glaube, Wanke, schwanke, zittre nicht. Kerzen flackern, Lampen löschen, Nie erlischt des Glaubens Licht.
Ida, Ida, meine Süsse, Meine Edle, Liebliche, Schöne duftende Narzisse, Reine, weisse Lilie!
Wirst du also still und milde, Wahr und einfach, treu und rein, Klaren Sinnes, freyen Muthes, Thätig, muthig, tapfer seyn —
O, so wirst du sichern Schrittes Durch des Lebens Irren gehn, Schweigend dulden, lächelnd sterben, Jauchzend wieder auferstehn!
Cookies on Poetry Cove