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1758–1818

Hymne an die Tugend.

Gotthard Ludwig Kosegarten

Dichten will ich ein Lied der unvergänglichen Tugend. Dichten will ich es heiss und kühn, dass, wer sie verkannte,

Schnell aufspringe, die Hohe zu suchen, und wer sie errungen, An die Brust sie drücke mit voller Bräutigams- inbrunst.

Tugend, Himmelgeborne, der Gottheit edelste Gabe, Labsal ewiger Geister, des Jünglings Sehnsucht, des Mannes

Fernher strahlendes Ziel, des Greises theuer er- rungnes Höchstes Gut — Vergönne du Göttliche, dass ich die Schwelle

Deines Heiligthums schauernd beschreite, dass ich des Schleiers, Welcher dein Angesicht deckt, den Zipfel, den äussersten, lüpfe;

Dass ich schaue den Reiz, in welchen entbrannt, die Heroen Jeglicher Zeit und jeglichen Volks, in Gefahren und Tode

Freudig sich stürzten, und gross und berühmt und unsterblich sich starben, Weil sie starben für dich. Ich sehe die Himmlische. Dämmern

Seh' ich die Formen der Göttergestalt im fliessenden Zwielicht. Schauer ergreifen das Herz, und heilige Schrecken den Kühnen.

Tugend, Tugend, der Gottheit Schoosskind, Schutzgeist der Menschheit, Tugend, wie bist du schön! Vor allen Töchtern des Himmels

Schön und lieb und geschmückt mit herzbesiegenden Reizen! Wie so edel die Stirne gewölbt! Das gebietende Auge

Flammen schleudernd! Die Wangen geröthet von Thatenbegierde! Lilienweiss dein Gewand, geschürzt mit dem Gürtel Aurorens.

Tugend, kräftige Rebe, gepflanzt vom Schöp- fer, gediehen Durch des Himmels Regen und Thau zum schatten- den Weinstock!

Siehe, wie funkeln an ihr, wie glühen die pur- purnen Trauben! Schau, wie perlt im goldenen Becher der duftende Heilsaft!

Welcher dürstet, der komm'! und wessen Lippe geweiht ist, Komm' und trinke des köstlichen Weines, und schwöre, von nun an

Nimmer zu kosten der Sinnlichkeit Kelch, noch den Becher der Wollust. Tugend, wie bist du süss dem Liebling, dei- nem Erkohrnen!

Wie der einsamen Braut das Angedenken des Trau- ten! Wie des heiligen Liedes Besuch der Seele des Dichters!

Tugend, wie bist du stark, du Unüberwind- liche Gottes! Bändigst die Lieb' und den Tod, die Bändiger jeg- licher Stärke;

Lächelst, goldene Aehre, dem Stahl des Schnitters entgegen; Opferst grossmuthvoll dein Letztes Bestes dem Schicksal.

Auf von der Erde, hindurch die Luft, weit über die Sterne Wehet der Duft, erschallt der Ruf der Thaten der Tugend.

Melde, mein Lied, damit dich der Spötter des Dünkels nicht zeihe, Melde, was Tugend ist, damit du spottest des Dünkels.

Hemme den Flug ein wenig, Begeisterung! Lass uns die Schwester, Lass uns, was Tugend sey, die kühlere Denkerin fragen! —

Nannten die Weisen dich nicht das Leben des Geistes, sein wahres Unabhängiges Seyn, des Gemüthes kostenden Gau- men,

Sein leishörendes Ohr, sein sorgsam prüfendes Auge, Seinen sicheren Schritt auf graden Pfaden des Rechtes,

Seine Monarchengewalt, zu steuern den lüsternen Sinnen, Dass nicht den göttlichen Geist der Wollust Schlaf- trunk entmanne,

Dass nicht des Schmerzes Wuth der ewige Heros erliege? Bist du nicht, Hehre, der Saiten der Seele lauterste Stimmung,

Ihr harmonischer Einklang in die Akkorde der Schöpfung, Ihr Einfugen im Gliederbau der sittlichen Ord nung,

Ihr Behagen an sich, ihr Gernedaheimseyn, ihr Jauchzen, In sich selbst, im Lebensgefühle der vollen Ge- sundheit!

Bist du nicht, Holde, die süsse, die selige Liebesempfindung, Welche den Geist hinneigt zur uranfänglichen Schönheit,

Ihr Mitwirken zum sicherberechneten Besten des Ganzen, Ihr Hinschaun auf das Eine Nothwend'ge, ihr herz- liches Sehnen,

Ihr unermüdsames Streben, zu schaffen in sich, und um sich Höhere Ordnung, lichtere Klarheit, reineren Ein- klang?

Schau, wie quellen, wie rieseln, wie rauschen in mächtigen Fluthen Nie versiegende Ström' aus dem unausschöpflichen Urborn,

Und durchwässern das Land, und schwängern es, dass es gebäre Kräftige Keim'; es schossen die Keim' im Antlitz des Himmels,

Blühn und wehn weit über die Flur in wogenden Saaten. Reine Jungfrau, wie sind aus deinem züchtigen Schoosse,

Wie der Söhne so viel, so viel der Töchter ent- sprossen! Siehe, wie schweben die Schönen dahin, wie stei- gen die zarten

Reinen Täublein, die freudigen sonnanfliegenden Adler, Lauschend auf deinen Wink, gerüstet, den Wink zu vollführen!

Lass mich singen die stattlichen Söhne, die blühenden Töchter! Der du, ernsten Blicks, gehorsamheischenden Anstands,

Hader schlichtend, und Frieden gebietend, und Brüder versöhnend, Jene Schaaren durchwallst; wer bist du, Himmel- geborner?

Rede, wer bist du! wer trittst du einher so trotzigen Schrittes? Sey mir gegrüsst in deinem Vermögen! Dich grüssen die Völker,

Grader gerechter Sinn! Des Rechtes ewiger Eckstein! Goldner Pfeiler der himmlischen Ordnung! Schrecken des Drängers!

Aber der Leidenden Hort, ein Schild der flüchten- den Unschuld. Siehe, wie birget so blöde sich hinter dem schattenden Mayen,

Wie so sittsam verhüllt, umrollt von fliessenden Locken, Feuernd die Wange von Scham, die Brust von Rosen umduftet,

Liebenswürdig und allgeliebt die heilige schuld! Ach, wie senkt sich ihr Blick vor jedem fremderen Anblick!

Ach, wie erschrickt ihr Ohr vor jedem leisen Ge- flister! Ach, wie zittert ihr Herz von ungestandnen Ge- fühlen!

Warum fliehst du, wie schüchterne Rehe des Wal- des, Geliebte? Hüte dich! Rein ist dein Kleid; dass der Gasse Staub es nicht schmutze!

Zart dein Antliz; dass nicht der sengende Mittag es bräune! Aber geschmiegt an die göttliche Mutter, mit trauerndem Anstand,

Mit gesenkterem Blick, mit thränenschimmernden Augen, Seufzergehobner Brust, und mitleidlächelnder Lippe,

Redet, wer ist sie, wer sieht sie so trüblich, ein Stern aus des Abends Thauendem Dufte? — Ich kenne dein Antlitz — die segnenden Völker

Nennen dich Tochter der Mutter, Dich, den Liebling der Erd' und des Himmels. Reges Erbarmen

Schwellet dir ewig die Brust, und ewig nässen die Augen Thränen des Mitleids. Die Plagen des Lebens, der Stachel der Armuth,

Und des Schmerzes durchdringender Schrey, der schweigende Jammer, Den nur die Mitternacht hört; der Trennung Herz- leid, der Jammer

Brechender Augen und berstender Herzen, der Übriggebliebnen Trostverschmähendes Händeringen, zerfleischet, zu Weiche,

Dir das fühlende Herz; doch schweigst du, eilest und rettest. Schau, wie sie schleicht mit schwellendem Schooss in die Hütte der Armuth!

Sieh, wie sie träufelt Öl und Wein in die Wunden des Siechthums! Wie sie sich grämt mit dem düsteren Gram! zur stummen Verzweiflung

Setzet sie auf den Gräbern sich hin, und waget den stummen Starren Schmerz zu mildern in heilende Wehmuth. — Wie schallt es

Hoch um die Göttliche her von Dankgestammel, von lautem Lobgepreise, von Stimmen der segnenden Liebe! Die Stimmen

Klingen der Edlen, wie Lispel aus Edens seligen Chören. Sie durchströmet der Götter Gefühl, das nimmer- gesungne,

Nimmerzusingende Himmelsgefühl, unsäglich zu lieben, Und unsäglich geliebt zu seyn, wie die selige Gott- heit.

Neben der Göttlichen strahlst, in voller Reife der Schönheit, Du, o Lockens und Kants und Sokrates Freundin, o

Schau, wie sie heftet den prüfenden Blick auf das Wahre, das Gute! Wie sie folgt mit geschärftem Auge dem Fluge des Denkers!

Wie sie worfelt die Spreu von dem reinen Weizen, die Schlacken Siebenmal abschmelzt, eh sie des lauteren Goldes sich freuet!

Sinnend geht sie einher am Rande des Baches, und spähet In der Natur verborgenem Schooss. In die Tiefen des Erdballs

Steigt sie hinab, und erfliegt in gestirnten Nächten den Himmel. Jegliche Feder und jegliches Rad des gewaltigen Uhrwerks,

Alles Endlichen Maass und Zahl und Inhalt er- forscht sie; Jegliche Falt' im Herzen der Menschen entblättert sie; jede

Chiffer im offenen Buch des Menschengesichts liest sie. Jeder leisen Begier und jeder dämmernden Ahn- dung

Folgt sie durch labyrinthische Gäng' in das heilige Dunkel Ihrer Geburt. Sie ergründet des Wissens schwin- delnden Abgrund,

Misst die Kräfte, und reiht die Geschlechter, und ordnet die Arten, Unermüdsam besorgt, zu fassen die Regel des Ganzen,

Einzugreifen mit rüstiger Kraft in der herrlichen Schöpfung Starkes Getrieb', in die Axe des unermesslichen Weltalls —

Wachsende Sittlichkeit zu fördern, und steigende Gnüge. Siehe die Zwillingsschwester der Weisheit; die Mutter gebar sie

Neben der frühern, und nannte sie Frisch ist ihr Ansehn; Schlank ihr Wuchs; behend ihr Bewegen; die Gluth der Gesundheit

Färbt ihr den blaugeaderten Arm und die Fülle der Wange. Denn sie leeret nur halb des Weins berauschenden Becher;

Sparsam geneusst sie der Frucht des Halms, und des Saftes der Palme; Nimmer verwöhnt ihr den Gaumen die kitzelnde Würze des Auslands.

Nimmer ertappt sie die goldene Sonn' in späterem Schlummer. Jede niedre Begier und Gunst erschlaffender Wol- lust

Opfert sie willig dem edleren Dienst der Schwester, der Weisheit. Diese die göttlichen Kinder der göttlichen Mutter. Die Bosheit

Zürnt' ob ihrer Schöne, verschwor sich, ewige Fehde Ihnen zu bieten. Da ward dem waffenlosen Ge- schwister

Ein Beschirmer geboren, ein kriegrischer Bruder. Gewaltig Ist sein Arm, wie der Blitz, sein Schild ein fun- kelnder Demant,

Seine Lanze gestählt in Sirius feurigem Ofen. Heldenmuth ist sein Name. Sein Thun ist Schwei- gen und Retten. Mächtig bahnt er die Pfade des Rechts dem richten-

ten Bruder; Fürchterlich bäumt er die strahlende Lanze zu schir- men die Unschuld. Jede grelle Gefahr, die, ein Riesengebirg', vor ihm

aufsteigt, Überspringt er, wie Maulwurfshügel. Der Tück' und der Bosheit Schleudert er Kling' und Schaft der splitternden

Lanz' an die Stirne. Sieh, wie er spottet in seinem Vermögen des Wüthe- richs Ohnmacht! Wie er so ruhig steht dem hämisch grinsenden

Tode! Flammen sprühet sein Blick, und Strahlen die Stirne. Gewaltig Schwillt ihm die Sehne, gewaltig der zuckende

Muskel. Es strafft sich Jegliche Kraft in ihm, zu retten die leidende Un- schuld, Zu zermalmen den Dränger, zu sühnen jegliche

Thräne, Die er entpresste, mit lauen Strömen des schuldi- gen Blutes. Tugend, wie lächelst, wie prangst du in Mit-

ten deiner Erzeugten! Wer mag nennen die Kinder, die deiner Wurzel entsprossten, Wer ermessen die Thaten, die ihren Rechten ent-

blitzten! Wer erzählen die Namen der Edeln, der Helden und Weisen, Welchen du würdigtest, Hehre, zu zeigen das

göttliche Antlitz, Dass sie, von deiner Schöne gerührt, entzündet in Liebe, Schnell an die duftende Brust dir sanken, vom lin-

den Gesäusel Deines Athems beseelt, gekräftigt durch deine Um- armung Thaten thäten, darob der staunende Erdkreis auf-

stand! Soll ich singen die Namen der Helden, die Preise der Thaten, Welche flammen in Sternenschrift am Bogen des

Himmels, Welche verkündigt die Vorwelt der Zukunft, der Äon dem Äon, Welche der späte Enkel, der Jüngling werdender

Zeiten, Hört, und entbrennt, auffährt aus schönen Träumen, sich grämet, Dass er nur träumte, ergrimmt ob seiner Dunkel-

heit, aufspringt, Strebt, wie die Väter zu seyn, und gleich den Vätern berühmt wird? — Singe sie nicht, mein Gesang! In der Zeiten strö-

mendem Jubel Würde doch nur unhörbar dein leises Lispeln ver- hallen, Wie das Säuseln des Blattes im tausendstimmigen

Sturmwind. Aber singe die selige Ruhe der Tugend, den Frieden; Singe, welchen die Hohe gewähret dem Sohne des

Staubes, Welcher die Himmlische sich erkohr zur Braut und Gespielin. Heil dem Gottgeliebten, dem Freund und Jün-

ger der Tugend! Mög' er wohnen in leimerner Hütte am Rauschen des Baches, Mög' er weiden mit Ruthen des Bachs die wollige

Heerde, Mög' er wohnen in thürmender Burg, und mit gol- denem Zepter Nationen weiden — Ihm ist das goldene Zep-

ter Leicht, wie des Hirten Gerte; dem Hirten die schwanke Gerte Lieb und werth, wie dem Völkergebieter das

dene Zepter. Heil dem Günstling des Himmels! In abgeschie- dener Stille Fühlt er sich glücklich, und glücklich im Strudel

der schwindelnden Menge. Nimmer bewölkt sch sein innerer Mensch. Es er- starret sein Busen Nimmer im öden Frost der Seelenleerheit; und

nimmer Senget ihm aus den Röhren das Mark der Leiden- schaft Samum. Heil dem Vielbegabten, dem Nimmerdarbenden!

Nimmer Mangelt der Schatz ihm, den Diebe nicht stehlen, und Flammen nicht fressen. Du, o Mässigkeit, bleibst ihm, und du, o Seelen-

genüge! Heil dem Gerechten! Wie steht er so freudig, so sicher! Der Schrecken Sträubet ihm nimmer das Haar, noch bleichet die

Furcht ihm die Wangen. Seine Thaten lagern sich um ihn, ein schirmendes Kriegsheer. Furchtlos tritt er einher. Statt einer ehernen

Mauer Dient ihm, vor keiner Schuld zu erblassen, vor keinem Verbrechen. Selig ist er. Der Eymer der Freuden leeret sich

nimmer, Nimmer der Becher lieblicher Kühlungen, welcher ihn labe, Wenn ihn die Schweisse der Tugend ermatteten,

weil er die Lasten Seiner Brüder, und eigene Lasten, zu treulich ge- tragen. Hehre Göttin, mein Herz entbrennt dir. Das

glänzende Auge Weinet dir nach, o allmitleidige Freundin des Kummers. Schonend beschwichtigest du des Lebens schluch-

zende Klagen. Über fliesst von Tröstungen Gottes dein goldener Becher. Süss ist dem Gramerschlafften, an deinem Busen zu

athmen, Lieblich dem Jammermüden, in deinen Armen zu schlummern. Tugend, Tugend, der Gottheit Funke, Fackel

des Himmels! Wehe mir, heilige Flamme, voran auf nächtlichem Pfade, Dass nicht irre die täuschende Nacht den zweifeln-

den Wandrer. Tugend, Tugend, der Menschheit Glorie, Lä- cheln des Geistes, Nieversiegender lauterer Quell der lautersten Freu-

den, Einziges, was hienieden nicht Tand, noch Täu- schung, noch Traum ist, Einzige, deren Genuss nicht Reue gebieret, noch

Ekel, Einzig unabhängige Seligkeit, immer dir selbst gleich, Nimmer ändernd, und nimmer alternd, und nimmer

ermüdend, Unaussingbare Würde des Geistes, Leben des Le- bens, Thätig wie Frühling, gewaltig wie Jugend, süss

wie die Liebe, Wollest dich, Heldin, erbarmen des rastlos schwär- menden Jünglings Wollest letzen an deinem Busen sein Dursten und

Schmachten, Wollest ihn lullen in deinem Schooss in heilenden Schlummer. Hab' ich dir nicht, wie der Amme der Säugling,

entgegengezappelt? Hab' ich dir nicht entgegengedurstet, wie Auen dem Regen? Hab' ich nicht fest an dir gehalten im schütternden

Sturme? Wollest nicht von dir stossen, o Gute, den flehen- den Waller! Wollest ihn bergen und retten bey dir, damit ihn

der Jugend Leidenschaftliche Gluth nicht entnerve, damit er nicht ewig Nach verwehetem Rausch hinstarr' in grässliche

Kälte! Wollst aufhauchen in seinem Innern dein heiliges Feuer, Dass er Flüge des Adlers auf Sonnenbahnen er-

fliege! Wollest ihm reichen dein Schwert, ihm gürten die rüstige Lende, Dass er steh' ein freudiger Held in Schlachtenge-

tümmel, Dass er trotz' an deinem Busen dem Neide des Schicksals, Dass er vergesse bey deinem Kuss, in deiner Um-

armung, Was er an nenlocken, Süss wie Lilienduft, und rein wie Lilienblüthe! —

Heimische Erde, du bist der Gräber Heimath. Des Wandrers Fusstritt schwindet spurlos dahin. Sein Name ver- hallet,

Wie der Gesang des Vogels im Walde. Die Winde des Himmels Kämpfen um seinen Staub. Ach, tröste mich, ewige Tugend,

Tröste mich, wenn mich umrauschen des Todes nächtliche Flügel, Wenn mich, ein Meuchelmörder, ergreift der Ge- danke des Tilgens

Aus der Lebendigen Land', und aus der Seele der Lieben — Tröste mich, himmlische Tugend, mit deiner ewi- gen Schöne!

Ewig ist Tugend. Ihr Strahl erlischt, ihr Leben verwelkt nicht. Werde laut, mein Gesang, wie Erndtegejauchz, wie Siegsruf

Nach bestandenem heissen Schlachttag. Stürme die Harfe Mächtig hinab in vollen Griffen, und singe der Tugend

Ewige Schöne, dass kaum die bebenden Saiten es tragen. Ewig ist Tugend. Ihr Leuchten erlischt, ihr Leben versiegt nicht.

Sieh, es verwelkt, es verweset der Blumen des duftigen Kranzes, Welche die Stirn' ihr schatten, nicht Eine. Der hellen Juwelen

Ihres Sterndiadems verblasst in Ewigkeit keine. Sieh, in der Ewigkeit nimmer ermessenem, nimmer beschifftem Ocean treiben die Zeiten und drängen sich Wog'

auf Woge. Schau, wie fluthen die Hundert! wie rollen die tausendmal Tausend Brausend dahin, und reissen hinweg in wirbelnden

Strudeln Alles, was ist, und war, und seyn wird! — Nur die Gottheit Bleibt, wie sie ist und war, und der Gottheit

Tochter, die Tugend. Horch, wie ächzet, wie stöhnt des Weltalls mächtige Axe! Schau, es brechen die Angel der Erde. Die Sparren

des Himmels Krachen. Der Feste lasurene Wölbungen trümmern. Der Himmel Krümmet sich in Gebärerinwehen, ermannet sich,

schüttelt Sonnen und Erden und Sterne hinunter. Die tau- melnden Welten Stürzen zusammen in Schutt und Graus. — Die

göttliche Tugend Flüchtet die scheiternden Trümmer hindurch, durch die stiebende Asche, Durch der berstenden Balle Geschrey, und die

wehenden Flammen Hoch hinauf zum Stuhle des ewig lebenden Vaters. Und der ewig liebende Vater breitet die Rechte

Schirmend über sie aus. Sie küsst die Rechte des Milden, Der sie umfängt mit dem waltenden Arm, mit am- brosischem Kusse

Sie begrüsst, und sie birgt in seinem sicheren Schoosse.

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