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1758–1818

Elisium .

Gotthard Ludwig Kosegarten

Vorüber die lange Nacht? Vom eisernen Schlummer erwacht, Bin ich? leb' ich? athm' ich wieder? Schwebe mit sonnebestrahltem Gefieder

Hervor! herauf aus grausender Gruft! Hindurch die sausende Himmelsluft! Hindurch des Äthers schwellende Fluthen! Entgegen Aurorens Purpurgluthen!

Entgegen dem vollsten Mittagslicht! Sein Glanz, sein Gluthmeer blendet mich nicht — — Staunen, Entzücken, ich trage dich nicht!

Unbekanntes Bangen, Namenlose Lust, Schüchternheit und Verlangen Heben die stürmende Brust.

Wechselnde Schauer, Freud' und Trauer Süsse Wehmuth, köstlicher Schmerz Schüttern das bebende

Strebende Herz. Wonne, die mich durchschauert, Du bist nicht Erdenwonne!

Hehre, die droben wandelt, Du bist nicht Erdensonne! Anders ist dieser Himmel! Anders diese Flur!

Blauer und milder der Himmel! Duftender, grüner die Flur! Ambrosische Saaten durchfluthen die Felder, Unsterbliche Stimmen durchflöten die Wälder;

Den Quellen entrieselt Harmonikaklang, Den Bächen entmurmelt Schlummergesang. Jedes athmende Blümchen Nickt mir leisen Gruss,

In jedem schmeichelnden Lüftchen Umschauert mich Geisterkuss. — — Ich selbst! wie anders! Wie Kraftgeflügelt!

Wie geniusstark! Mir schwellet den Busen dämonisches Leben! Mir spannet die Muskeln gewaltiges Streben! Unsterblichkeit wogt mir durch Nerven und

Mark! Röthe des Aufgangs entschimmert der Wange! Mir entrieselt die Stimm' in melodischem Klange! Mir entrollen die Locken, wie ringelndes

Gold! Der Himmlischen Einer durchschwimm' ich die Lüfte, Umsäuselt die Schläfe von Mayengedüfte,

Mit schimmernden Strahlen die Scheitel umrollt. Wonne, die mich durchschauert, Wer bist du, Mächtige? Sonne, die droben wandelt,

Wer bist du, Freundliche? Rieselnde Quellen, kristallene Seen, Funkelnde, sonnenvergoldete Höhen, Amaranthenduftendes Blumenrevier,

Sagt mir, wer seyd ihr, ihr Nimmerbesungnen, Nimmer mit Schwinge der Ahnung erschwungnen, Saget, ach sagt, ach verkündet es mir. Stimmen.

Chor. Willkommen! Willkommen! Willkommen!

Willkommen in Elisium! Du bist dem Staub' entnommen! Vom Tode losgekettet, Aus Nacht und Grab gerettet —

Bist in Elisium! Wo alle Dunkel tagen, Wo jedes bange Klagen Gejubel wird, die Sehnsucht

Genuss wird, und die Hoffnung Ihr Ziel erfliegt — Willkommen! Willkommen! Willkommen!

Willkommen! Willkommen in Elisium! Einzelne Stimmen. Dessen Seele rastlos schwärmt' und strebte,

Dessen Busen rastlos wogt' und webte Von der Leidenschaften Sturm und Drang — Ruhe nun in unsern stillen Thalen, Eingewiegt von lauen Abendstrahlen,

Eingelullt von Nachtigalgesang. Der du lechztest in des Stoffes Enge, In der Massen lastendem Gedränge, Nach den Räumen der Unendlichkeit —

Schwärme fröhlich nun durch Ewigkeiten In des Weltalls ungemessnen Weiten. Schrankenlos sind Edens Raum und Zeit. Weckten dir des Ruhmes Donnerglocken,

Dir die Lorbeern in der Helden Locken Unmuth, Eifersucht und Thatbegier? Jüngling, hier sind Kränze zu erringen, Säulen zu erstreben, Lorbeern zu ersingen,

Auf und wirb, und kühn erwirb sie dir! Trachtete dein Geist mit regem Trachten, Schmachtete dein Herz mit heissem Schmachten Nach der Wahrheit ungetrübtem Quell —

Ihre Pforte sey dir hier entriegelt! Ihr geweihter Urborn dir entsiegelt! Schöpfe, Lechzer, schöpfe tief und hell! In der Heimath bunter Nichtigkeiten

Träumtest du dir thöricht Seligkeiten, Die nicht Überdruss, nicht Reue trübt. Liebe lechzten deine Flammentriebe? Sey geliebt von uns mit jener Liebe,

Welche zehnfach der Empfangne wiedergibt. Oder sind die Trauten dir entwichen? Freunde dir im warmen Arm erblichen? Sey getrost! die Flüchtlinge sind hier,

Halme, die des Schicksals Finger knickte, Blumen, die der Hauch des Todes pflückte, Sammeln, hegen, und bewahren wir! Liebende, für jene Welt geschieden,

Wandeln hier in ewigsüssem Frieden Arm in Arm in Haynesdämmerung. Ihrer Fackeln Brand verlodert nimmer, Ihrer vollen Urn' entsprudeln immer

Freuden ewig frisch, und ewig jung. Alle Thränen, die die Erde weinte, Alle Wünsche, die der Staub verneinte, Trocknet und erhört Elisium.

Alle Kämpfe, die die Tugend kämpfte, Alle Stürme, die die Weisheit dämpfte, Endet und belohnt Elisium. Chor.

Willkommen! Willkommen! Willkommen! Willkommen in Elisium!

Du bist dem Staub' entnommen, Der Eitelkeit entschwunden, Der Thorheit Arm entwunden, Des Fesselzwangs entbunden,

Bist in Elisium! Wo keine Ketten klirren, Wo keine Klagen girren, Wo keine Nebel irren,

Wo Licht und Lieb' und Tugend Einheimisch sind. Willkommen! Willkommen! Willkommen!

Willkommen! Willkommen in Elisium — Welche Ruhe, welcher Friede, Welche wollustreiche Müde,

Welche Agonie der Lust — Welch würgendes Entzücken, Welch Schlagen und welch Drücken Durchtobet die kämpfende Brust!

Alles vorüber! Alles verwallt! Jeder Kummer verschwunden! Jede Klage verhallt!

Jedes Wetter verwittert! Jede Schranke zersplittert! Jede Fessel gesprengt! Allen Engeln entschwungen,

Jede Klemme durchrungen, Jedem Gedräng' entdrängt! Jeder Seufzer verstöhnt! Jede Sünde versöhnt!

Alle Kämpfe gekämpft! Aller Aufruhr gedämpft! Hinausgehoben über Trug und Wahn, Über der Thorheit stürmischen wilden Orkan!

Über der Falschheit tückisches Heucheln! Über des Laurers giftiges Schmeicheln! Über des Neides Zähngefletsche! Über der Klatschsucht Luggeträtsche!

Über der Ehrsucht umdonnerte Höhn! Über der Trennung betäubende Wehn! Schlaff der Bogen des Schicksals! Des Todes Sense stumpf!

Sieg! Sieg! Jubel! Jubel! Triumph! Triumph! Triumph! Alles bestanden!

Alles besiegt! Geschlagen jegliche Schlacht! Jegliches Opfer gebracht! Selige Tugend, dir nun ewig treu,

Himmlische Wahrheit, ewig froh und frey. Mich lehnen an deinen reinen Busen, Dir schauen in dein hellstrahlend Antlitz, Mich weiden an deiner Engelschöne —

Deinen Schleyer zerreissen, spröde Feye Natur! Dir folgen durch Feld und Wald und Flur, Behorchen deine leisesten Tritte, Belauschen deine verhülltesten Schritte,

Mich wagen bis hart an die Säume des Nichts, Mich schwingen bis hoch zur Quelle des Lichts, Rudern im weiten Raum der undurchschiff baren Leere,

Durch der donnernden Schöpfung Inselmeere, Von Pol zu Pol, von Sphäre zu Sphäre, Vom Zum

Von Hyaden, Von Weltengestaden zu Weltengestaden, Die

ler nicht sah — Luft! Luft! Freyheit! Freyheit! Victoria! Victoria! Victoria!

Und welche süsse Botschaft Drang dem Entzücken in das trunkne Ohr! Euch soll ich wiederschauen, Die sich mein Herz erkohr!

Die ihr euch liebend an mich hinget, Die ihr mit Inbrunst mich umfinget, Mit eurem Muth mich stützetet; Die ihr im Frost der Welt an eurer Brust mich

wärmtet, Des Jünglings Schwäche trugt, um meinen Gram euch härmtet, In meine Jubel jubeltet!

Geliebte meines Herzens, Vertraute meiner Seele, Wo seyd ihr? In welchen Rosenschatten,

An welchen Silberquellen, In welchen Haynen wandelt ihr? Wo staunt mein Wo mustert mein

Wo flicht das edle Weib, das mich gebar, Sich Blumen in ihr blondes Haar? In welchem blühenden Gefilde Lustwandeln

An welches Baches veilchenblauem Rand Pflückt In welches Haynes Dämmerungen, Von Nachtigalen rings umsungen,

Von ihrer Wallt meine freundliche Und die, die mich mit treuem Arm umschlang, Durch jedes Dorngeflecht des Lebens mit mir

drang, Mit nimmerlauer Liebe mich beglückte, Mit nimmermüder Duldung mich erquickte, Und Labung noch in meine Seele blickte,

Als mir das Licht entschwand und mir die Erd' entwich — Wo, meine Die ihr mich im Staube liebtet,

Mit mir ranget, mit mir strittet, Mit mir jauchztet, mit mir littet, Himmlische, wo find' ich euch? Immer heisser — säumt nicht länger —

Immer lauter, immer bänger Schlägt mein liebend Herz nach euch. Schau! Es glänzt!

Des Haynes Nacht Entrauscht, wie Lautengelispel, Entwallt, wie Mondenflimmer, Eine Strahlengestalt.

Schimmergelockter, Ätherumflossner, Blühender, strahlenumgürteter Jüngling, Ich kenne dich —

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