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1758–1818

Elegie An Rosa .

Gotthard Ludwig Kosegarten

Eine Rose blühte. Sie war die schönste des Gartens; Ihre schwellende Brust funkelt' im perlen- den Thau;

Ihre Blätter erglühten im Widerscheine des Früh- roths; Ihr vollströmender Duft lockte den Wandrer herbey.

Jünglinge liebten die Holde; des Thales blühendste Töchter Hingen zärtlich an ihr, staunten erröthend sie an —

Aber sie welkt'; ihr Purpur verblich, ihr athmen- der Duftkelch Lechzte versiegt; verdorrt trieben die Blät- ter umher.

Frühlinge wurden geboren, und Frühlinge starben; der Rose Uranfänglicher Stoff schwebet' im Äther umher.

Und es beseelte des Ewigen Hauch den wandelnden Urstoff, Hauchete Stimm' und Gesang, Leben und Lieben ihm ein.

Eine Nachtigal ward er, die liederreichste des Thales. Durch die Weiden am Bach flötet' ihr schmelzendes Lied.

Liebende wandelten horchend am Bach, und inniger schlang sich, Wenn die Sängerin schlug, an den Verlobten die Braut.

Einen Frühling sang sie. Es welkte der freundliche Frühling, Und der Sängerin Lied tönte nicht ferner am Bach.

Mit den sinkenden Blättern entsank sie dem Aste des Strauches, Und zum Äther zurück wallte der flüchtige Staub.

Frühlinge wurden geboren und Frühlinge welkten. Noch immer Wallte der Sängerin Staub in dem ätheri- schen Raum.

Wieder beseelte des Ewigen Odem den wandelnden Urstoff, Hauchte lebendigern Hauch, edlere Schön- heit ihm ein.

Und er reift' empor zu einer unsterblichen Seele Leuchtender Hülle, zu dir, edele Rosa, empor. Sieh', ein holdes Mädchen entblühte der Asche,

mit jeder Herzgewinnenden Huld, jeglicher Güte be- gabt, Traut, wie Schatten, demüthig, wie Veilchen,

milde, wie Lenzthau, Rein, wie der Lilie Kelch, süss, wie Narzissengedüft. Unter dem Auge des Himmels, und unter des irdi-

schen Vaters Zärtlichschirmendem Blick knospte das Mäd- chen empor. Sechzehn Frühlinge flohn und sechzehn Herbste ver-

welkten. Jeder kehrende Lenz schwellte den knospen- den Keim; Und nun drängte die Blum' in tausendblättriger

Schönheit Düfteschauernd hindurch, schamhafterrö- thend hervor. Ihre Wangen mahlten die leisesten Tinten des Früh-

roths; Um des Auges Stern ringelte himmlisches Blau; Goldner Locken Gewölk umwallte die leuchtende

Stirne. Leicht, wie Rehe des Hayns, schwebte die Huldin daher. Jeglichem rührenden Laut der Lippen entbebet' Em-

pfindung, Und aus jeglichem Blick glänzte die Seele hervor, Ihre noch reine, noch unentheiligte Seele, des

Schöpfers Mildester Odemzug, heiter, besonnen und klar; Nie verschroben durch Wahn, und nie verfinstert

durch Launen, Nimmer durch Dünkel entweiht, nimmer durch Schalksinn entstellt, Nein, durch Einfalt verschönert, veredelt durch

Liebe zur Tugend, Und durch Liebe zu dir, Vater des Lebens und Lichts. Also blühte das Mädchen, und also wallt' es ge-

räuschlos Deinen blumigen Pfad, freudige Jugend, hinab. Zween Abgründe belauschen die Pfade des wandeln-

den Mädchens, Dieser der Eitelkeit, jener des falschen Ge- fühls. Aber sie täuschten sie nicht. Von Gottes Auge ge-

leitet, Mied sie die Lockenden, ging graden und sicheren Pfad, Dachte, doch ohne zu träumen, empfand doch son-

der Empfindeln, Fühlt', und handelte mehr, liebte, doch liebelte nicht, Liebet' und wurde geliebt — O höchstes, schönstes

der Loose, Allen geliebet und werth, allen geliebet zu seyn! Was beblümet die Pfade des Lebens? Was kühlet

des Pilgers Brennende Schläfe, was wärmt ihn in er- starrender Nacht? Seliglächelnde Freundschaft, du thust es, du reiche-

test Rosen Deinen goldenen Kelch, perlenden Nektars so voll! Tochter des Himmels, du führtest dem Mädchen

ein Mädchen entgegen, Edel und fühlend wie sie, zärtlich und lie- bend, wie sie. Und sie gewannen sich lieb mit unvergänglicher

Liebe; Wandelten Arm in Arm zwischen den Blu- men der Flur; Schmolzen Seel' in Seele bey jedem höhern Gedan-

ken, Jeglichem schöneren Bild, jeglichem regern Gefühl; Spiegelten jegliche sich in ihrer Lieblingin Antlitz;

Übten in jeglicher Kraft, jeglicher Thätig- keit sich. Also wallen auf himmlischen Fluren zwey ähnliche Seelen,

Trinken des nehmlichen Kelchs, kosten der nehmlichen Frucht, Also wandelte Rosa an ihrer Amalia Armen, Bis sie ein heisserer Arm ihrer Umarmung

entwand, Bis die Myrte des Bundes die goldenen Locken ihr kränzte, Und das spätere Band herrisch das ältre

zerriss. Frühlinge blühten und Sommer verreiften und Herbste verwelkten, Auf dem Fittig des Sturms stöberten Winter

vorbey. Und noch wallte, wie eine Erscheinung aus besse- ren Welten, Reich an Tugend und That, Rosa auf irdi-

scher Flur. Hochauf wallte der Duft von ihrer Tugend, zum Himmel Rauschte die wogende Saat edeler Thaten

empor. Ähre, du neigst dein Haupt, vom Segen Gottes belastet! Reife Frucht, du entsinkst leise dem be-

benden Ast. Also neigte sich Rosa, gereift zu besseren Wel- ten, Senkte öfter den Blick ruheverlangend

hinab. Einen schimmernden Jüngling — es war der Engel des Mädchens, Leuchtender, liebender hat keinen der Him-

mel erzeugt — Sandte der Vater der Geister, die Tochter zu holen. Er schwebte Um die Schlummernde her, flisterte zärtlich

ihr zu: „schwester, komm' hinweg!“ Da verrannen, wie rauschende Wogen, Ihre Sinne. Hinweg schwanden ihr Erde

und Tag. Nächtliches Dunkel umdämmert' ihr Aug'. Ambro- sischer Schlummer Überwältigte sie, säuselt' in Träume sie

ein, Goldne Träume von Perlen und Kränzen und Pal- men von Edens Nimmererlöschender Lust, nimmerversiegen-

der Ruh. Mit dem erblühenden Morgen entfloh die entkleidete Seele. Ihr Gewand aus Staub ward in die Erde

gesät. Blumen sprossten empor auf ihren Rasen. Es klag- ten Trauerharfen, und sanft thaueten Thränen

hinab — — Und wenn meine Harfe nicht dann auf ewig ver- stummt ist, Wenn dem Trauernden noch glänzet das

Licht des Gesangs: Siehe, so raff' ich mich auf in meinen silbernen Locken, Sing' ein heiliges Lied über der heiligen

Gruft, Dass ein Schauer des ewigen Lebens den Rasen um- rausche, Und den schlummernden Staub süsserer

Schlummer umfah. Frühlinge welken zu Hundert, und Herbste verrieseln zu Tausend; Reissenden donnernden Stroms strudeln die

Zeiten dahin. Immer noch schlummert im Busen der Erde die heilige Asche, Schwimmt im Sonnenstrahl, wiegt sich in

wogender Luft. Aber nun hebt aus dem Schoosse der Nacht sich ein ewiger Morgen Schön und süss und still, feyerlich, schreck-

lich und hehr. Gräber schwellen und Urnen gebären; aus rau- schenden Feldern Keimt unsterbliche Saat, fluthet zum Him-

mel empor — — Welche verklärte Gestalt entblühet der berstenden Urne? Schüttelt aus goldenem Haar freudig den

nichtigen Staub? Rosa, sey mir gegrüsst in deiner unsterblichen Schön- heit. Deinem Aug' entsprühn sterbliche Schimmer

nicht mehr. Mehr denn Röthe des Aufgangs bestrahlt dir die leuchtende Wange; Mehr denn Westgeweh ringelt dein rollen-

des Haar — Rosa, wo schwebest du hin? Durch welche strah- lende Zonen Trägt dich dein Sonnenflug, leuchtender

Seraf, empor? Willst du baden im Strome des Lebens? des himm- lischen Lichtes Urquell trinken? des Borns, welcher Vol-

lendete tränkt? Willst du suchen den Hayn voll silberrieselnder Quellen, Wo ins Quellengeräusch jubelt der Seligen

Chor? Willst du mengen dein jubelndes Lied in die Chöre der Feyrer, Dass, wie ihnen, auch dir, Fülle der Se-

ligkeit ward? Fahre wohl, Geliebte! Nun sind der Endlichkeit Fluthen Alle verflossen. Verrollt ist der Vergäng-

lichkeit Bach. Alle Zeit ist verschlungen, und alles Ende ge- endet. Jedes Ziel ist errannt, jegliches Kleinod

ersiegt. Droben ist alles bleibend, und alles daurend, und alles Fliegt geraden Flugs Bahnen des Adlers

empor. Droben wachsen die Töchter der Tugend von Güte zu Güte, Klimmen von Kraft zu Kraft, reifen von

Heile zu Heil, Fallen alle geläutert zuletzt und alle vollendet Dir in den liebenden Schooss, ewige Schön- heit, zurück!

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