Warum bist du so ernst? und warum thauet die Thräne Deine glühende Wang', edeles Mädchen, herab?
Warum hüllet dich Dunkel, und warum wölket dich Trübsinn, Da der Morgen dich weckt, welcher ins Daseyn dich rief? —
Wallen etwa die Schatten der abgeschiedenen Stun- den Deine Seele vorbey? Siehst du die flüch- tige Schaar
Deiner Monden und Jahre sich stürzen in drängen- den Wogen, In der Vergangenheit alles verschlingendes Meer?
Rufst du die Freuden zurück, die dir im Schoosse der Vorzeit Blühten? Winkst du dem Gram, welcher dich trübte, zurück?
Lass sie ruhen! Sie sind verschwunden, wie nich- tige Schatten. Lass ihn schlummern! Er schläft in der Vergessenheit Nacht.
Freue dich deiner Jugend. Noch gürtet ihr rosiger Gürtel Deine Hüfte; dein Haar ringelt die Freund- liche noch.
Freue dich deines Seyns; denn süss ist Seyn, und erfreulich Ist es zu athmen. Und schön lächelst du, seliges Licht.
Perlen streuet die Sonn' im Aufgang, Perlen im Abend. Freundlich leuchtet der Mond über die schlummernde Welt.
Lüstern lächelt die Erd' am Bräutigamsbusen des Frühlings. Leise pflücket der Herbst ihre Verwelkun- gen weg.
Feyerlich ruht sie im Leichengewande des blenden- den Schneees, Bis sie verjüngt und verschönt wieder den Gräbern entblüht.
Ja, es ist süss zu athmen auf Gottes herrlich be- gabter Schöner Erd'. Es ist Wonne, zu wandeln auf ihr.
Wonne ist es, zu schaun des Frühlings funkelnden Brautschmuck, Wonne zu schauen den Wald glimmen im silbernen Reif.
Hohe Wonn' ists zu schaun des Menschen göttliches Antlitz, Glühend von tiefem Gefühl, feuernd von Thatenbegier.
Höhere Wonn' ists, Herzen erobern, am Busen der Freundschaft Hoch aufathmen, im Arm liebender Lieb- linge ruhn.
Aber die höchste der hohen, der seligen Wonnen ist Wohlthun, Übung der eigenen Kraft, Leistung der hei- ligen Pflicht.
Diese Wonne sey dein! In dieser Wonnen Um- schlingung Möge dein Leben so hell, meine Geliebte, verwehn,
Mög' es vergleiten, wie Mondenschimmer auf spie- gelndem Meere, Mög' es verschweben, wie Hauch über den Saiten verschwebt!
Mädchen, noch trittst du einher im Strahlengewande der Schönheit, Leicht, wie ein athmender West, blühend, wie Blüthe des May's.
Deine Wange beschämt Aurorens glühende Wan- ge; Deines Busens Schnee blendet den blenden- den Schaum,
Welcher den Fluthen entrollt. Der Locken däm- mernde Nebel Wallen ringelnd und voll rings um den wöl- benden Hals.
Flamme des Himmels beseelt dein schimmerrollendes Auge. Lautenlispel entquillt deinem Gespräch und Gesang.
Aber, wie bald, Geliebte, wie bald zerflattert der Schönheit Seifenblase! wie bald sinket der nichtige Schaum!
Jene Rosen sind welk und jene Lilienblüthen Störte der Sturmwind herab; jenes gerin- gelte Haar Säuselt in weissen Locken um deine gesunkene
Schläfe; Jener Schimmer erlischt; jenes Gelispel erstummt. Wanderer kommen und fragen: „Wo ist die Blume
der Schönheit, „welche mit Blüthen und Duft schmückte das funkelnde Feld?“ Wandrer, sie ist nicht mehr; sie schläft den eiser-
nen Schlummer. Ihren schlanken Halm knickten die Stürme; der Duft Ihres Kelches zerfloss in die Lüfte des Himmels;
die Blätter Flattern am Boden verstreut, treiben im Sturmwind umher. Also ist das Loos der Erdenschöne gefal-
len. „blüh' und welk' und stirb!“ sprach das Verhängniss zum Staub. Trauerst du darum, Geliebte? Nein, traure nicht,
meine Minona! Sprossen, blühen, verblühn möge die Schöne des Staubs. Eine Schöne giebt es, die nimmer verwelkt noch
verduftet. Eine Jugend, die nie kränkelt, noch altert, noch stirbt. Wohlgeübte Kraft giebt unverwelkliche Jugend;
Ihren Aufwand ersetzt jeder erwachende Tag. Reine Herzensgüte giebt ewiggrünende Schönheit, Schönheit vor Menschen und Welt, Schön-
heit vor Engeln und Gott. Solche Schöne sey dein! Mit solcher Jugend ge- gürtet, Siehe mit Ruhe der Zeit rastlosen Flügel-
schwung zu. Lass die Monde verrinnen, und lass die Jahre ver- rollen! Lass sie mit donnerndem Sturz in der Ver-
gessenheit Meer Niederstrudeln. Die Wirbel des Strudels ergreifen nur Asche. Über der stäubenden Fluth schimmert der
ewige Geist. Lass die Rosen verblühn, und lass die Lilien welken! Lass den schimmernden Stern sinken in ewige
Nacht! Lass die Säulen des Tempels zertrümmern! Die ewige Seele Bleibet schön, wie sie war, war sie nur
weise und gut. O, sey weis' und gut! Wie könnt' ich dich seg- nender segnen, Meine Minona, und wie könnt' ich wohl
edleren Wunsch, Edlern und brüderlichern in dieses Tages Er- wachen Dir zuflistern, als
weise, sey gut! Weisheit lohnet mit Ruh, umsäuselt mit ewigem Frieden, Lächelt, wenn Thorheit verzagt, jubelt,
wenn trümmert das All. Güte adelt den Menschen zum Engel, verähnlicht der Gottheit, Säet auf Hoffnung im Staub', erntet unend-
liche Saat.
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