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1758–1818

Ekloge .

Gotthard Ludwig Kosegarten

Die ihr vom Sund bis zum Istrischen Golf, vom Rhein bis zur Dwina Öfter den Niegeseh'nen begrüsset mit freundlichen Zeilen,

Eurer Liebe Kund' ihm bringet, und Kunde da- gegen Seines Leidens und Thuns von dem Nimmerzusehen- den heischet;

Hört, wie ich leb', ihr Guten, in meiner äusser- sten Thule, Wie am Gestade des wogenden Meers, wie so fern von der Städte

Lärmendem Prunk, von den Freuden des Klubs, von den Zirkeln der Weisen Und von der Freund' erquickendem Umgang; wie mir des Tages

Zögernde Stunden entfliehn, und die einsamen Stunden des Abends — Dieses alles vernehmt, dieweil ihr es heischtet, Geliebte.

Zwischen wallenden Saaten, und zwischen den Pappeln des Kirchhofs, Rechts und links umgürtet mit labyrinthischen Gär- ten,

Von Sturmweiden bekränzt und hundertjährigen Eschen, Ruhet des Einsamen stilles Gehöft am Saume des Fleckens.

Räumig und rein ist der ländliche Hof. In des Ho- fes Vorgrund Wohnt im bescheidenen Häuschen der wohlbeleibte Colonus.

Manche zog er der rüstigen Söhne, der blühenden Töchter, Deren die Einen am Pflug', an der Sens', in der Scheun' und der Wiese,

Diese mit hochgeschürztem Gewand am Herd und der Krippe, Auf der Bleich' und am Webstuhl die alternden Eltern erleichtern.

Reges Leben, und fröhlicher Fleiss, unendlicher Jubel Tönt um uns her in die sinkende Nacht vom däm- mernden Morgen.

Horch, es pfeift im Verschlag der Hechselschneider. Es flöten Während des Sägens die munteren Bursche. Die fröhlichen Dirnen

Säubern dahlend den Stall, und bleichen jachternd die Leinwand. Siehe, wie brausen im Weiher des Hofes die dam- pfenden Pferde!

Siehe den breitgestirnten Stier, die hüpfende Starke, Und die ehrbarwandelnde Kuh mit strotzendem Euter.

Schnaufend stehen sie, schlürfen des trüben Teiches. Die Enten Lärmen dazwischen; es schnattern die Gäns'; es kollert der Truthahn.

Lauter denn all' erjauchzt der schwemmende Junge. Das Mägdlein Kniet am Eimer indess und singt sich ein lustiges Stuckchen.

Aber ein wenig zurückgerückt vom Lärmen der Wirthschaft Ruht an des Hofes fernstem Saume das ländliche Wohnhaus.

Finster belaubte Kastanien schirmen die Stufen des Eingangs Vor der Sonne mittäglichem Brand. Ein lachender Rasen

Dienet zum Tummelplatze, zum fröhlichen, wei- ten, den Kleinen, Welche das rothe Staket vor des Teichs Gefahren beschützet.

Schlecht und recht ist mein ländliches Haus. Nicht Pfannen noch Zungen Decken es, sondern der wärmende Halm, und die Wand ist nur leimern.

Aber drinnen ist's dämmernd und kühl. Es umsäu- seln den Gastfreund Fried' und Still' und vertrauliche Ruh. Nicht tauscht' ich mein Halmdach

Gegen Potemkins Eisenpallast, mein freundliches Zimmer Nicht um den Bernsteinsaal der grossen Frauen in Osten.

Wie ich verlebe den zögernden Tag, wie des einsamen Abends Langsam gleitende Stunden dem Abgeschiedenen fliehen,

Dieses vernehmt nunmehr, dieweil ihr es heischtet, Geliebte. Dämmernd erwacht in Osten der Tag. Die Blume des Morgens

Öffnet die tausendblättrige Knospe. Die Rosen, die Krokos Regnen mir zwischen den Vorhang hinein. Die wachsende Helle

Reget mir leise die Wimper, und sanft erwach' ich ins Leben. Angelächelt vom werdenden Tag' entschlüpf' ich dem Lager,

Lehn' ins offene Fenster hinaus, und Augen und Seele Weiden sich, wiedergeborne Natur, an deiner Ver- jüngung.

Dieses lautere Blau, und diese lebendige Kühle, Diese duftende Frisch', und dieses wogende Licht- meer —

Quellen sie, rieseln sie nicht aus des Ewigen strö- mender Urne? Heben sie nicht den ermatteten Geist zu dämoni- schem Leben,

Blähen mit Äther die Brust, und schwellen die Adern mit Ichor? Sieh, wie das springende Licht in immer mäch- tigern Strahlen

Aufsprüht! Wega erblasst; es verbleicht die Wange Selenens; Phosphoros hängt mit geschorenen Locken. Im lo- dernden Frühroth,

Siehe, wie funkeln die Gärten! Wie weben die Wipfel der Esche! Siehe, wie blitzet die thauende Flur! Der blühende Himmel

Strahlet gemildert zurück aus des Meers geschliffe- nem Spiegel. Also entstieg dem Bade des Meers der Dulder Odysseus,

Schimmernd von Schönheit und Reiz. Wie die pur- purne Blum' Hyakinthos Wallte geringeltes Haar um seine blendenden Schultern.

Also enttauchet in blendendem Glanze, von bren- nenden Locken Rings umrollt die Sonne den öftlichen Fluthen. Wie glühet

In ihr fliessendes Gold getaucht des Graue Scheitel. Wie flimmern die Wetterfahnen des Dorfes, Wie die Fenster der Burg, worinnen mein

wohnet! Aber schon wird dem Betrachter des unermess- lichen Himmels Und der lebenernährenden Erde zu enge das Zim-

mer. Lechzend den volllebendigen Strom mit lüsternen Zügen Einzuschlürfen, mich sehnend an deinen wallenden

Busen, Mutter Natur, mich anzuschmiegen, mit Inbrunst des Kindes, Flieg' ich die Stufen hinab, entschlüpfe den Pfor-

ten, und schreite Selig hinaus in den seligen Tag; die Kühle des Morgens Wehet schauernd mich an, wie Säusel der nahen

Gottheit! Sinnend wandl' ich nun auf und ab auf duften- dem Rasen, In der Kastanien fächerndem Schirm, erfrische die

Glieder Mit der Kühle des Quells und mit der Kühlung des Morgens, Mustre die Blumen, die hinter den grünen Staketen

am Fenster Etwa die thauende Nacht erschloss, und die freund- liche Frühe, Breche die blühendste mir, die blätterreichste der

Rosen, Höre der Melkerin Morgengesang, des tränkenden Jungen Frohes Gejauchz', und bedenke die Pflichten des

eigenen Tagwerks. Itzund träget der Diener der gabenreichen Le- vante Balsamhauchendes Öl hinan die Stufen. Nicht un-

gern Folg' ich dem Knaben. Und während noch säuselt die freundliche Frühe, Während noch schlummern das liebende Weib und

die lärmenden Kleinen, Tauch' ich hinunter in seliger Muss' in die Wonne des Denkens, Steige hinab in die Tiefen des Ich, in den Schacht

des Bewusstseyns, Lüpfe den Schleyer des Denkens und lausch' am Vorhang des Wollens; Suche das ewig entschlüpfende Band, das mit dem

Gedanken Das Gedachte verknüpft und mit dem Grunde die Wirkung; Grübl' über Raum und Zeit, und über das Seyn und

das Nichtseyn, Über die Form und den Stoff, und über das Ich und das Nicht-Ich; Über den Trieb und die Pflicht, und über das Thun

und das Leiden; Über den schwerzuschlichtenden Zwist der Natur und der Satzung, Über den ewigen Kreisgang, und den unendlichen

Fortschritt; Über das eiserne Fatum, und den anarchischen Zu- fall; Über des Weisen tröstende Ahnung, den Glauben

der Guten An moralische Ordnung und weise Güte des Welt- plans — Über diess alles versteigt sich der Grübler in schau-

dernde Tiefen, Thürmet Soriten, und spaltet Begriffe, und wäget den Ausdruck, Bis es ihm schwindelt. Der Faden entschlüpft, die

Fackel erlischt ihm. Undurchdringliche Nacht und ausganglose Verwir- rung Starren um den Tappenden her. Es retten ihn kaum

noch Des Gemeinsinns leitender Strahl und der Rufer im Busen.

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