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1758–1818

Die Unschuld.

Gotthard Ludwig Kosegarten

Ich ging der Warne schönbeblümten Strand Entlang. Wie duftet' er! Wie funkelte Sein blumiges Gestad' im sanften Strahl Der Abendsonne. Rechts beschattet' ihn

Ein Hayn voll Säusel Gottes; links die Kraft Des regen Weizens. Droben wölbte sich, Reinausgeheitert durch des Eurus Hauch, Der ewge Himmel, spiegelte sich treu

Mit jeder Purpurlocke, die empor Aus Westen flattert', in der einen Fluth. So spiegelt Gott der Herr sich selbst mit Lust In einer Menschenseele, die noch rein

Und unverfälscht und gut und redlich ist. Ich lagerte mich an des Flusses Saum, Von Kalmus rings umduftet. Gottes Hauch Umsauste mich. — Da rudert aus dem Schilf,

Voll hohen Anstands, Adels, Majestät, Doch alles Dünkels, alles Wahnes baar, Hervor ein königlicher Schwan. Er war Weiss angethan, so blendend weiss, als sey

Sein glänzendes Gefieder aus dem Schaum Des Meers geblasen. Langsam rudert' er Und ernst einher, sein melancholisch Haupt Auf seine reine Brust gesenkt. So fand

Ich Iden einst, das Auge thränenvoll, Den Schwanenhals auf ihre Schwanenbrust In stiller Schwermuth einsam hingeneigt. Ich lag und lauschte. Stille war umher:

Die Sonne sank; die Lerche senkte sich Tiefkreisend auf ihr Nest im Weizenschlag; Und Gottes Odem hauchte leiser. — Horch! Da weht' es süss, wie Flötenwirbel wehn,

Und seeleschmelzend, wie ein Sterbelied, Das Heil'ge singen, über Strom und Flur. Ich schmolz in süsse Wehmuth. Zwar vernahm Ich nicht des Liedes Worte; doch sein Klang

Durchschütterte mich mächtig, wiegte mich In tiefe Träumereyen ein. Ich sah, Ich hörte Mütter, die, dem Grabe nah, Die Kinder ihres Herzens segneten,

Und Jungfraun, die zu ewger Reinigkeit Sich Gott gelobten; Bräut' und Jünglinge, Die Lipp' auf Lippen ihren Lebensgeist Ins All der Liebe heiss ausathmeten.

So däucht' es mir; so klang dem Schwärmenden Des Schwanes melancholischer Gesang. Und stiller ward der Schwärmer, lauschete Und athmete noch leiser, dass ihm nicht

Des Liedes schwächster Laut entschlüpfte. — Schau! Da stieg ein Schwarm von Geyern, Kranichen, Von Störchen, Raben, Kibitz, und was sonst Unreinen Viehs im blauen Aether schwimmt,

Wildkreischend in die Wolken. Gottes Tag Verdüsterte der Schwarm; sein Zeterschrey, Sein heisres Krächzen überwältigte Des schönen Sängers schmelzenden Gesang.

Und ich ergrimmt' im Geist. Mein Herz erschwoll In bitterm Unmuth, dass des Kläffers Hohn Dich, heil'ge Unschuld, vergewaltigte. Ich wälzte mich am blumenvollen Strand,

Erquetschte Veilchen und Vergissmeinnicht, Entrauft' erzürnt dem wilden Rosenstrauch Sein grünes Haar, und streut' es in den Wind. Nicht so der Schwan. Gross, schweigend und in Ruh

Der Unschuld rudert' er den Fluss entlang. Sein Schneegefieder glänzte durch die Nacht Der Frevler rings um ihn, wie durch die Welt Voll Bosheit eine gute Seele glänzt.

Dess grollten ärger noch die Frevelnden, Und neue Bosheit keimte, wuchs und reift', Im Hui! in ihrer neidgeschwollnen Brust. Sie brausten eilig zum verwandten Koth,

Sie tauchten unter in den zähen Schlamm, Belasteten Schweif, Schnabel, Schwing' und Krall' Mit ekelhafter Beute, rauschten schwer Beladen auf, umstürmten links und rechts

Den silberweissen Schwan, und schüttelten Und klatschten wüsten Schmutz — wie aus der Ess' Ein schwarzer Brodem wirbelt, und die Luft Verdunkelt — nieder auf den reinen Schwan.

Da wölkte sich sein blendendes Gewand, Die Lilienweisse der gewölbten Brust. Der klare Spiegel seiner Schwingen ward Verdüstert, wie durch Tück' ein schön Gesicht,

Entadelt, wie ein Herz durch Bosheit wird. Und heisser noch ob solcher Ungebühr Ergrimmet, raffet' ich im Zorn mich auf. Ich hob den Arm in die Unendlichkeit,

Zum Sitz des Ewigen den Flammenblick Empor, und rief — der Eichwald rief es nach: „o Unschuld, Unschuld, hart fiel dir das Loos! „o Himmel, Himmel, und du kennest sie,

„wie rein, wie aller Fehler baar, und säumst „sie zu beschirmen, gibst die Reine Preis „des Neidharts Ränken und der Frevler Wuth.“ Nicht so der Schwan. Gross schweigend und in

Ruh Der Unschuld tauchete der Herrliche Hinunter in die Fluth, verzog in ihr Von Athemzug zu Athemzug, und sieh!

Noch schimmernder, noch reiner, denn zuvor, Enttauchet' er der Fluth. Hinweggespühlt, Hinweggefegt war jedes Schmutzes Spur. Die dummen Neider sahn ihn, rauschten auf

In ihrer Ohnmacht knirschendem Gefühl, Und flohn zum Aas' im nächsten Thal zurück. Der Vogel Gottes aber schwamm getrost Voll hohen Anstands, Adels, Majestät,

Doch alles Dünkels, alles Wahnes baar, Hinab die blauen Fluthen. Angeweht Von Gottes Hauch, vom lezten rothen Strahl Des Tags umgoldet, rudert' er dahin

In stillem Ernst. Sein melancholisch Lied Durchwallte fey'rlicher den dunklern Forst, Und stillte siegend mein empörtes Herz. Da schämt' ich mich des rohen Ungestüms.

Erröthend stand ich, wie der ferne West, Und thränend, wie der nahe Rosenbusch Im Abendthau. — „O Unschuld,“ rief ich aus, „o Unschuld, selig bist du. Ewig bleibt

„dein Antlitz leuchtend, ewig rein dein Kleid! „nicht zu beflecken durch des Leumunds Schmutz, „nicht zu versehren durch der Kläffer Lug.“ „o Unschuld, Unschuld,“ rief ich schwärmerisch

Und brünstig aus — „o bleibe, Himmelskind, „mir ewig hold und treu! Und mögst du nie „aus meinem Herzen schwinden! Möge nie „dein morgenröthlich Licht in meinem Aug',

„auf meiner Wang' erblassen! — Klaffen mag „der Kläffer, zähnefletschen mag der Neid; „dein Kleid bleibt weiss, dein Antlitz ewig hell!“ „o Unschuld, Unschuld!“ rief ich noch, und

brach Die thauende Viole, fügte sie Zum stillen Maaslieb, kränzete mir Brust Und Schläfe mit der Eiche jüngstem Laub,

Und ging getröstet und gekräftigt heim.

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