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1758–1818

Die Ralunken.

Gotthard Ludwig Kosegarten

Ralow Ralow, am westlichen Ufer der Insel Rügen. Vor Zeiten ein berufener Wikinger oder Seeräubersitz; hernach eine Fürstenburg; heutiges Tags zum blossen Landsitz herab- gesunken., sey mir gegrüsst im Schimmer der scheidenden Sonne! Lieblich webet der Schleyer des Abends um deine Gefilde.

Deine weissen Mauern sind sanft geröthet. Die Dächer Feuern im Golde des sinkenden Tags. Es dämmern so schaurig

Deine säuselnden Hayn'. Es spiegeln die Wangen des Himmels Sich in den Fluthen so rosig, die deine Ferse be- spühlen.

Burg des hallenden Meers! schön bist du. Deine Gefilde Lächeln in jedem ländlichen Reiz. Die üppigen Wiesen

Duften von Quendel und Klee. Es wogt in der Kühle des Weizens Grünliche Fluth. Es glühn in den Gärten die Traub' und der Pfirsich.

Funkenstäubend entgaukelt die Schmerle dem klaren Gewässer Deiner Weiher. Es flötet im thauenden Busche die Drossel

Zwischen der Nachtigal Schlag. Und horch! vom spriessenden Frühroth Bis zu den Rosen des sinkenden Abends erschallet das Brüllen

Weidender Heerden, das Jauchzen der Schnitter, die gellende Lache Fröhlicher Dirnen in dir. — Schön bist du, Tochter des lauten

Ufers, vertraulich und lieb. Doch warst du in Tagen der Vorzeit Schöner und wilder. Es war dein Nam' in den Ta- gen der Vorzeit

Weitgefeyert. Es pfiffen nicht deine Söhne vor Zeiten Hinter den Heerden so müssig. Es dampften die schauernden Rosse

Nicht vor dem knechtischen Pflug. Von der Burg weitschauender Warte Spähte der Thürmer fern in die See, und mahnte den Wiking,

Dass er komme mit Schnelle des Blitzes, mit Don- nergeprassel Jedem nahenden Kiel die Rippen zermalm', und die Beute

Jauchzend in deinem Schooss, o Tochter des Mee- res, verbürge. Burg der tosenden See, mir weht mit der Kühle, mir rauschet

Mit dem Sausen des Hayns der Begeisterung Fittig. Die Wange Flammet mir schon, wie die Scheibe des steigenden Vollmonds. Hoch schwillt

Meine Seele, wie Wogen im Sturm, und gesichte- trunken Seh' ich dämmernd und bleich die Schatten schlum- mernder Vorwelt.

Fünf Jahrhunderte sind verflossen. Der Urne der Zeiten Waren sie noch nicht entrollt. Da lauschte der freche Ralunke

Hier im umgürtenden Ring von sieben Gräben und Wällen. Wild war des Räubers Herz, wie die Ströme Golcha Drey Bäche fallen von der Stubbenkammer, dem nord- östlichen Kreidenufer der Halbinsel Jasmund, herab: die Bis- miz, die Golcha, und der Steinbach., sein Anblick

Finster, wie des nebelverschleierten sein Haupthaar Buschicht und rauh, wie die Dornen auf worths Dubberworth, das gewaltigste aller Rügischen Heldengräber. Es liegt nahe bey Sagard auf Jasmund. zottiger Scheitel.

Sieben Segel empört' er, dem meerdurchwallenden Kaufmann Todespaniere. So oft er von weitumschauender Warte

Fern in der friedlichen See ein Segel erspähte, wie flammte Gierig sein Auge! wie tobte sein Herz! wie schwellt' ihm den Busen

Blut- und Beutebegier! Rasch spannt' er die Segel. So spannet Seinen Fittig, den Raub zu ereilen, der Adler des Dollen. Dollen, ein waldiges Gestade an der Insel östlicher Seite.

Rurich mit röthlichem Haar, und Rawen mit struppiger Braue Folgten freudig dem älteren Bruder, dem Wilden die Wilden.

Judith blieb daheim, der Räuber gefürchtete Mutter. Ihr sass düsterer Grimm in jeder Runzel der Stirne,

Laurende Tück' in den zwiefach gefärbten Äpfeln des Auges. Auch ster der Räuber.

Wenig ähnlich den Brüdern, und wenig der tücki- schen Mutter, War die sanfte Agathe mitleidigen Herzens. Sie schaute

Jammernd hinweg, wenn Blut in Ralow strömte. Sie weinte Auf die Perlen der Schnur, das Geschmeid' ermor- deter Jungfraun,

Welche der blutige Bruder — der Blutige liebte die Schwester — Ihr einst umhing. Es däuchten die Perlen ihr blu- tige Thränen.

Schön war Agathe, ein freundlicher Stern bey rothen Kometen: Blau ihr Aug'; ihr Haar, wie wehende Fäden zur Herbstzeit;

Schlank ihr Wuchs, wie die Birk' in Boldewiz Haynen; ihr Busen Wie des hochhalsigen Schwans Gefieder am Busen der

Süsses Bangen beklemmt' ihr den Busen, ein Ahnen und Wähnen. Sinnend stand sie am Fenster im Dämmerstrahle des Morgens,

Sahe die Sonne den Fluthen enttauchen. Wie brann- ten die Fluthen! Sahe die Thürme der Wie strahlten die Thürme!

Sinnend stand sie am Fenster im Dämmerschimmer des Abends, Sahe den Mond in den wühlenden Fluthen, und lauschte des Ostmeers

Dumpfem Grollen. Es schwellten ihr Seufzer den Busen. Es wölkten Süsse Thränen ihr Auge. Doch plötzlich stürmte die Mutter

Freudig herein, und wenig gewünscht: „Sie kom- men, sie kommen! Träumerin auf, und lass uns die Freudigen freudig empfangen!“

Und der Ralunke war weit gefürchtet. Seit dreyzehn Jahren Hiess er die Geissel der See. Dem Schiffer gefror bey dem Anblick

Seiner Flaggen das Blut. Oft streift' er in fliegenden Zügen An den sicheren Küsten umher, und plündert', und führte

Jüngling' und Jungfraun heim. Des sandigen dewisch Reddewisch, itzt Mönkguth, eine andere Halb- insel an der südöstlichen Spitze des Landes. Herrscher, Ritogar, welchem die Flamme der Jugend das An- gesicht bräunte,

Schlug er in Fesseln, und schenkt' ihn der Mutter. Denn schön war der Jüngling Und hochherzig und kühn und nur erlegen der Menge.

Aber dess achtete nicht die Freche. Schönheit und Adel Schnürten nur fester um ihren Gefangnen die Fessel der Knechtschaft.

Seufzend sah es Agathe. Des Jünglings heroischer Anstand, Feuriger Trotz, unwilliges Dulden weckten ihr Mitleid.

Mit dem Mitleid beschlich ihr die süsse Liebe den Busen. Herbstzeit war es und schwarze Nacht. Da entriss sich Agathe

Leise der holden Umarmung des Schlummers, tappte noch leiser Zu des Jünglings Lager sich hin, und wispert' ins Ohr ihm:

„auf! ich bin Agathe! ich rette dich. Folge mir, Jüngling!“ Freudig erschreckt, sprang Ritogar auf. Sie fasst ihm die Rechte,

Leitet ihn zitternd die Kammer der Mutter und Brüder vorüber, Führet den Blinden hinab in unterirdische Gänge, Wallet die düstern schaudernd hindurch, erschleusst

ihm der Pforte Doppeltes Schloss. Dann spricht sie mit blödem geflügeltem Handdruck: „flieh und denk' an Agathen!“ Und er, im trau-

lichen Dunkel, Reisset die Retterin wild an den schlagenden Busen, und küsst ihr Einen gewaltigen markdurchlodernden Kuss, und —

„agathe,“ Ruft er, „Agathe, ich flieh. Doch bald mit rü- stiger Heerskraft Kehr' ich, erstreite dich, theile mit dir mein Bett

und mein Eyland.“ Sprachs, und floh durch die Nacht, durch den Sturm und den eisigen Regen Auf den Flügeln der Freud' und Liebe zum hohen

Rugard. Tief im Schoosse des Eylands bäumet die trotzige Scheitel, Bäumet den vielfachgefurcheten Rücken der herrliche

Rugard. Seine Stirne graut in ewigen Moose. Die Schlüchte Nähren bey höherer Sonne noch Schnee. Gebiete- risch schaut er

Rings um sich her über Länder und Meere. Hier hauset' in fester Wallumgürteter Burg des stürmischen Rügens Ge- bieter,

Jaromar. Gross war sein Herz und weich und edel. Er hatte Manche Schlacht geschlagen mit Heeren der paner

Und tergefechte. „herrscher der Insel,“ so sprach zu ihm der entronnene Jüngling,

Keichend, schütternd von Frost, von Regen träu- felnd. Die Locken Hingen ihm schlicht um die Schläfe. Doch sass ihm Hoheit im Antlitz.

„herrscher der Insel, erkennest du mich? erkennst du des öden „reddewisch Herrn? Mich schlug der Ralunk' in Fesseln. Die Fesseln

„trug ich sieben schmähliche Tage. Dann brach sie Agathe „und die Liebe. Sie harrt. Auf, leihe mir Waf- fen und Männer!“

Ihm antwortet die heilige Kraft des Inselge- bieters: „nimm der Waffen und Männer, so viel du bedarfst, mein Geliebter!

„nimm sie und schlage den frechen Ralunken, ver- tilge des Räubers „schändliche Brut, zerstöre sein Nest, und er- rette Agathen.

„doch, bevor du dir selber das liebende Mägdlein erstreitest, „eile, mein Vetter, zur und bringe von dannen

„meine Braut mir, die Tochter des Obotritenher- zogs, liche Jungfrau; „aber sie heimzuholen, verbot mir die Sorge des

Krieges. „eile, geleite sie her. Dann geh, und kämpf' um Agathen!“ Freudig vernahm der Jüngling des Fürsten eh-

renden Antrag. Freudig stürmt' er den Rugard hinab, und warf sich, wo Seine waldige Scheitel den Wogen enthebt, in die

Schiffe, Welche frohlockten, die Braut des geliebten Ge- bieters zu führen. Zweymal sank die Sonn', und dreymal stieg sie.

Da grüssten Jaromars Segel den Hafen der schönumuferten Warne. Warne, dich grüsst mein Gesang. In deinem

Wellengeriesel Grüss' ich dich, segne dich, in deinen Schatten- gestaden. Warne, mein Herz ist dir hold. Du durchschlän-

gelst, ein silberner Faden, Meines Vaterlands Heerden Trinken deines Gewässers. Sein trinkt die durstige

Hindin; Sein das Reh und der Keuler des Waldes. Du näh- rest der Wiesen Gelbbeblümtes Grün. Du wässerst die Wurzeln von

tausend Rauschenden Forsten. Du säugst die Kraft der Ulme. Des Eichbaums Wurzeln beströmst du, und tränkst die hundert-

jährige Tanne — Warne, mein Herz ist dir hold. An deinen Schat- tengestaden Sahst du mich wandeln im Schimmer der Jugend.

Die Blume des Milchhaars Spross um mein jugendlich Kinn. Mein funken- stäubendes Auge Thränte Sehnsucht. Es lechzte das Herz nach Lor-

beern des Nachruhms Und nach den Myrten der Liebe. Von hohem Stau- nen ergriffen, Sank ich nieder an deine Gestade. Die weinende

Birke Säuselte mir um das Haupt. Mich umdufteten Quen- del und Orant. Schlummer umflügelte mich, und sehnsuchttäuschende

Träume. Warne, ich denke dein, und will dein nimmer vergessen, Will dich singen, Gesangeswerthe, in meinen Ge-

sängen. Zweymal sank die Sonn', und dreymal stieg sie. Da grüssten Jaromars Flaggen den Hafen der schönumuferten

Warne. Bräutlich geschmückt empfing sie der Hafen. Den Masten entwallten Farbige Wimpel. Den Thürmen entstürmte Feyer-

geläute. Paukenwirbel, Drommetengeschmetter, unendlicher Jubel Brauste den Strand entlang, dem Fürstenboten ent-

gegen. Heinrich, der graue Held, Wandaliens herr- licher Herzog, Schritt hervor, dem Rugen entgegen, im Krieger-

geschmeide. Prächtig deckte sein silbernes Haar der flatternde Helmbusch, Prächtig die stählerne Schiene die Schenkel. Der

schuppige Panzer Brannt' in der Sonnengluth, wie Erz in der Esse des Schmelzers. Heregunde, die schönste der Fräulein, die Perle

des Norden, Schimmert' im bräutlichen Schmuck dem frohen Vater am Arme. Knieend grüsste der Ruge die Züchtigerröthende.

Bieder Hiess ihn der Herzog willkommen. Es wurden in Freuden der Tage Drey verlebt, mit Turnieren gefeyert, und fest-

lichen Schmäusen. Jammernd erhob sich am vierten die Klage der weinenden Trennung. Heregunde, begabt mit des Landes erlesensten

Schätzen, Von zwölf blühenden Mägdlein geleitet, den Töch- tern der Edeln, Bot das bange Lebwohl, das letzte, lange, der Hei-

math, Sank verstummend dem Vater in Arm, lautschluch- zend der Mutter, Fasste sich schnell, wand eilend sich los, sprang

hurtig ins Fahrzeug. Hurtig enteilte der gleitende Kiel dem hallenden Ufer. Heregunde bestieg den hohen Spiegel des Schiffes,

Stand dort, schaute verlangend zurück nach ihren Verlassnen, Breitete sehnend den Arm, und schwang den sil- bernen Schleier,

Ob die geliebten Verlass'nen ihn sähen am weichen- den Ufer. Immer ferner entwich das gewünschte Gestade Kaum sichtbar

Dämmert' es noch. Es zerfloss auch das dämmernde Grau in die Wolken. Aber sie wähnte noch immer, die Wolke sey heimi- sches Ufer,

Bis sich der Himmel verhüllte, und Regen stiebten. Da flossen Ihre Thränen. Sie weinte sich aus. — Die Regen versiegten.

Wieder kehrte die Heitre des Himmels. Es kehrte die Heitre Auch auf ihre Stirne zurück. Sie gedachte mit In- brunst

Ihres Verlobten, des bräutlichen Tags, und der süssen Vereinung.

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