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1758–1818

Die Narcisse.

Gotthard Ludwig Kosegarten

Hat die Sonne dich doch, duftiges Mayenkind, Deiner Kammer entlockt, wo du so traulich schliefst, Wie im Schoosse der Mutter Leisaufathmend der Säugling schläft?

Warum weiltest du nicht, züchtige Dufterin, In dem schirmenden Schooss? Drängtest dich kühn hervor, Und entschleierst den Winden

Deine bebende Schwanenbrust? Ach, du lächelst mich an: „Ist mein Gewand nicht weiss? „blüht mein Mund nicht so roth? Bin ich nicht

lieb und hold? „warum sollt' ich nicht kommen, „da mir winken der May und Lenz?“ Lächle immer — o weh! kennest, so jung! so zart!

Kennest Sitte der Welt, weisst um ihr Elend nicht! Wetter werden dich geisseln, Regen stäupen vor Abendzeit! Warum neigst du dein Haupt? Bist ja so lieb! so

hold? Dein jungfräulicher Schooss rosig! die Brust so weiss! Frevler werden dich schänden, Räuber lauern der Unschuld auf.

O des perlenden Thau's, der dir im Antlitz bebt! Jammer kündet er an, bebt er im Menschenblick! Diese Perlen sind Thränen — Weine, weine; der Mörder harrt. — —

Als der Sänger noch sang, siehe! da streckte sich Eine gierige Hand, raffte die Holde weg, Und zerpflückte die Blätter, Dass sie stoben den Garten durch.

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