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1758–1818

Die Erscheinung.

Gotthard Ludwig Kosegarten

Schaurig ist die Nacht. Nasskalt haucht der Herbstwind Über die falbe Stoppel. Mühsam rollt der Vollmond

Durch zerrissne Wolken Seine Silberscheibe. Schaurig ist die Nacht! Schaurig ist die Nacht.

Wie heult es auf der Hayde! Wie pfeift es durch die Stoppel! Wie sausen die Tannen! Wie flisterts im Haselbusch!

Schaurig ist die Nacht. Warum sträubt sich mein Haar? Warum schüttelt mich Grauen? Ists nur Blättergeflister,

Was die Haseln durchschwirrt? Ists nur Säuseln der Tangeln, Was die Tannen durchschwirrt? Schau!

Am fernen Hügel Hebt sichs, wie Flamme, Flattert über die Hayde; Wandelt näher im Nachthauch —

Nachtsohn, wer bist du? Bist du Mondengeflitter? Bist du streifender Schatten? Bist du täuschender Irrschein?

Rede, Nachtsohn, wer bist du? „und kennet Telynhard, des Liedes Sohn, Nicht Elwill mehr, den frühgewelkten Jüngling? Der Neumond sah mich blühn in meiner Kraft,

Der Halbmond flimmert' auf mein Sterbelager, Noch weint der Vollmond auf mein frisches Grab — Und Telynhard, des Thränenliedes Sohn, Der Gräber Freund, der Geister Liebling, kennet

Nicht Elwill mehr, den frühgewelkten Jüngling?“ Elwill, Elwill, bist du's? Frühgewelkter, woher Rauscht dein einsamer Flug?

Rede, Elwill, woher? „von jenem Lande komm' ich hergeschwebet, Von welchem Kunde nie dem Staube scholl, Von welchem Antwort nie den kühnen Frager

Rechtfertigte — drum frage, Telynhard, Nicht nach dem Lande mich, dem ich entschwebe.“ Elwill, ist dir wohl In deinem fernen Lande?

Deiner Trümmer wohl In ihrer engen Klause? „ob nah, ob fern, ob hier, ob da, ob dort? Mag gleich dir gelten, Harfensohn — Doch wohl,

Wohl ist der Trümmer in der engen Klause, Viel wohler noch dem Fremdling, der verwiesen Aus seiner Heimath in der Trümmer hauste, Viel wohler, Dichter, als es dein Gesang,

Als deiner Fantasieen Adlerschwung, Als deines Flammenliedes Schwanenflug Erfliegen mag. Viel wohler, Freund, ist mir.“ Elwill, ist dir helle,

Wo uns Dunkel hüllt? Ist dir Wahrheit, Elwill, Was uns Wahrheit däucht? „wohl Manches, was dem eingekerkerten

Durch enge Gitter mühsam spähenden, Durch weite Fernen ängstlich horchenden, Verwiesnen Geiste Blitz der Wahrheit däuchte, Was Denker mit der Schlüsse Kettenringen,

Was Priesterwuth mit Bann und Beil und Holzstoss, Was Märtyrer mit hingebognem Nacken Erwiesen, oder zu erweisen wähnten, Ist dennoch Traum.

Wohl Manches, was der selbstzufriedne Grübler Als Dichtertraum verlacht, der eitle Spötter Als Priestermährchen höhnt, der kalte Grübler Gar in der Unding' öde Nacht verbannt,

Ist dennoch Wahrheit. Eins ist mir helle, was mir dunkel war. Das Andre dämmert mir nur noch. Das Dritte Ist rabenschwarze Mitternacht noch immer.

Viel sind der langen Ewigkeit Äonen. Viel Zeit ist hier zu lernen. Vieles ist Dem ersten Seraph noch zu lernen übrig.“ Elwill ist euch Tugend,

Was uns Tugend däucht? Wiegt mit Menschenwage Ihr des Menschen Werth? „wohl anders ist des staubverhülleten,

Wohl anders des enthüllten Geistes Tugend; Doch tröste dich. Mit Menschenwage wägen Den Werth der Menschen die gerechten Götter. Nach Einsicht richten sie, nach treugesuchter,

Nach heisserrungner, ernstbefolgter Einsicht, Wär gleich die Einsicht Irre — Telynhard, Drum sey getrost, und nimmer lass zu forschen, Und nimmer lass zu lehren, was du forschtest,

Und nimmer lass zu üben, was du lehrtest.“ Elwill, harrt Vergeltung In der Schatten Reich? Spenden eure Götter

Lohn und Strafen aus? „belehrung harret hier. Aus schlimmer Thaten Gleich schlimmen Folgen keimt des Bessern Ein- sicht.

Des Bessern Einsicht knospt zur That des Bessern. Der schönen Knosp' entblühn des Wohlseyns Halme, Stets höher, voller, dranger, körniger,

Der Ewigkeiten weite Felder durch. So lohnen, strafen, so vergelten Götter, Viel anders zwar, als eure Priester lehren, Viel anders zwar, als eure Dichter singen.

Elwill, wärmt auch Liebe Euer ödes Reich? Weht auch Liebesodem Durch die Schattenwelt?

„wohl wärmet Liebe auch die Schattenwelt; Wohl haucht ihr Lebensathem Geister an. Doch jene arme Erdenliebe nicht, Die durch der Formen sanfte Schwingungen,

Und durch der Farben holde Mischungen, Durch Umriss, Füll' und Blüth' und Gluth geweckt, Den Staub zu Staube zieht, dem Einzigen Sich eignet, und die ganze weite Welt

Armselig in dem Einzigen vergisst — Die arme enge Liebe wohnt nicht hier, Wohl aber jene reichre, edlere, Die nur dem All sich eignet, sich das All,

Sich selig fühlt, nur in der Seligkeit Des grossen Alls, und dessen Seligkeit Rastlos zu fördern, höchste Wollust achtet. Die Liebe kennen wir. Sie gastet nicht,

Sie wohnt und hauset unter uns. Sie ist Bey uns daheim — Doch Telynhard, fahr wohl! Fahr wohl! Des Hades Zug entzeucht mich dir. Fahr wohl! und nimmer werde lass zu forschen,

Und nimmer lass zu lehren, was du forschtest, Und nimmer lass zu üben, was du lehrtest, Bis dir der Wahrheit Urlicht strahlt, der hohen Urschönheit Anschaun dich entzückt, das Urgut

Aus seines Bechers reinem Wein dich tränkt — Fahr wohl! Ich scheide. Denke mein! Fahr wohl!“ Fahr wohl! Fahr wohl! Schön ist dein Scheiden,

Im Blitz des Mondes, Im Hauch der Nacht. Fahr wohl! Fahr wohl! Dir strahlt der Wahrheit Urlicht.

Dir glänzt das hohe Urschön. Dich tränkt des ewgen Urguts Goldener Becher — Fahr wohl! Fahr wohl!

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