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1758–1818

Des edleren Selbst Ermunterung.

Gotthard Ludwig Kosegarten

Ermanne dich, mein Geist! Entraffe dich der Nacht, Die eisern dich umsitzt. Der Schwermuth Raben- tracht

Beschämt das Rosenroth von Gottes schöner Welt. Sey Weiser, Mann und Held! Bist gegen Tausend du gleich klein und namenlos; Bist du vor Tausenden doch herrlich auch und gross,

Bist vor Zehntausenden geformt aus edlerm Thon, Uraniens Lieblingssohn! Spannt deinen Bogen nicht noch ungeschwächte Kraft?

Schwellt deine Adern nicht die Woge Leidenschaft? Giebt dem Begeisterten der Schönheit Genius Nicht manchen Liebeskuss? Ist nicht die Wahrheit dir, bist du nicht ihr

vertraut? Drückt dich nicht an ihr Herz Natur, wie eine Braut? Schlingt nicht um deinen Hals die Tugend liebe-

warm Den himmelhellen Arm? Strömt nicht, wie Schlossen wild, wie Gottes Donner stark,

Dein Hochgesang daher, und schüttert Nerv' und Mark? Schmelzt nicht dein sanftres Lied des Edlern fühlend Herz

In wollustvollen Schmerz? Gelang im Dunkeln dir nicht manche bessre That, Die keine Zeugen hier, die Zeugen droben hat?

Hast du die Thräne nicht der Inbrunst, ernst und schön, Dir dankbar fliessen sehn? Sind dir nicht nah und fern die Guten hold

und freund? Schmäht dich der Pöbel nicht? Sind Schurken dir nicht feind? Und drängt nicht manches Herz, das nirgends hal-

ten kann, Sich liebend an dich an? Ermanne dich, mein Geist! Entraffe dich der Nacht,

Die eisern dich umhüllt. Der Schwermuth Trauer- tracht Lass jenem, dem der Born der Hoffnung gar ver- rann —

Du aber, sey ein Mann! Nicht würdig deines Grams ist diese Spanne Zeit. Nicht deines Schmachtens werth ist die Vergäng-

lichkeit! Wen Erdenlust entzückt, wen Erdengram verzehrt, Ist Hohngelächter werth! Im Strom der Jahre schmilzt des Busens hoher

Schnee; Zu gelbem Krokos welkt des Halses Lilie; Der Lippen Rosenkelch wird ein verschrumpftes Blatt; Des Auges Blitz wird matt.

Der Erde Ruhm ist Hauch, der durch die Luft verwallt; Der Erde Freundschaft Schall, der hohlem Fass' ent- hallt;

Der Erde Ewigkeit währt Wendung einer Hand; Ihr Glaub' ist Ufersand. Die Sonne sinkt und steigt; einst wird ihr Bett ihr Grab.

Der Himmel wirft sein Heer, wie dürre Blätter ab. Vergänglichkeit vergeht. Das Staubgebäu zer- stäubt; Die ewge Seele bleibt.

Die ewge Seele schwingt hoch über Wahn und Trug Der Erde sich empor, erfleugt mit Adlerflug Der Wahrheit Flammenborn, der jeden Durst er-

löscht, Und jede Makel wäscht; Wo keine Täuschung irrt, und keine Gier uns plagt,

Wo keine Sehnsucht lechzt, und keine Reue nagt, Wo leise Wonne Schmerz, Entzücken Wehmuth heisst —

Ermanne dich, mein Geist! Empor, Unsterblicher! entwinde dich dem Tand, Der Raupenseelen nährt! Erfleug dein Vaterland!

Durch Dulden und durch Thun erring die bessre Welt! Sey Weiser, Mann und Held!

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