Wen haben sie hier in den Staub gebettet? Wen in die enge öde Nacht verscharrt, Aus der kein Hahngeschrei, kein weckend Frühroth rettet,
Auf die kein Sonnenaufgang harrt? In jene Nacht, in die kein Laut des Lebens, Kein leiser Hoffnunglispel niederwallt; Für die der Freude Sturm, der Angst Geheul vergebens
Empor zum blauen Bogen hallt? In jene Nacht, in die der Witwe Stöhnen, Der Waisen Klage nicht hinunterdringt; In jene Ferne, draus kein Flehen und kein Sehnen
Den theuren Flüchtling wiederbringt! Wer ists, um den das menschliche Bedauern Auch des Empfindungslosern Auge nässt, Um den diess stumme Weh, diess lebensmüde
Trauern Der Überbliebnen Busen presst? Bist du es, Edler, der in unserm Kreise So gross und so demüthig wandelte?
So friedlich und so still, so einfach und so weise Und christlich dacht' und handelte? Den alle Guten liebten, die ihn kannten?
Dem auch der Leumund keinen Makel fand? Den unsre Dürftigen stillsegnend Vater nannten? Der du mit immer offner Hand Holz dem Verklommnen, dem Brodlosen Speise,
Dem nackten Bruder Kleidung spendetest, Der unversorgten Witwe, der verlassnen Waise Vollherzig dich erbarmetest? Der du, wie eignen Schmerz, den Schmerz der
Schwären Des pflegelosen Lazarus empfandst; Dir tausend Segnungen und Myriaden Zähren Des Dankes und der Lieb' erwandst? —
Und dich, dem Seelelabsal, Brüder laben, Und Menschen retten, Engelwollust war, Dich, Edlen, haben sie hier in den Staub be graben?
Und alle deine Tugend war Zu schwach, den grimmen Würger zu be- zwingen, Der hungrig seine Arme um dich schlang?
Verloren war für dich der Gattin Händeringen, Und deiner Kinder Qualendrang? Verschlossen ist dein freundlich Aug' auf immer? Verriegelt ewig dein mitleidig Ohr?
Du liegst und schläfst und schlägst die schweren Wimper nimmer Aus deinem Todesschlaf empor? Und Herzensreinheit, Herzensgüte wäre
Nicht besser, als das Gras, das Wiesen schmückt, Und in der Sonne dorrt? nicht edler, als die Ähre, Die halbgereift der Sturmwind knickt? Nein, Menschenfreund, in diesem engen Hause
Wohnt nicht dein bessres, nicht dein wahres Du! Dein wahres Du, zu gut für dieser Welt Karthause, Flog jenen schönern Welten zu. Nur dein Gewand, zerrissen und zertrümmert,
Vertrauten wir der grossen Mutter Schooss — Ein Samenkorn, dem einst der Menschheit Blum' entschimmert, Unkränkbar, schmerzlos, todeslos.
Du selbst, Verklärter, schwangst mit Strahlen- schnelle Dich über Erdengram und Sargesnacht Und Gräbereng' empor zu deines Edens Schwelle,
Wo dir ein mildrer Himmel lacht; Wo eine schönre Sonne dich umlächelt, Wo eine schönre Erde dich umglänzt, Wo Gottes Kühlung dir die heissen Schläfe fächelt,
Und der Vollendung Kranz dich kränzt — Wie war dir, Selger, als die neue Sonne Dir Staunendem entgegenfunkelte? Als dich des Paradieses namenlose Wonne
Hochwogig überfluthete? Wie war dir, als auf deinem hellen Pfade Dir Und
und Und Und alle, welchen heilig das Erbarmen Und Bruderrettung Engelwollust war,
Entgegenwandelten mit ausgestreckten Armen? Vollendeter, sprich, wie dir war, Als er, der Menschenretter Erster, Grösster, Als Jesus Christus liebend zu dir sprach:
„sey mir gegrüsst, Geliebter! Sey getrost, Er- lös'ter! „dir folgen deine Thaten nach! „mich hungerte, und du hast mich gespeiset!
„mich schauerte, und du hast mich erwarmt! „ich irrt' in fremden Land verlassen und ver- waiset, „und du hast meiner dich erbarmt.
„krank lag ich, und auf meinem Schmerzensbette „besuchtest und erquicketest du mich. „gefangen lag ich hart; du schämtest meiner Kette „dich nicht, kamst und umhalstest mich.“ —
„mein Herr und Gott, wann hätt' ich dich gesehen, „dich hungern, der die Welten hegt und pflegt? „dich frieren, der du schürst der Sonne Flammen- wehen?
„dich dursten, der das Weltmeer wägt? „dich nackend, der die Frühlingsanger kleidet? „dich eingekerkert, der die Himmel füllt? „dich arm, der Überfluss aus voller Urne geudet?
„dich krank, dem alle Kraft entquillt? „wann hätt' ich dich erquicken und erlaben „und trösten können, du Vollseliger? „wann sollt' ich dich gespeist, getränkt, erwär-
met haben, „ich Armer! ich Ohnmächtiger!“ Und liebend schaute Jesus auf dich nieder, Und sprach: „Ich sag' es, und ich schwör' es dir:
„was du gethan hast einem meiner kleinsten Brü- der, „das thatest du, mein Bruder, mir.“ — —
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