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1758–1818

Der Jüngling

Gotthard Ludwig Kosegarten

Meine Jugend flieht. Wie soll ich, schwüler Gedanke, Wie ertragen die zuckenden Blitze, die grollenden Donner

Deines Gewitters? — Sie flieht mit ihren strahlen- den Rosen, Ihren duftenden Blüthen, und ihren knospenden Kräften,

Ihren Freuden und Schmerzen, und heissausbrechen- den Thränen, Ihrem heroischen Muth und ihrer ergreifenden Liebe.

Ewig flieht sie. Sie kehret nicht wieder, die Frische des Lebens, Meiner Tage begeisternde Glorie — Ewig ent- flieht sie,

Und mich erschüttert nicht mehr der Tumult der kämpfenden Kräfte, Noch des Ahnens seliger Schauer — Ich stürze so trunken

Der Natur nicht mehr um den Hals mit köstlichen Zähren, Liebe schon kühler, und dichte schon kälter — Und kannst du nicht weilen,

Süsse Geliebte? — Und kannst nicht verschieben die Wehen des Abschieds Wenige Monden lang? — Ich liebe dich innig. Ich ringe,

Dich zu halten. Ich fasse den Saum des entschlüp- fenden Kleides! Warum quälst du mich so, mein Liebling, und warum zerreisst mir

Deiner Verzweifelung Schrey die Seel'? Ich liebe dich zärtlich. Wie die Vermählte den Tag nach der heissen berau- schenden Brautnacht

Ihren nun ganz Umfangenen leibt, so lieb' ich dich, Trauter. Denn du hast mir, berauscht von Genüssen am Busen gelegen Monden und Jahre lang. Nun ruft das herrische

Schicksal. Ach, was haschest, was fassest du flehend den fliegenden Zipfel Meines Gewandes? Mich ruft das unwiderrufliche

Schicksal. Wehe! schon fühl' ich die mächtigen Arme mich rings umschlingend. Wehe! Weh! es reisst mich hinweg. Fahr wohl,

mein Geliebter! Warum raufst du dein Haar, und ringest die Hände, Verzagter? Kannst du tilgen die Schrift, geschrieben mit gol-

denem Griffel In die demantene Schicksalstafel? Kannst du Orion Hemmen, dass er nicht wasche die Locken im Bade

des Meeres? Kannst du dem Gestern gebieten: Sey heute? — Jüngling, sey weise! Sie ist auf ewig dahin mit ihren täuschenden Zau-

bern, Lass sie fliehn! Du warst ein Jüngling — Und ward auch ein Jüngling Je berühmt durch That und Wort und Dichtung

und Denkkraft? Marathonschlachten, und Deciustode, Cheruskische Siege, Haben Jünglinge die erstritten? Troja und Ta-

bor Haben Jünglinge die verewigt? Hat auch ein Jüng- ling Theodiceen gedacht und Messiaden gedichtet?

Männer haben's gethan, von meiner Umarmung ge- kräftigt! Wende dich zu mir; ich wärme mit nie verlodern- der Flammine.

Wende dich zu mir; ich lohne mit nie versiegenden. Wonnen. Zwecklos Strudeln der Kräfte bedaurst du? Ich ordne die Kräfte.

Rausch bedaur'st du? Ich tränke mit reinen stillen Genüssen. Siehe, du warst ein flammender Jüngling; hinfort sey ein kühler

Thatenrüstiger Mann!

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