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1758–1818

Dem Unbekannten.

Gotthard Ludwig Kosegarten

Ruhst und rastest du denn nimmer, erhabene Grosse Mutter Natur? Schlummert die Schnell- kraft nie, Die den Schooss dir befruchtet,

Die die säugende Brust dir schwellt? Von dem mattesten Strahl, welcher den Morgen färbt, Regt die Rüstige sich, schafft und zerstört und wirkt,

Bis die blasseste Rose In den Locken des Abends welkt — Auf thauduftender Flur schlummert die Mitternacht. Seine wolkige Bahn wandelt der müde Mond.

Ringsum gähnet die Schöpfung; Rastlos waltet die Schöpferin, Schwirrt im flisternden Schilf, plätschert im Rohr des Sumpfs,

Tränkt die Saaten mit Thau, duftet im Fliederbusch, Gurgelt heiser im Frosche, Flötet gellend im Wachtelschlag; Summt im blühenden Baum aus den Zehntausenden

Goldner Käfer, beseelt Völker von gaukelnden Mücken, schrillt in der Grille Flügel, donnert im Wasserfall, Thürmt am Saume des Süd Wolken wie Berg'

empor, Wälzt die Berge daher, prasselt aus kämpfenden Wolken, zuckt in der Leuchtung, Stürmt im brausenden Wirbelwind.

Die du, heilige Kraft, brünstig das All um- schlingst, Alles Leben gebierst, alles Geborne nährst, Unbekannte, wer bist du?

Nieerlauschte, wo wirkest du? Durch die Adern des All spritzest du flammend Blut, Kochst in Schachten das Gold, rüttelst den Ocean,

Wölbst Basalte zu Domen, Höhlst kristallene Grotten aus. Aus dem Staube herauf rufst du die Pflanzen- welt.

Säuselnd wallet die Saat, säuselnd der Eichenwald. Sonnan rauschet die Zeder, Würzig duftet das Veilchenthal. Stoffen gibst du Gestalt, gibst dem Atom Ge-

fühl, Jubel füllen den Busch, Jubel die blaue Luft. Schau, es wimmelt im Tropfen, Schau, das Sandkorn bevölkert sich.

Leben, nimmer gezählt, preisen dich, Künst lerin, Leben jeglicher Art, Kondor und Colibri, Strausspolype und Flusspferd,

Riesenmuschel und Räderthier. Aber lauter, denn sie, preist dich des Menschen Geist, Dich der Kante Vernunft, dich der Gesang Homers,

Dich der Zirkel des Newton, Dich der Pinsel des Raphael. Ahnd' ich Wahrheit? Bist du jenes unendliche, Unergründliche Ding, welches des Denkers Loth

Zu ergründen, der Hymne Flug umsonst zu erfliegen strebt? Bist du Gottheit? bist du's, welchen die Myrias Menschenzunge besingt, den der Mäander

Den der Jordan Den Schwindelnd steh' ich am Saum deiner Unendlich- keit!

Eines ahnd' ich: Ich bin deiner Unendlichkeit Mitgenosse, bin Tropfe Deines stiebenden Flammenborns. In des flammenden Borns Silbergeriesel fliesst

Einst der Tropfe zurück, freut sich der Einigung, Und verschmilzt in der Welten Allumgürtenden Ocean.

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