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1758–1818

Das Erwachen.

Gotthard Ludwig Kosegarten

Schau, der Morgen erwacht über der Winterwelt. Lunens Silber erbleicht; Phosphoros Gold erlischt; In den Locken der Eos Welkt der duftende Rosenkranz.

Luna, warum so blass? Eos und Phosphoros, Wie so eilig zur Flucht? Säumet, o säumet noch! Hellt Odaliens Fenster! Winkt: Erwache! der Schlummernden!

Oda, Oda erwach! Siehe die Morgenwelt Jauchzt im Schimmer des Tags. Luna und Phosphoros Und die rosige Eos Säumen, Lächelnde, dich zu schaun!

Oda, Oda erwach! Hört sie des Sängers Ruf? Leise regt sich ihr Mund; leiser ihr Arm. Sie schlägt, Schau, die leuchtenden Augen

Gleich zwei schwellenden Himmeln auf. Höher schwillt ihr die Brust; lauter erklopft ihr Herz. Wem erklopft es? Es klopft, Vater der Leben,

dir, Der den Morgen mit Rosen, Der mit Strahlen den Mittag lockt. Leise Wehmuth bewölkt ihren gesunknen Blick.

Sehnsuchtseufzer entwehn ihrer gehobnen Brust. Ach, sie wehn dem Beglückten, Den ihr schweigendes Lieben meint. Oda, Oda! und Ihm steiget' dein Busen nicht,

Oder steigt ihm so spät, der von dem Dämmerstrahl Des ergrauenden Morgens Bis zur schattenden Nacht dein denkt? Dieses spätere Ach, wähnst du, genüge mir?

Dieser flüchtige Blick? Laue, ich hasse dich! Ich verachte den Handdruck, Der der zögernden Hand entfährt. Unmuth wandelt mich an, dumpfe Erbitterung,

Menschenfeindlicher Grimm — Schau, ich zerreiss den Kranz, Der die Stirne mir schattet, Und zerschmettre mein Saitenspiel.

Dunkel wölke den Tag, der mich gebären sah! Rückzukehren zu mir, schwingt er den Fittig schon. Aber Dunkel umrolle,

Hagelwetter umrassle ihn! — Also sang ich und schwieg. Meine verstummende Harf' entbebte der Hand. Luna und Phosphoros Dauchten Rachekometen,

Und das Frühroth mir Weltenbrand. Schau, da lächelte mir durch der Melancholie Starres Dunkel dein Bild, meine Odalia. Wehmuth wölkte dein Auge;

Klag' entbebte dem Rosenmund. „warum, Sohn des Gesangs, warum ergrimmst du mir? „klag' Odalia nicht, klage das Schicksal an,

„das demantene Riegel „zwischen dich und dein Mädchen schob!“ Oda, Oda vergib! — Wusst' ich es doch, dass nicht Dein tieffühlendes Herz, dass das Verhängniss dir,

Meinem Arm zu entstreben, Meinem Kuss zu entfliehn, gebeut. Dennoch trauert mein Geist, dennoch umschattet mich

Nie versiegender Gram, dass mit Titanenarm Dich das eiserne Schicksal Meinem sträubenden Arm entriss.

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