Ermanne dich, mein Geist! Entraffe dich der Nacht, Die bleyern dich bedeckt. Der Schwermuth Trauer- Beschämt das Rosenroth von Gottes schöner Welt.
Mit Helden sey ein Held! Bist gegen Tausend du gleich klein und na- Bist du vor Tausenden doch herrlich auch und gross, Bist vor Zehntausenden trotz aller Quaal und Noth
Begünstigt von dem Gott. Spannt deine Muskel nicht noch ungeschwäch- Schwellt deine Adern nicht die Woge Leiden- Giebt dem Begeisterten der Schönheit Genius
Nicht manchen Liebeskuss? Liegt offen nicht vor dir des Wissens Blumen- Drückt an ihr Herz dich nicht erbarmend die Natur?
Nimmt dich die Freundschaft nicht in jedem Le- Sanfttröstend in den Arm? Ward nicht zur Letze dir das süsse Lied ver- Braust nicht dein Hochgesang daher gewitterkühn?
Schmelzt nicht dein leisres Lied, das warm vom Herzen kam, Das Herz in süssen Gram? Gelang im Dunkeln dir nicht manche bessre
That, Die keine Zeugen hier, die Zeugen droben hat? Hast du der ernsten Pflicht, die kalt der Neigung lacht,
Nicht Opfer gnug gebracht? Sind dir nicht nah und fern die Guten hold und freund? Schmäht dich der Pöbel nicht? Sind Schurken dir
nicht feind? Und schliesst nicht manches Herz, das nirgends halten kann, Sich liebend an dich an?
Ermanne dich, mein Geist! Entraffe dich der Nacht, Die bleyern auf dir drückt. Der Schwermuth Trauertracht
Lass jenem, dem der Born der Hoffnung gar ver- Du aber, sey ein Mann! Nicht würdig deines Grams ist diese Spanne Zeit. Nicht deines Schmachtens werth ist die Vergäng-
Wen Erdenlust entzückt, wen Erdengram verzehrt, Ist Hohngelächter werth! Im Strom der Jahre schmilzt des Busens hoher Schnee;
Zu gelbem Krokos welkt des Halses Lilie; Der Lippen Rosenkelch wird ein verschrumpftes Blatt; Des Auges Blitz wird matt.
Der Erde Ruhm ist Hauch, der durch die Luft verwallt; Der Erde Freundschaft Schall, der hohlem Fass' enthallt;
Der Erde Ewigkeit währt Wendung einer Hand; Ihr Glaub' ist Ufersand. Die Sonne sinkt und steigt; einst wird ihr Bett ihr Grab.
Der Himmel wirft sein Heer, wie dürre Blät- Der Elemente Band zerfasert und zerstäubt. Das Ich, das Ew'ge bleibt! Es bleibt und schwingt getrost hoch über Wahn
und Trug Des Staubes sich empor, erfleugt mit Adlerflug Der Wahrheit Flammenborn, der jeden Durst er- Und jede Makel wäscht;
Erfleugt das schönre Land, wo keine Gier uns plagt, Wo keine Sehnsucht lechzt, und keine Reue nagt,
Kein schnödes Vorurtheil das Herz von Herzen reisst — Ermanne dich, mein Geist! Empor Unsterblicher! verschmäh' den bunten
Tand, Der Blödlinge entzückt! Erfleug das Vaterland! Durch Dulden und durch Thun erring' die bessre Welt!
Mit Helden sey ein Held!
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