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1758–1818

Aussicht.

Gotthard Ludwig Kosegarten

Umschatte mich mit deinem Engelflügel, Gedank der Ewigkeit! Ich seh in dir, wie im krystallnen Spiegel, Vergolten alles Leid.

Wonach ich rang mit tausend Inbrunstthränen, Wird dort von mir erweint. Wonach ich schmachtete mit leisem Sehnen, Umarmt mich dort, wie Freund.

Was mir verborgen blieb im Reich des Wahren, Wird dort mir offenbart. Was ich verlor in hingeschiednen Jahren, Wird dort mir aufgespart.

Dort werd' ich euch, ihr Guten, wieder schauen, Die ich mir ausgekiest, Und die ihr mich in dieser Wildniss Grauen Allein zurücke liesst.

Da werd' ich dich, Geliebte, wieder küssen, Die mir das Schicksal nahm. Ich werde vor den Engeln „Braut!“ dich grüssen, Und du mich „Bräutigam!“

Ich werde dich, der Welten Urgebilde, Dich, ursprungloses Schön, In aller deiner Lieb' und Treu' und Milde Ganz und gewandlos schn.

Mein Saitenspiel, das hier von Erdendingen Nur matt und irdisch klang, Wird psalmenströmend durch die Himmel klingen, Wie Sphären-Hochgesang.

Homer und David werden mein sich freuen, Ihr goldnes Harfenspiel Mir reichen, mich zum Himmelsdichter weihen Am palmbekränzten Ziel —

Verlass mich nicht, mein Theurer, Süsser, Lieber! Gedank der Ewigkeit! Verwehe du, wird meine Seele trüber, Den trüben Dunst der Zeit.

Wenn mich in finstern, allzufinstern Stunden Mein alter Kummer fasst, So träufle heilend Öl in meine Wunden, Und schaff mir wieder Rast.

Und lieg' ich einst — wer weiss, wie bald! — zu sterben, So säusl' auf mich herab. Und ruhig steig' ich, jenes Heil zu erben,

Ins jammerlose Grab!

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