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1758–1818

Arkona .

Gotthard Ludwig Kosegarten

Die Sonne neigte sich. Zu athmen, nach der Schwüle Und nach der Last des Tags, des Abends frische Kühle,

Entriss ich lechzend mich der Mauren dumpfem Brand, Und wandelte hinab zum schöngebognen Strand. Kein Lüftchen kräuselte des Meeres Spiegelglätte;

Der Seehund sonnte sich auf dem granitnen Bette. Die Taucher plätscherten, es scherzten Möw' und Schwan Im lauen Ocean.

Und tiefer sank die Sonn'. Getaucht in Rosen- gluthen, Bespühlt den rauhen Fuss mit düstergrünen Flu- then,

Lagst du, der Väter Stolz, der alten Rugia Gepries'nes Kapitol, Ich nahte mich, erklomm des Burgrings schroffe Zacken,

Beschritt mit dreistem Fuss des heilgen Hügels Nacken, Und schaute schrankenlos fern über Land und See

Ins Unermessliche. Wie schwoll die Brust, wie schlug in immer raschern Schlägen Dem ungemessnen Raum das rege Herz entgegen!

Den lautern Ätherstrom, so labend, frisch und rein, Wie lüstern schlürften ihn der Lunge Röhren ein!

Der eingepressten Brust entstürzten Felsenblöcke, Dem zugeschnürten Aug' entrollten Bind' und Decke. Des Stoffes Rinde borst; der Schwere Fessel

sprang; Der Thierheit Brodem sank. Und tiefer sank die Sonn'. Schon küssten ihr die Wange

Der Woge Wallungen, doch schauernd noch und bange. Noch warf die Liebende des Abschieds milden Blick,

Den Blick des Lebewohls auf ihre Welt zurück. Noch glühten, angeblitzt von ihrem letzten Strahle, Der Dünen Silberschnee, die grauen Heldenmaale.

Itzt tauchte sie — so taucht ein Menschenfreund ins Grab — Die blaue Fluth hinab. „fahr wohl, du mildes Licht!“ erseufzt' ich,

schaute sehnend Der Heimgegangnen nach; und staunend, träumend, wähnend, Verlor ich mich, bis mir die Wirklichkeit ver-

schwand, Und rings vor meinem Blick ein selig Eden stand. Ein magisch Licht umschwamm die schimmernde Musive

Der Landschaft; sanft verschmolz in blauer Per- spective Die Ferne; rings umfloss ein heilig Dunkelklar Arkonens Hochaltar.

Noch stand ich aufgelöst in ahnungtrunknes Staunen; Da hört' ichs mir ins Ohr, wie Geistgeflister raunen:

„knie nieder und bet' an!“ Ich kniet' ins falbe Moos, Und also rang es sich aus meinem Innern los: „o du — wie nenn' ich dich, dem alle Busen

wallen, „und alle Herzen glühn, und alle Zungen lallen — Foh, Eloah, Allah, O!“

„sey, wer du seyst, du bist! Ja, Wesen aller Wesen, „ich glaube, dass du bist! Ich glaub' und bin ge- nesen!

„ruhlechzend lehnt an dir der Grübelns müde Geist, „den rastlos der Begriff in ewgem Wirbel reisst. „mag gleich dein Wie und Wo kein Syllogism erklügeln,

„kein Seherblick erspähn, kein Vedam uns entsie- geln, „mag faseln der Epopt, und spötteln der So- phist —

Ich „es zeuget, dass du seyst, die Harmonie der Sphären. „der Himmel ruft's der Erd', die Erde ruft's den

Meeren, „das Meer den Inseln zu, die seine Fluth bespühlt; „es zeugt's der Donnersturm, das Lüftchen, das uns kühlt;

„die Katarakte zeugt's, die wild der Alp' entstrudelt; „der Vulkan, dessen Schlund geschmolzne Felsen sprudelt, „der Eichwald und das Moos, der Lotos und der

Tang, Das Sandkorn und Montblanc. „es zeuget, dass du seyst, der göttliche Ge- danke,

„der jeden Zwang verschmäht und spottet jeder Schranke, „den Himmel itzt erfliegt, zur Hölle dann sich senkt, „das All, sein eignes Ich, und dich, Erhabner,

denkt. „die ernste Stimme zeugt's, die nimmer schweigt noch heuchelt, „die nie dem Triebe frohnt, und nie den Lüsten

schmeichelt, „die, wenn der Sinn sich sträubt, und wenn die Neigung schmollt, Gebietend spricht:

„ich soll! ich kann! ich will! Die Fessel ist zerbrochen! „erhabnes Pflichtgesetz, du hast mich freyge- sprochen!

„nothwendigkeit, dein Sklav streift deine Fesseln ab, „und schaut ein Geist, ein Held, ein Gott, auf dich herab!

„verschmäh' es, Trefflicher, dem Eiteln nachzu- schmachten! „dir ziemt durch Heiligkeit nach Seligkeit zu trachten!

„o du, der heilig ist, o du, der selig ist, „ich glaube, dass du bist!“ So rufend schaut' ich auf — und sieh'! des Spät- roths Gluthen

Erblassten. Schwer und tief hing auf die schwarzen Fluthen Und auf der Dünen Schnee ein Trauerflor hinab. Noch war erhaben still die Schöpfung, wie ein Grab.

Schon rauscht es fern; der Sturm erwacht; die Wogen grollen; Es blitzt in Süd und West; in Süd und Westen rollen

Die Donner. Dumpf erklingt die hohle Uferwand, Dumpf Jasmunds Riesenstrand. Und reissend, wie ein Pfeil, geschnellt vom eibnen Bogen,

Kam, wie ein Weltgericht, das Wetter hergeflogen. In wildem Aufruhr gohr die Luft, das Meer, das Land; Die Brandung geisselte den schaumbesprützten Strand;

Dem Wolkenschwall entschoss ein Knäuel weisser Flammen; Ein friedlich Dörflein sank in Schutt und Graus zu- sammen;

Der Hagel schlug die Saat, und ein entmastet Schiff Zerschellt' am Felsenriff. Und durch den lauten Sturm und durch der

Donner Dröhnen Erscholl der Schrey der Angst, des Jammers dumpfes Stöhnen. Mich wehten Schauder an. Mich fasste blitzge-

schwind Und schüttelt' Hünenstark der Zweifel Wirbelwind. Gestemmt auf meinen Grimm schaut' ich mit bitterm Hohne

Und frevelm Trotz empor zum blitzumschossnen Throne Des Donnerschleuderers, und rief mit frechem Spott: „thor, wo ist nun dein Gott?“

„wo ist der Selge nun, der Heilge, der Ge- rechte! „orkane weckt sein Hauch, sein Schnauben Wetter- nächte.

„hier raucht des Armen Saat; dort dampft sein Halmendach. „dort stöhnt ein Scheiternder, gequetscht vom Wel- lenschlag.

„triumph! den Selgen ehrt die Todesangst der Seinen. „victoria! ihn preis't der Unschuld lautes Wei- nen.

„ihm ist der Wuth Geheul, des Wahnsinns Phre- nesie „erhabne Psalmodie.“ So wird dem Sturm die Spreu, so ward ich dir

zum Raube, Megäre Zweifelsucht! Geknicket war mein Glaube. Gestaltlos grauste mich die Schöpfung, ein Tyrann Der Schöpfer, kalt und starr ein eisern Fatum

an. Von seinem Drachenschweif umschlungen und zer- quetschet, Von Larven angegrins't, von Furien angefletschet,

Mit ausgeschöpfter Kraft und ausgelöschtem Sinn Sank ich aufs Antlitz hin. Als hätte Gottes Strahl mich in den Staub ge- schmettert,

Vom Ouragan umheult, vom Hagelsturm um- wettert, Lag ich gedankenlos, und mancher schwere Schlag Erschütterte den Grund, auf dem der Zweifler

lag. Noch immer läuteten des Donners Aufruhrglocken; Die Flammen leckten mir an den durchnässten Locken.

Itzt peitscht' ein Schlossenschwall, und itzt ein Wolkenbruch, Den Gipfel, der mich trug. Zwey schwarze Stunden flohn. Itzt war der

Blitze Köcher, Der Schlossen Schatz erschöpft. Es grollte ferner, schwächer. Ein lindes Säuseln rann durch die erfrischte Luft,

Und der erquickten Flur entwallte Opferduft. Ich taumelt' auf. Und sieh! zerrissen war der Schleyer Der andern Welt. Es steht an Tagen grosser

Feyer Ein Allerheiligstes. So stand in hehrer Pracht Die vollgestirnte Nacht. Wie strudelte, wie wogt' aus undenkbaren Fernen

Der Orellanastrom von Sonnen, Monden, Sternen! Wie äugelten so mild aus dem saphyrnen Guss Die weisse Azimech, der rothe Regulus! Es rollte Welt an Welt, es brauste Sonn' in Sonne —

Ein seliges Gewühl von Leben, Füll' und Wonne. Es lag das grosse All stillsäugend, liebewarm In seines Vaters Arm. Und weich ward mir das Herz; es schmolz in

süsses Sehnen. Das Auge letzte sich in wollustreichen Thränen; Zu hoher Freudigkeit erwuchs das kalte Graun, Der scheue Sklavensinn zu kindlichem Vertraun.

„o Vater,“ rief ich aus, „o du, in dessen Armen „der Engel und der Wurm, und Mensch und Mück' erwarmen, „dir sinkt dein reuig Kind mit gramgemischter Lust

An die versöhnte Brust. „ich seh, ich sehe schon des Daseyns Nacht gelichtet, „versöhnet jede Fehd', und jeden Zank geschlichtet. „entlarvt seh ich den Trug; ich seh den Wahn verstreut,

„mit Elend Schuld gepaart, mit Tugend Seligkeit! „o Vater, bis sich dort des Diesseits Räthsel lösen, „bewahre mich vor Schuld! Behüte mich vor Bösem! „gewünscht sey mir die Pflicht! Gesegnet dein Gebot!

Willkommen einst der Tod!“ Gekräftigt stieg ich nun herab vom Prüfungs- hügel. In Osten wehten schon des Morgens Safranflügel.

Im hochzeitlichen Schmuck stand prangend die Natur, Das Meer ein Amethyst, und ein Smaragd die Flur. Am trümmervollen Strand, im Schutt verbrannter Hütten,

Trat ich ein Retter auf in der Verarmten Mitten. Ich träuft' in ihren Kelch des Mitleids Honigseim, Und ging getröstet heim!

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