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1758–1818

An Rosens Schatten.

Gotthard Ludwig Kosegarten

Wer bist du, Lichtgestalt, die durch die Dämmerungen, Von Glorie umstrahlt, von Glanzgewölk um- schlungen,

Von goldnem Haar umwallt, von Mondenblitz um- bebt, In schlanker Majestät vor mir vorüberschwebt? Es schwirrt im Abendhauch der silberhelle Schleyer;

Dem blauen Aug' entsprüht ein überirdisch Feuer; Der wonnetrunkne Blick, die hochgehabne Hand Meint jenes Vaterland! Bist du es, Herrliche? bist du es, Frühver-

klärte, Du ewger Huldigung und langer Thränen werthe, Die du aus Edens Flur zu uns herunterstiegst, Und duldend lächeltest, und qualumrungen

schwiegst? Ach, viel zu streng für dich war unsers Zembla Boden, Zu rauh der Frost der Nacht, zu barsch des Nord-

winds Oden; Du blühtest, welktest, sankst, und bargst dich kla- gelos In Tellus mildem Schooss.

O Rosa, dein gedenkt mein Geist mit Wonn' und Wehmuth, Gedenkt mit süssem Schmerz der ungeschminkten Demuth,

Des ungetrübten Sinns, der ungekränkten Huld, Der nieermattenden, gerntragenden Geduld. Holdselig schwebtest du in deiner Lieben Mitte,

Mit Engelfreundlichkeit, mit leisem Rehes- tritte, Mit Würde sonder Stolz, mit Güte sonder Schein,

Treu, einfach, keusch und rein. Wo seyd, wo seyd ihr hin, zu schnell ver- flossne Zeiten, Ihr Tage reich an Qual und reich an Selig-

keiten, Wo ich im Abendlicht an Rosens Seite sass Und jeden Erdengram in ihrem Arm vergass; Wo schnell dem ihrigen mein Herz entgegen-

brannte, Wo sie mich schnell begriff, mich feurig Bruder! nannte, Wo an ihr Schwesterherz das meine fest sich

schloss, Ganz Geist in Geist zerfloss! Wie oft, wenn ich versengt von deines Sa- mum Brande,

Tyrannin Leidenschaft, und kaum dem schroffen Rande Des Untergangs entschlüpft, an Rosens Busen flog, Und Trost aus ihrem Blick und ihrem Handdruck

sog; Wie troff so heilend dann aus ihrem Honigmunde Der Weisheit Öl und Wein auf meine Herzens- wunde!

Beschämt, gestärkt, versöhnt mit Welt und mit Geschick Kehrt' ich ins Joch zurück. Und, o der schmerzlichen, der nie vergessnen

Stunde, Wo ich zu früh entwinkt dem schönen Schwester- bunde, Zum letztenmal sie sah, sie in den Arm mir

sank, Heissweinend mich umfing, lautschluchzend mich umschlang; Wo ich, dem finstrer Gram das starre Auge nässte,

Das herbe Lebewohl auf ihre Lippen presste, Dann schnell mich losriss — Ha, wann strahlst, wann winkst du, ach! Des Wiedersehens Tag!

Tagt es im Grabe? — Nie, nie werd' ich Rosa schauen. Die Ausgeprüfte wallt auf ewiggrünen Auen. Heil ihr! Getauscht hat sie der Erde Brodem-

luft Mit Edens lindem Wehn und Amaranthenduft. Geküsst vom lauen Strahl, erfrischt vom leisen Kosen

Des Athers, schau, wie blühn die gramerblichnen Rosen Der Wange! sieh, wie schwillt vom Athem höh'rer Lust

Die schmerzgebrochne Brust! O Rosa, schau herab aus deiner lichten Ferne, Schau nieder, Heilige, zum mütterlichen Sterne! Auf deinen Bruder schau, auf den verlassnen Freund,

Der, Selge, nicht um dich, der um sich selber weint. Du ruhst, Vollendete, auf Edens Rosenbetten. Mich Armen lasten noch der Eitelkeiten Ketten. Es schwelgt in meinem Mark, es prasst in meiner

Kraft Der Tieger Leidenschaft. O Rosa, schweb' herab aus deinem hellen Sterne! Schweb' nieder, Selige, in diese öde Ferne!

Umschimmre traulich mich im stillen Mondenlicht! Umlisple mich im Hauch, der in den Espen spricht! Sey Feuersäule mir auf meines Irrsals Pfaden! Sey mir im Sturm ein Strahl auf winkenden Ge-

staden! Und endet mein Exil, so leit' an deiner Hand Mich heim ins Vaterland!

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