Welches Säuseln regt die Espenwipfel? Welches Flistern spricht im Fliedergang? Durch der Pappeln mondbestrahlte Gipfel Schwirrt verwehter Stimmen Widerklang.
„julie!“ ächzt es in den regen Blättern; „julie!“ in dem Nachtigallenschlag; „julie!“ in der Wachtel hellem Schmettern; „julie!“ in des Rohrspaz dumpfem Ach.
Weste schauern, und im lauen Hauch des Westes Taumeln weisse Blüthen auf das grüne Grab, Das dich, Julie, deckt, dich, Köstlichstes und Bestes,
Was der Ewige mir gab. Julie, Julie, du des Nachts mein Träumen, Und des Tags mein Gram, wo schwebst du itzt? Schwebst du droben in den lichten Räumen,
Wo Arkturus glänzt, und Gemma blitzt? Wallst du unter dieser Bäume Schatten, Schöne Psyche, wo dein Flügelkleid verbleicht? Wo gestützt auf den verarmten Gatten
Die verarmte Mutter jammernd schleicht? Siehst du, Selige, die Salzfluth bittrer Thränen, Die der Deinen nimmertrockne Augen über- schwemmt?
Weisst du um das stumme niegestillte Sehnen, Das ihr trauernd Herz beklemmt? Süsses Kind, zu plötzlich uns entwunden! Holde Tochter, uns zu früh geraubt!
Flohen nicht, gleich dreyssig kurzen Stunden, Deine dreyssig Monden über unser Haupt? War nicht Wohllaut jeder deiner Züge? Nicht dein Bau die reinste Eurythmie?
Sprach dein sanftes Aug' nicht Seelengnüge? Nicht dein klares Lächeln Seelenmelodie? Lag ein Himmel nicht in deinem Antlitz offen, Dessen Glanz und Heitre Sinn und Herz erquickt? —
Und zermalmt im Keim ward unser schönstes Hoffen! Unsre Ros' als Knosp' erstickt! O der finstersten der finstern Stunden,
Wo dein zarter Bau zusammenbrach! Wo nach hundert durchgequälten Stunden Deine Kraft dem Stärkern unterlag! Lächelnd griffst du in den Stahl der Parzen,
Der dir zögernd durch das Leben fuhr! Lächelnd lagst du auf dem Bett der Schmerzen, Und verweht war jedes Schmerzes Spur! Wahrlich, diese himmelangebrochnen Augen
Sehn Geheimnisse, die Worte nur entweihn. Diese lechzend aufgeschlossnen Lippen saugen Himmelslüfte lüstern ein! Und schon prangt die Alabasterbüste
In der Unschuld Liliengewand, Auf dem schwarz beflorten Klaggerüste, Eine Ros' in ihrer rechten Hand, In der Linken fünf Violenglöckchen,
Die der Frühe lauer Hauch erschloss, Einen Myrtenkranz um ihre blonden Löckchen, Myrtenreiser rings auf Brust und Schooss — Wie sie lächelnd liegt! — Ist das des Todes
Weise? Nein, diess holde Mägdlein ist nicht todt; es schläft! Ich beschwör' euch, Freunde! tretet leise, leise!
Denn mein theures Mägdlein schläft! Tragt die Schläferin in ihre Kammer! Tragt sie in ihr kühles Schlafgemach, Dass sie ruhe sonder Qual und Jammer
Bis zu des Erwachens schönerm Tag! — — — — Horch, es brausen schon die Tempelhallen, Die Gewölbe dröhnen dumpfen Klangs. Durch das Schluchzen und das Weinen wallen
Trunkne Töne des Triumphgesangs: „wonne, Wonne, meine Palm' hab' ich erwun- den! „freude, Freude, meinen Kranz hab' ich erkämpft!
„frühe, frühe ward ich aller Qual entbunden — All mein Jammer früh gedämpft!“ Einzeln dann und matt, wie aus den Tiefen Weiter Ferne, weht ein leiser Laut:
„selig sind, die früh und sanft entschliefen! „selig ich, des Himmels jüngste Braut! „weinend scheiden ist das Loos der Erden; „doch ihr Weinen währet kurze Zeit.
„freunde, euer Gram wird Freude werden, „und Entzücken euer Herzeleid. „noch ein Kleines, und ich werd' euch nicht mehr sehen!
„noch ein Kleines, und ich werd' euch wiedersehn. „lebt denn wohl, und lasst zu jenen lichten Höhen, „lasset mich zum Vater gehn!“ Nun, so zeuch denn hin zum rechten Vater!
Zeuch in Frieden, herzgeliebtes Kind! Ich befehle dich dem grossen Vater, Ohne Den wir alle Waisen sind! Einmal nur noch lass dich Tochter grüssen,
Einmal noch dein liebes Antlitz sehn! Einmal noch mich diese Stirne küssen! Und nun Lebewohl auf Wiedersehn! Also sprach ich und nach letzter bittrer Letze
Senkten sie ins ernste Dunkel sie hinab; Und den edelsten, den schönsten meiner Schätze, Ach, verschlang das öde Grab. Julie, Julie, du des Tags mein Träumen,
Und des Nachts mein Gram, wo weilst du itzt? Weilst du droben in den lichten Räumen, Wo das schöne Schnittermägdlein blitzt?
Wandelst du in grünen Paradiesen, Musterst deines Vaters Blumenflor, Tanzest auf den amaranthnen Wiesen Unter leuchtender Gespielen Chor?
Welche Glanzgestalt hiess freundlich dich will- kommen? Welche Huldin wurde deine Führerin? Süsse Tochter, bist du etwa meiner frommen
Weisen Mutter Zöglingin? O des holden Wahns! des goldnen Traumes! — — — — Und warum denn Wahn und Traum und Tand? Zirkel unsrer Zeit und unsers Raumes,
Wärest du es, der das All umspannt? Was dem ruhbedürftgen Geist gemahnet, Was des Daseyns Räthsel einzig löst, Was dem sehnsuchtkranken Herzen schwanet,
Was dem Ich kein Grübler eingeflösst? Worauf Sokrates den Schierlingsbecher leerte, Worauf Jesus Christus ruhig blutete — Wäre Täuschung? Nein! Du gingst nicht unter,
Werthe! Du erwachst einst, Schlummernde! Schlummre denn in deinem engern Hause! Schlummr' entgegen einem schönern Nu!
Rings um deine grünende Karthause Säusle tiefe ahnungreiche Ruh! Röth', Aurora, meiner Julie Hügel! Giesse Silber, Luna, auf ihr Grab!
Reget, Weste, die bethauten Flügel! Sprengt Juwelen auf ihr Moos herab! Kommt, ihr Wenigen, die mir noch übrig blieben! Lasst uns Blumen auf der Schwester Urne streun!
Julie, Julie, sieh, wie dich die Deinen lieben! Julie, nie vergess' ich dein!
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