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1758–1818

An einem Gewitterabend.

Gotthard Ludwig Kosegarten

Ja, wahrlich, du bist schön! bist einer ew'gen Milde Und einer ewgen Kraft unsterbliches Gebilde, Du meiner Wallfahrt Land, du Land, das mich gebar,

Mich säugte, mich erzog, mir Wieg' und Amme war; Mich dreissig Frühlinge mit seinen Rosen kränzte, Mir im kristallnen Schnee durch dreissig Winter glänzte,

Und einstens diesen Staub, durch Gottes Hauch belebt, In seinen Schooss begräbt. Schön bist du, Erde, schön im goldnen Sommer-

kleide. Dich grüsst mein Preisgesang; dich ehret meine Freude. Sieh, wie die gelbe Saat die schweren Häupter

neigt! Wie unter seiner Last das schwanke Reis sich beugt! Wie auf der fetten Trift die satte Heerde hüpfet!

Wie durch das hohe Gras das Sonnenwürmchen schlüpfet! Horch, wie der Wachtel Schlag im Weizen, tief im Wald

Der Drossel Flöte schallt! Doch schwüler wird die Luft; die Kreaturen ächzen; Die matte Schöpfung stöhnt; die welken Fluren

lechzen. Allvater winkt, und schnell klimmt schwarze Wet- ternacht Herauf aus Süd und West. Des Sturmes Kraft erwacht.

Es blitzt. Der Donner grollt. Das Bodenfeste zittert. Das wilde Weltmeer tobt. Der Eichwald dampft und splittert. Der Haingesang erstummt. Das scheue Ross ent-

fleucht, Und Held und Memm' erbleicht! Allvater lächelt. Schnell verbraust der Donner Rasen.

Der Blitze Flamm' erlischt; des Sturms verheerend Blasen Wird leises Wehn; es schweigt das aufgewühlte Meer —

Schön, Erde, ist dein Ruhn nach Wettern, schön und hehr. Des Donners Drohn wird Huld, sein Schelten mil- der Segen.

Der Wolken Fülle rauscht; es rieseln laue Regen. Nun trinkt, was durstete; nun labt sich die Natur; Nun jubeln Wald und Flur. Die Dünste fliehn. Die Luft verklärt sich.

Gross und milde Beglänzt die Abendsonn das träufelnde Gefilde. Wie blitzt in ihrem Glanz, wie funkeln Bach und Au!

Wie düster steht der Wald, das ferne Meer, wie blau! Sie sinkt; der Westen glüht. Der müde Landmann feyert;

Die Heerden kehren heim; der braune Abend schleyert Das Feld, das stille Dorf, den feyerlichen Hain In seinen Mantel ein.

Sie kommt, gewünscht dem Gram; sie kommt, ersehnt dem Müden, Die süsse, süsse Nacht, und träufelt Trost und Frieden In jede wunde Brust, und schliesst zu sanfter Ruh

Und holder Träumerey die nassen Wimper zu. Es scheint der stille Mond in des Verlassnen Kammer Durch enge Fensterchen, und weint in seinen Jammer. Der wache Weise sinnt in ernster Dunkelheit

Gott, Grab und Ewigkeit.

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