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1758–1818

Abschied von Hyldathen.

Gotthard Ludwig Kosegarten

Goldne Tag', ihr entfloht, ehe mein lauschend Ohr Eures reissenden Flugs sausenden Schwung vernahm, Eh' die lechzende Zunge

Eures Kelches zur Gnüge trank. Goldne Tage, darin jegliches Morgenroth Mir es wehte, darin jegliches Abendkühl Mir es säuselt: „Noch bist du

Schuldlos, Jüngling, und fessellos. Klaget, Brüder! Sie flohn. Klaget die Flüchtlinge! Jammernd klagt sie mein Lied. Jeglicher Laut wird Ach,

Und verweht in den Herbstwind, Der die Stoppel herüberbläs't. Kalt bläs't, Brüder, der Wind; Nebel entdampft der Flur;

Wolken klimmen herauf; Schauer und Stürme drohn. Auf im Schauern und Stürmen, Und geleitet den Scheidenden! Mich entbeut mein Geschick hin, wo des Oceans

Wogendonner ein Land furchtbar und schön umbrüllt, Wo die moosige Scheitel Weit umschauend der Rugard hebt. Schickung, warum so rasch? Warum so flüchtig, Zeit?

Sehnend ruft dir mein Lied. — Nicht, wie der Thor dir ruft, Der verzweifelnd zum Gestern, Dem verlornen: Sey heute! spricht.

Euren strudelnden Sturz staunt' ich nicht müssig an, Schöne Tage! Ich hielt — zeugt es, die ihr mich kennt — Mit der Rechten die Weisheit,

Mit der Linken die Freud' umarmt. Nimmer lechzte mein Schwert Hader noch Bruderblut; Nimmer höhnte mein Lied Tugend und Sittlichkeit; Nie umrankte mich, Wollust,

Dein entmannender Circenarm. Wonne, Wonne, noch färbt heilige Jünglingsscham Meine Wange! Noch glänzt Unschuld und Reinigkeit Mir im Auge; noch schau' ich

Fest dem Edler'n ins Angesicht. Wonne, Wonne, noch straft mich der verjubelten Stunden keine! Mich reut keine der stilleren, Wo dein Schleier mich hüllte,

Dichterfreundin, Melancholie! Dämmrung, werde nicht Nacht! Werde nicht starrer Gram, Süsse Wehmuth, wenn nun richtend die Stunde

schlägt, Die den Bruder vom Bruder, Die den Liebling vom Liebling trennt. Euch, ihr Trauten, vielleicht nimmer zu sehn,

vielleicht Euch vergessen zu seyn, wenn mein Gesang nicht mehr Um euch lispelt — diess fürchtet

Meine Seele, diess ängstet mich. Euch vergessen zu seyn — Foltergedanke, dir Bebt der trotzige Geist. Ärger, denn Gräbernacht, Und das Grauen des Nichtseyns

Hasst mein Geist die Vergessenheit. Nein, ihr Trauten, ihr müsst mein nicht vergessen, müsst, Wenn ihr Fluren durchwallt, wenn ihr in Zirkeln

jauchzt, Wo ich wandelt' und jauchzte, Denken eures Verlassenen. Wenn der kämpfende Geist einstens die Fesseln

sprengt, Ins Unendliche fleugt, Leben und Freiheit jauchzt — Müsst ihr „Bruder“ mich klagen, „fahr wohl, Bruder, du warst uns werth.“

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