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1724–1803

Dritter Gesang.

Friedrich Gottlieb Klopstock

Hey mir gegrüßt! ich sehe dich wieder, die du mich gebahrest, Erde, mein mütterlich Land, die du mich im Einst zu den Schlafenden GOttes begräbst, und meine Sanft bedeckst; doch dann erst, dies hoff ich zu meinem

Wenn von ihm mein heiliges Lied zu Ende gebracht ist. Alsdann sollen die Lippen sich erst, die ihn zärtlich besan- Dann erst sollen die Augen, die seinentwegen vor Freuden Oftmals weinten, sich schliessen; dann sollen erst meine

Und die Engel mein Grab mit Lorbeern und Palmen Daß, wenn ich einst nach himmlischer Bildung vom Tod Meine verklärte Gestalt aus stillen Hainen hervorgeh. Und du, die du zur Hölle mich führtest, unsterbliche

Und nun meinen noch bebenden Geist zurücke gebracht Du, die vom göttlichen Blick die ernste Gerechtigkeit Aber auch ihren Vertrauten mit süsser Freundlichkeit Heitre die Seele, die noch von ihren Gesichten umgeben

Innerlich bebt, mit himmlischem Licht auf, und lehre sie Jhren erhabnen anbetungswürdigen Mittler besingen. Jesus war noch allein mit Johannes im Grabmal der Unter zerstreuten Gebeinen, von Nacht und Schatten

Saß er, und überdachte sich selber, den Sohn des Und den Menschen zum Tode bestimmt. Vor seinem Ge- Sah er die Sünden der Menschen, die alle, die seit der Adams Kinder vollbrachten, auch die, so die schlimmere

Sündigen wird, ein unzählbares Herr, GOtt fliehend, Satan war mitten darinnen, und herrschte. Vom Ange- Trieb er, den Sünder, das Menschengeschlecht, und Wie die Ebnen des Meers ein mitternächtlicher Strudel

Ringsum in sich verschlingt, und immer zum Untergang Unsichtbar unter den Wolken des niedersteigenden Alle zu sichre Bewohner des Meers in die Tiefen hinab- Jesus sah die Sünden und Satan. Drauf sah er zu

Gott, sein Vater, sah auch nach ihm tiefsinnig hernie- Zwar brach aus seinem erhabenen Blick das ernste Ge- Langsam hervor; zwar donnerte GOtt, und schreckt ihn Gleichwohl blieben noch Züge des unaussprechlichen Lä-

In dem Antlitz voll Gnade zurück. Die Seraphim sagen, Damals habe der ewige Vater die andere Thräne Stille geweint. Er weinte die erste, da Adam verflucht ward. Also sahn sie sich an. In feyrender Sabbathstille

Neigt sich vor ihnen die ganze Natur. Voll Ehrfurcht und Bleiben die Weltgebäu stehn, und, auf beyder Anschaun Geht der betrachtende Cherub in stillen Wolken vorüber, Auch kam Seraph Eloa, von himmlischen Wolken umgeben,

Zu der Erden herunter, und sah von Antlitz zu Antlitz Den Messias, und zählte die menschenfreundlichen Thrä- Alle Thränen, die JEsus weinte. Drauf stieg er gen Als er hinaufstieg, erblickt ihn Johannes. Jhm öffnete

Daß er den Seraph erblickte, die Augen. Er sah ihn und Und umarmte voll Inbrunst den Mittler, und nant ihn Seinen Erlöser und GOtt, mit unaussprechlichen Seuf- Nannt er ihn so, und blieb bey ihm in süsser Umarmung.

Aber die übrigen Eilfe, die JEsum schon lange nicht Giengen im Dunkeln am Fusse des Oelbergs, und suchten Ausser einem der JEsum, wie sie, nicht mehr zärtlich Waren sie Männer voll Unschuld. Die Göttlichkeit ihrer

Kannten sie nicht. GOtt kannte sie besser. Er schuf sie Welche dereinst des Ewigen Offenbarungen schauten. Doch nicht jener zugleich, der, der himmlischen Jünger- Jesum verrieth. Er konnte sie schaun, verrieth er nicht

Jhnen wurden schon, eh sie der Leib der Sterblichkeit Neben den Stülen der vier und zwanzig Aeltsten im Him- Goldene Stüle gesetzt; doch einer der goldenen Stüle Ward einst mit Wolken bedeckt, bald aber entflohen die

Und ein lichtheller ewiger Glanz gieng wieder vom Stul Dazumal rief Eloa und sprach: Er ist ihm genommen, Und ist einem andern gegeben, der besser als er ist! Jhre Beschützer, zwölf Engel der Erde, die unter der

Gabriels stehn, erhuben sich itzt auf die Höhen des Oel- Und betrachteten da mit freundschaftsvollem Vergnügen Unsichtbar ihre Gespielen, wie sie den göttlichen Mittler Ueberall thränenvoll suchten. Da kam mit flüchtigen

Aus der Sonnen ein Seraph, und stund auf einmal bey Dieser war einer von Vieren, die gleich nach Uriel herr- Selia, so hieß er, itzt sprach er also zu ihnen: Sagt mir, himmlische Freunde, wo ist er, in welchen

Wandelt er itzt, der grosse Messias? Die Seelen der Väter Senden mich, ich soll ihn auf allen göttlichen Wegen Still begleiten, und jegliche That der grossen Erlösung Achtsam bemerken; kein heiliges Wort, kein zärtlicher

Soll mir von seinem unsterblichen Mund ungehöret ent- Himmlische Freunde, kein tröstender Blick, und keine der Jener getreuen der Gottheit und Menschheit so würdigen Sollen unangemerkt mir im göttlichen Auge sich zeigen.

Ach zu früh entziehst du dem Blicke der heiligen Väter, Erde, dein schönstes Gefilde, wo GOtt in Hüllen der Wandelt, und das Opfer des grossen Mittleramts an- Ach zu früh entfliehst du dem Tag und Uriels Antlitz,

Der nun ungern und traurig den untersten Welttheil Dort ist ihnen kein änderndes Thal, kein erwachend Ge- Angenehm; denn hier wandelt er nicht, der grosse Messias! Selia endigte so. Jhm erwiederte Seraph Orion,

Simons Schutzgeist. Dort unten, wo sich die traurigen Oeffnen, und sich sinkend mit des Oelbergs Fusse vertiefen, Dort steht, himmlischer Freund, der hohe Messias und Selia sah ihn, und blieb unverwandt in stiller Entzü-

Stehn. Schon waren mit leichtem Gefieder zwo fliehende Ueber sein Haupt mit der Stille der Nacht vorüber geflo- Als er noch stand. Indem kam der letzte vertrauliche In das Auge des Mittlers herab, die heilige Ruhe

Eilte, gesandt von GOtt, vom Allerheiligsten GOttes, Auf ihn, mit kühlendem Säuseln, in stillen Düften her- Jesus schlief ein. Drauf wandte sich Selia zu der Ver- Und trat mitten hinein und sprach vertraulich zu ihnen:

Meldet mir, himmlische Freunde, wer sind die Männer Die da wandeln, und wie verlassen, und traurig herum- Sehet, ein stiller einnehmender Schmerz deckt ihre Ge- Doch entstellt er sie nicht. So drücken sich edle Gemüter

Wehmuthsvoll aus. Sie weinen vielleicht um einen Und entschlafenen Freund, der ihnen an Tugenden Jhm erwiedert Orion: Das sind die Heiligen Zwölfe, Selia, die JEsus sich zu Vertrauten erwählte.

Ach wie selig sind wir, daß uns ihr Meister erlesen, Jhre Beschützer und Freunde zu seyn! Da sehen wir Wie er mit süsser geselliger Liebe sich ihnen eröffnet. Wie er sie lehrt, wie er bald mit mächtigen Reden den

Zu den hohen Geheimnissen zeigt, bald in menschlichen Dich, unsterbliche Tugend, verklärter und fühlbarer Und nach und nach ihr empfindendes Herz zur Ewigkeit O wie viel erlernen wir da! wie macht uns sein Bey-

Aufmerksam, und wie reizet er uns, ihm anbetend zu Selia, solltest du ihn und seinen göttlichen Wandel, Und sein edles, des ewigen Vaters so würdiges Leben Täglich sehen, dein Herz zerflöß in stiller Entzückung!

Auch ist es schön, und klinget auch selbst in unsterblichen Lieblich, wenn seine Vertrauten von ihm sich zärtlich Freund, wie wir uns, so lieben sie ihn. Ich hab es hier In der Versammlung gesagt, und wiederhol es auch itzo:

Vielmals wünsch ich von Adams Geschlecht, ja selber auch Mit den Menschen zu seyn; wenn anders ohne die Sün- Eine Sterblichkeit seyn kan. Vielleicht verehrt ich ihn Meinen Bruder von eben dem Fleisch und Blute ge-

Liebt ich vielleicht weit brünstiger noch. Mit welcher Ent- Wollt ich für ihn, der zuerst für mich starb, mein Leben Mitten im heissen unschuldigen Blute, mit brechenden Wollt ich ihn loben; mein schwaches Geseufz, mein ster-

Sollte so harmonisch, wie die hohen Lieder Eloa, Wenn er am Throne vorbeygeht, in göttlichen Ohren Alsdann sollteft du, Selia, mir, oder einer von diesen Sanft mit unsichtbarer Hand die gebrochnen Augen zu-

Und die entfliehende Seele zum Thron des Ewigen füh- Selia sprach: Wie rührest du mich! Wie nimmt mich Edler Orion, mit Zärtlichkeit ein! Die Männer dort Die sind also die heiligen Zwölfe, die Freunde des Mitt-

Welche zu seyn, selbst Seraphim, auch mit der Sterb- Seyd mir gesegnet! Jhr seyd es auch würdig, Unsterb- Liebt der Erlöser, wie Brüder, ihr werdet auf goldenen Sitzen, und den Weltkreis mit eurem Könige richten.

Seraphim, nennet sie mir! Ich will die Namen auch Die schon lange mit glänzenden Zügen im Lebensbuch Nennt mir jenen zuerst, der dort mit feurigen Augen Um sich blickt, und im schattichten Walde mit Ungeduld

Jesum vielleicht. Muth, und ein kühnes entschlossenes Seh ich in seinem Gesicht. Aufrichtig sagt es mir alles, Was vom fühlenden Herzen belebt die Seele gedenket.

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