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1724–1803

Der Messias . Zehnter Gesang.

Friedrich Gottlieb Klopstock

Jmmer weiter komm ich, auf meinem furchtbaren Wege, Jm̃er näher zum Tode des Sohns. Ach, wärs nicht der Liebe, Nicht der Tod der ewigen Liebe; so würd ich erliegen, Unter der Last der Betrachtung! Auf beyden Seiten ist Abgrund

Da zur Linken: Ich soll nicht zu kühn von dem Göttlichen singen! Hier zur Rechten: Ich soll ihn mit feyrlicher Würdigkeit singen! Und ich bin Staub! … O du, deß Blut auf Golgatha strömte, Dessen Allgegenwart mich, von allen Seiten, umringt hat,

Du erforschest meine Gedanken! Du siehest es alles, Was ich denke, vorher, du Naher! Ja, selber kein Wort ist Mir auf der Zunge, das du nicht wissest. Mein Gott! mein Versöner Leite mich, mein Versöner, und, wenn ich strauchle, vergieb mirs.

Deines Lichts Ein Schimmer, von deiner Gnad Ein Tropfen, Ist, dem Erkenntnißbegierigen, ist, dem Durstenden, Fülle! Von dem Throne, der sonst, die hellste sichtbare Schönheit, Leuchtete, nun in schreckenerschaffende Nächte gehüllt stand,

Einsam dastand; um den izt kein Unsterblicher feyrte; Ausser, daß, von dem bebenden Hange der untersten Stufe, Kniend, mit betendem Auge, mit banggerungenen Händen, Starr vor Erwartung, der erste der Todesengel emporsah:

Von dem Throne schaute, mit unverwendetem Antliz, Auf den göttlichen Sündeversöner, Jehova herunter. Durch die helleren Stäubchen der Sonnen, die dunklern der Erden, Durch die verstummte Natur; mit Blicken, von dem nur verstanden

Dem nur gefühlt, auf den sie, vom Auge des Ewigen, strömten, Schaut’ er hinab. Es empfindet, den Blick des richtenden Vaters, Jesus Christus; weis, daß Jehova noch nicht versönt ist! Weis es, und fühlts unaussprechlich, durchströmt von des näheren Todes

Schauer. … Es zittern in ihrem verborgensten Leben die Welten! Banger, trüber, verstummender stehn die Unsterblichen alle, Bey der Empfindung des Sohns, die mit mehr Todesblässe In des Göttlichen Angesicht stieg. Dem müden Auge,

Das zu brechen begann, entsanken verlöschende Blicke, Fielen auf sein Grabmaal, das gegen Golgatha über Einsam, unter alternden Bäumen, in Felsen gehaun, lag. Todesschlummer, bald wird dich mein Leib dort schlummern! So dachte

Jesus Christus, indem sein Blick an dem Grabe verweilte. Darum nahm ich dich an, du Leib von Staube! Verwesen Sollst du nicht; doch sollst du entschlafen liegen. Mein Vater, Trockne die Thränen von deren Gesicht, die dann um mich weinen!

Ausgesönter! erbarme dich ihrer, sie weinen um Jesum, Deinen Eingebornen! Erbarme dich ihrer, wenn nun auch Jhre lezte Stunde von dir zu ihnen gesandt wird! Heiliger Vater, erbarme dich aller, die an den Geliebten,

Deinen ewigen Sohn, den Gottgeopferten, glauben; Wenn sie, in diesem Glauben, nun auch mit dem Tode ringen Ach, ich fühl ihn, ich fühl ihn, den Tod! Des Ewigen Schrecken Trägt er! Er ist ein Schwert in der Hand des Allmächtigen! Furchtbar

Ist er! … Zwar sie werden es, was ich empfand, nicht empfinden; Sie sind endlich! Allein aus dem Meer, in welches ich sinke, Kann ein Tropfen in ihnen des Todes Schrecken verbreiten! Einige, göttlicher Vater, du hast es also beschlossen!

Einige werden entschlummern; es werden einige sterben; Einige deiner Geliebten, o Vater, des Todes sterben! Vater! Vater! erbarme dich aller, die dürstend nach Hülfe, Die, im Kampfe des Todes, um Labsal! um Gnade! dich anflehn.

Derer, die aus viel Trübsal ihr müdes Leben dem Grabe Brachten, in Dürftigkeit lebten, und dennoch dich nicht verkannten; Die, wie schuldlos sie waren, mit Schmach der Sünder befleckte; Die, dem Freunde getreu, die Feinde segneten; Demut,

Liebe der Brüder, und Liebe der Menschen, durch Handlungen, zeigten; Derer, die, unverblendet von Ehre, Reichthum, und Hoheit, Gutes zu thun sie gebrauchten, und, sie zu entbehren, vermochten; Aller, die, nach den verschiednen, von dir gegebenen Gaben,

Nach dem kleinern und grösseren Anlaß, durch welchen die Vorsicht Sie anlockte: mit reiner, mit herzlicher Liebe, dir dienten: Derer erbarme dich, Vater, in ihrer lezten Stunde! Wenn ihr Auge nun auch zu brechen beginnt, die Verwesung

Jhren Körper verlangt; der Schöpfer die Seele: dann sende Deine Tröstung, den Geist, der unaussprechlich in ihnen Bete, bis du sie über das, so sie verstanden und baten, Ueberschwenglich erhörst, und zu deiner Ruhe sie einführst.

Gott der Liebe, mein Vater, um dieser quellenden Wunden! Dieser blutigen Krone, die meiner Schläfe sich eingrub! Um der Todesangst willen, die meine Gebeine durchschüttert! Um deß, was ich izt leide, noch leiden werde! der Liebe,

Dieser Liebe willen, mit der ich, erniedrigt zum Tode, Bis zum Tod am Kreuze, das Heil der Menschen vollende: Hör mich, und laß, die ich liebe, getreu bis ans Ende mir bleiben! Trostvoll sterben! den Lohn der Ueberwinder empfangen!

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