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1724–1803

Der Messias . Vierter Gesang.

Friedrich Gottlieb Klopstock

Kaiphas aber lag noch, nach Satans dunkelm Gesichte, Voller Angst auf dem Lager, von dem die Ruhe geflohn war. Bald schlief er kurze Zeit ein, bald erwacht er wieder, u. warf sich Ungestüm, und voll Gedanken herum. Wie tief in der Feldschlacht

Sterbend ein Gottesleugner sich wälzt; der kommende Sieger, Und das bäumende Roß, der rauschenden Panzer Getöse, Und das Geschrey, und der Tödtenden Wut, und der donnernde Himmel Stürmt über ihm; er liegt, und sinkt mit gespaltenem Haupte

Dumm und gedankenlos unter die Todten, und glaubt zu vergehen. Drauf erhebt er sich wieder, und ist noch, und denkt noch, und fluchet, Daß er noch ist, und spritzt mit bleichen sterbenden Händen Blut gen Himmel, Gott flucht er, und wollt ihn gerne noch leugnen.

Also betäubt sprang Kaiphas auf, und ließ die Versammlung Aller Priester und Aeltsten im Volke schnell zu sich berufen. Mitten im hohen Pallast war ein weiter Saal der Versammlung, Aus des erhabenen Libanons Hain salomonisch erbauet.

Allda kamen die Priester und Aeltsten im Volke zusammen. Mit den Aeltsten kam Joseph von Arimathäa, ein Weiser! Unter der ganzen entarteten Nachwelt des göttlichen Abrams Von der Zahl der übergebliebnen wenigen Edlen.

Still, wie der friedsame Mond in dämmernden Mitternachtswolken Ueber uns wallt, so gieng in diesen Versammlungen Joseph. Auch kam Nikodemus, ein Freund des Meßias und Josephs. Kaiphas trat itzt herrisch hervor, und ergrimmt, und sagte:

Endlich, ihr Väter Jerusalems, müssen wir etwas beschließen, Und mit gewaltigem Arm den Widersacher vertilgen: Oder er führt es hinaus, was er wider uns lange schon aussann, Und wir halten vielleicht itzo die letzte Versammlung!

Ja dieß Priesterthum Gottes, das, hoch auf Sinai, Gott selbst Durch den größten Propheten der ganzen Nachwelt gesetzt hat, Das in der langen Gefangenschaft, selbst babylonische Thürme, Das im Sturme der Waffen die schrecklichen sieben Hügel

Nicht zu erschüttern vermocht; das wird ein sterblicher Seher, Jsrael, uns, dem Tempel des Herrn zur Schande, vertilgen. Ist nicht Jerusalem sein? Sind nicht die Städte Judäa Sclavinnen ihres vergötterten Träumers? Entfliehet das Volk nicht

Abergläubisch und blind dem Tempel weiserer Väter, Seine verführende Wunder in weit entlegenen Wüsten Anzustaunen? Die Wunder, die Satan durch ihn verrichtet! Und was blendet wohl mehr? Was ist dem staunenden Pöbel

Wunderbarer? Als wenn er so gar Verstorbne vom Tode, Oder vielmehr ohnmächtige Kranke, vom Schlummer erwecket! Unterdeß sind wir ruhig, und warten, wenn uns sein Anhang Jm entsetzlichen Aufruhr vor seinen Augen erwürgt hat,

Daß er uns auch von den Todten erwecke! Ja! Väter, ihr seht mich Stumm und erstaunungsvoll an! Könnt ihr noch zweifeln? Ja, zweifelt, Zweifelt nur, und schlummert! Nie rief ihn Judäa zum König Ungestüm aus! Das wißt ihr nicht! Nie hats die Wege mit Palmen

Jauchzend bestreut! Nie haben sie ihm Hosanna gesungen! Daß du statt, Hosanna! den Fluch des Ewigen hörtest! Daß die Stimme des Donnerers dir im betäubten Ohre Statt des Triumphtons erschallte! Daß tief im Thore des Todes,

Könige dir vom eisernen Stul aufstünden, die Kronen Niederlegten, und bitter und fpöttisch, Hosanna! Dir riefen! Ja, unwürdige Väter des Volks! (Verzeiht mir die Rede, Die itzt ergrimmt im heiligen Zorne, mein wütender Geist that!)

Nicht die Klugheit allein, nein, viel was höhers gebeut uns, Gott gebeut uns, ihn schnell vom Antlitz der Erde zu tilgen! Vormals redte der Herr durch offenbarende Träume Unsern Vätern. Seht, ob nicht dem Hohenpriester Gottes

Himmlische Träume gesandt sind. Ich lag zur Mitternachtsstunde Sorgenvoll auf dem Lager, und dachte dem endlichen Ausgang Dieser neuen Empörungen nach. So dacht ich, und schlief itzt Unentschlossen und kummervoll ein. Da war ich im Traume

In dem Tempel, und eilte mit Gott das Volk zu versöhnen. Schon floß Blut der Opfer vor mir; schon gieng ich anbetend Gegen das Allerheiligste Gottes; schon hatt ich den Vorhang Aufgethan, da sah ich (noch zittern mir alle Gebeine!

Noch fällt Gottes Schreckniß auf mich, wie tödtend, herunter!) Aaron sah ich, im heiligen Schmuck, mit drohender Stirne, Auf mich zugehn, sein Auge voll Feuer, von göttlichem Grimm voll Tödtete! Sein Brustbild voll ernster gewaltiger Stralen,

Blitzte, gleich Horeb, auf mich! Der Cherubim Fittige rauschten Fürchterlich auf der Lade des Bundes! Auf einmal entfiel mir Rauschend mein Hohespriestergewand, wie Asche, zur Erde. Fleuch! rief Aaron mit schrecklichem Ton, du des Priesterthums Schande,

Fleuch! Elender, dir sag ich, daß du die heilige Stätte Künftig nicht mehr, als Priester des Herrn, verwegen entheiligst. Bist du es nicht? (Hier sah er mich grimmig mit tödtendem Blick an, Wie man auf einen Todfeind herabblickt, und lieber ihn würgte!)

Bist du es nicht? Unwürdiger! Der du jenen Verruchten, Jenen entsetzlichen Mann, ungestraft das Heiligthum lästern, Meinen Bruder, Moses, und mich, und Abraham schmähen, Und die Sabbathe Gottes mit strafbarer Trägheit entweihn siehst!

Geh, Elender! Damit dich nicht schnell, wenn du ferner verweilest, Dieser Gnadenstul Gottes mit heiligem Feuer verzehre. Also sagt er. Ich floh und kam mit zerfliegenden Haaren, Und mit Asch auf dem Haupte, gewandlos, ohn Urim und Thum̃im,

Unter das Volk. Da stürmte das Volk, und wollte mich tödten. Drauf erwacht ich. Drey Stunden voll Quaal, drey ängstliche Stunden, Hab ich seit dem, wie sinnlos, im Todesschweiße gelegen. Und noch beb ich, noch zittert mein Herz von geheimen Schauer

Und, der Stimme beraubt, erstarrt mir die Zung im Munde! Er muß sterben! Von euch, versammelte Väter, erwart ich, Wie er sterben soll, schleunigen Rath! - - - Mit starrenden Blicke Stand er hier sprachlos. Zuletzt erwacht er wieder, und sagte:

Besser, stirbt Einer, als daß das ganze Judäa verderbe! Aber noch will die vorsichtige Weishelt. Die Tage des Festes Muß er nicht sterben, daß ihn sein sclavischer Pöbel nicht schütze. Kaiphas schwieg. Kein Laut, noch Geräusch von Redenden wurde

Durch die Versammlung gehört. Sie blieben überall schweigend, Wie vom Donner gerührt, und starr, und unbewegt sitzen. Joseph sah die herrschende Stille. Da wollt er für Jesum Jhn zu vertheidigen, reden; allein ein gefürchteter Priester,

Seine Wut, mit der er auf einmal, zu reden hervortrat, Hielten ihn ab. Philo, war des Priesters Name. Noch hatt er Nie von Jesu geredet. Jhn hielten alle für weise, Kaiphas selbst, doch haßt ihn der pharisäische Philo.

Der stand auf. Sein tiefes und melancholisches Auge Funkelte, da sprach er mit zornig geflügelter Stimme: Kaiphas! Du wagst es, von hohen göttlichen Träumen Vor uns zu reden, als wüßtest du nicht, daß der Ewige niemals

Wollüstlingen erscheinen, daß heimlichen Sadducäern Wohl kein Geist was verkündigen wird. Entweder du leugst uns, Oder du hast wirklich dieß Traumgesichte gesehen. Ist das erste, so zeigst du dich deiner römischen Staatskunst

Und des erhandelten Priesterthums würdig: und wär auch das letzte, Hoherpriester! So wisse, daß Gott, Verbrecher zu strafen, Sonst auch täuschende Geister zu falschen Propheten gesandt hat. Daß der Sclave von Jesabels Baal, daß Ahab verdürbe,

Daß des Unschuldigen Blut, nicht länger vergebens Gott flehte, Stieg ein Todesengel vom Thron, und gab den Propheten Falsche Prophezeyung! Und siehe, die rollenden Wagen Trugen den sterbenden Ahab zurück. Er starb, und sein Blut floß

In das Feld hin, wo Nabot erwürgt ward, ins Feld hin, wo Gott stand, Und wo der Todesengel vor Gott des Sünders Blut hingoß. Zwar es gebietet dein Traum, den Widersacher zu strafen! Du hast keinen gehabt! Doch hast du mit Weisheit erfunden.

Aber! zitterst du nicht, da dir der furchtbare Name Eines Todesengels genennt wird? Vielleicht wägt ein solcher Schon dein bald zu vergießendes Blut vor des Ewigen Thron ab. Nicht, als wenn ich den schuldigen Jesus für schuldlos erkennte!

Gegen ihn verglichen, bist du ein kleiner Verbrecher! Du entehrst nur das Priesterthum Gottes. Er will es vernichten! Jhm ist in der richtenden Wagschal, die oft schon Verbrecher, Oft schon aufgethürmte Bezwinger der Völker zu leicht fand,

Eh er wurde, sein Blut, zum gewissen Tode, gewogen! Er soll sterben! Und ich, ich will es mit meinen Augen Sehen, wenn er erblaßt! Vom Hügel, wo er erwürgt wird, Will ich Erde mit Blute bedeckt, ins Heiligthum tragen,

Oder, von ihm noch rauchende Steine beym hohen Altare Niederlegen, den Jsraeliten ein ewiges Denkmal! Niedrige Furcht, die uns lehrt den wankenden Pöbel zu scheuen! Kleinmuth, den Vätern unabgelernet! Wofern wir dem Donner,

Gottes rächendem Donner zuvor zu kommen nicht eilen: Wird Gott mit ihm uns zugleich zerschmettern! Mit brechenden Augen Werden wirs sehn, wenn er stirbt, und unrein neben ihm sterben! Fürchtete da der Thisbite den Pöbel, die Priester zu würgen,

Als der schlafende Baal zu keinem Wetter erwachte? Oder vertraut er dem mehr, der Feuer vom Himmel ihm sandte? Steht uns auch kein Gewitter nicht bey: so will ich allein mich Unter das Volk hinstellen! Und, weh dem! der unter dem Volke

Wider mich sich auflehnt, und sagt, der Leichnam des Träumers Blute nicht Gott zu ehren! Den soll die ganze Gemeine Steinigen, so bald ihr mein um sich schauender Blick winkt. Vor den Augen des ganzen Judäa, vorm Antlitz der Römer,

Soll er sterben! Wir wollen alsdann im Gerichte, wie Götter, Sitzen, und laut feyrend zu Gottes Heiligthum einziehn! Philo sprach dieß, und gieng mit aufgehabenen Armen Vorwärts in die Versammlung, und stand, und rief von neuem:

Seliger Geist, wo du itzo auch bist, wenn du, himmlisch bekleidet, Neben Abraham sitzest, und um dich Propheten versammelst, Oder, wenn du vielleicht in deiner Kinder Versammlung Würdigst einzukehren, und unter Sterblichen wandelst:

Moses Geist! Dir schwör ich, bey jenem ewigen Bunde, Den du, gelehrt von Gott, aus Donnerwettern uns brachtest: Ich will eher nicht ruhn, als bis dein großer Feind todt ist! Als bis ich von vergossenem Blute des Nazaräers

Volle Hände zum hohen Altare des Sündopfers bringe, Und sie über mein graues Haupt, Gott zu danken, erhebe!

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