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1724–1803

Der Messias, Erster Gesang.

Friedrich Gottlieb Klopstock

Sing, unsterbliche Seele, der sündigen Menschen Erlösung, Die der Messias auf Erden in seiner Und durch die er Adams Geschlechte die Liebe der Gottheit Mit dem Blute des heiligen Bundes von neuem geschenkt

Also geschah des Ewigen Wille. Vergebens erhub sich Satan wider den göttlichen Sohn: umsonst stand Judäa Wider ihn auf; er thats, und vollbrachte die grosse Ver- Aber, o Werk, das nur GOtt allgegenwärtig erkennet,

Darf sich die Dichtkunst auch wohl aus dunkler Ferne Weihe sie, Geist Schöpfer, vor dem ich im stillen hier Führe sie mir, als deine Nachahmerinn, voller Ent- Voll unsterblicher Kraft, in verklärter Schönheit, ent-

Rüfte sie mit jener tiefsinnigen einsamen Weisheit. Mit der du, o forschender Geist, die Tiefen GOttes durch- Also werd ich durch sie Licht und Offenbarungen sehen, Und die Erlösung des grossen Messias würdig besingen.

Sterbliche, kennt ihr die Ehre, die euer Geschlechte Da der Schöpfer der Welt, als Erlöser, auf Erden ge- So hört meinen Gesang, ihr besonders, ihr wenigen Theure gesellige Freunde des liebenswürdigen Mittlers,

Jhr mit der Zukunft des grossen Gerichts vertrauliche Hört mich, und singt den ewigen Sohn durch ein gött- Nah an der heiligen Stadt, die sich itzt durch Blind- Und die Krone der hohen Erwählung unwissend hinweg-

Ehmals die Stadt der Herrlichkeit GOttes, der heiligen Pflegerinn, nun ein Altar des Bluts von Mördern ver- Hier wars, wo der Messias von einem Volke sich losriß, Das ihn zwar itzo verehrte, doch nicht mit jener Ge-

Die vorm schauenden Angesicht GOttes untadelhaft Jesus verbarg sich vor diesen Entweihten. Zwar lagen Des ihm begegnenden Volks; zwar klang dort ihr lautes Aber umsonst. Sie kannten den nicht, den sie König

Und den Gesegneten GOttes zu sehn, war ihr Aug Gott kam selber vom Himmel herab. Die gewaltige Er ist verherrlicht, und soll von neuem verherrlichet War die Verkündigerinn der gegenwärtigen Gottheit.

Doch sie waren, dich, GOtt, zu verstehn, zu niedrige Unterdeß nahte sich JEsus dem Vater, der wegen des Zu dem die Stimme geschah, voll Zorn zum Himmel hin- Vor ihm wollt er noch einmal sein göttlich freyes Ent-

Seine Geliebten, die Menschen, zu heiligen, feyerlich kund Gegen die östliche Seite Jerusalems liegt ein Gebirge, Welches schon oft den göttlichen Mittler auf seinen Gi- Wie ins Heilige GOttes, verhüllt, wenn er einsame Nächte

Unter dem Anschaun des Vaters in grossen Gebeten Nach dem Gebirge begab er sich itzt. Johannes alleine Folgt ihm bis zu den Gräbern der Seher, in heiligen Wie sein göttlicher Freund, die Nacht im Gebete zu

Von da erhub sich der Mittler zur obersten Spitze des Indem umgab ihn vom hohen Moria ein Schimmer der Die den ewigen Vater noch itzt vorbildend versöhnten. Um und um nahm ihn der Oelbaum ins Kühle. Gelin-

Gleich dem Säuseln der Gegenwart GOttes, umflossen Der dem Messias auf Erden zum Dienste gegebene Gabriel ist sein himmlischer Name, stand eben am Ein- Zwoer umdufteten Cedern, und dachte dem Heile der

Und dem Triumphe der Ewigkeit nach, als itzt der Er- Seinem Vater entgegen vor ihm im stillen vorbeygieng. Gabriel wuste, daß nun die Zeit der Erlösung heran- Diese Betrachtung entzückt ihn, er sprach mit zärtlicher

Willst du die Nacht, o Göttlicher, hier im Gebete durch- Oder verlangt dein ermüdeter Leib nach seiner Erqui- Soll ich zu deinem unsterblichen Haupt ein Lager bereiten? Sieh, itzt streckt schon der Sprößling der Ceder den

Und die weiche balsamische Staude. Beym Grabmal der Wächst dort unten das ruhige Moos im kühlenden Erd- Soll ich hieraus, o Göttlicher, dir ein Lager bereiten? Wie ist dein Leib, o Erlöser, ermüdet! Wie vieles erträgst du

Hier auf Erden aus brünstiger Liebe zum Menschenge- Also sagt er. Der Mittler belohnt ihn mit segnenden Und stand voll Ernst auf der Höhe des Bergs am benach- Gott war daselbst. Hier betet er. Unter ihm tönte die

Und ein Als sie von ihm die gewaltige Stimme tief unten ver- Denn es war nicht mehr die Stimme des Fluchs, die Furchtbar verkündiget, und in donnernden Wettern ge-

Die die Erde vernahm. Sie hörte des Segnenden Rede, Der mit unsterblicher Schöne sie einst zu verneuen be- Um und um lagen die Hügel in lieblicher Abenddämmrung, Gleich als wären sie schon neu erschaffen, und blühend,

Jesus redte. Nur er und der Vater durchschauten den Unbegrenzt; dieß nur vermag die Stimme des Menschen Göttlicher Vater, die Tage des Heils und des ewigen Nähern sich mir, die Tage, zu grössern Werken erlesen,

Als selbst die Schöpfung, die du durch deinen Sohn ehmals Sie verklären sich mir so schön und herrlich, als damals, Da wir die Reihe der Zeiten durchschauten, und sie in der Durch mein göttliches Anschaun vorzüglich bezeichnet, er-

Dir nur ist es bekannt, mit was für Einmuth wir damals, Du, mein Vater, und ich, und der Geift die Erlösung be- In der Stille der Ewigkeit, einsam und ohne Geschöpfe, Waren wir beysammen. Voll unsrer göttlichen Liebe,

Sahen wir auf Menschen, die noch nicht waren, herunter. Ach das arme Geschlecht! Ach unsre Geschöpfe, wie elend Waren sie, sonst unsterblich, nun Staub, von der Sünde Vater, ich sah ihr Elend, du meine Thränen. Da sprachst

Laßt uns das Bild der Gottheit von neuem im Menschen Also erfanden wir unser Geheimniß, das Blut der Ver- Und die zum ewigen Bilde verneuerte Schöpfung der Hier erkohr ich mich selbst, dieß göttliche Werk zu vollen-

Ewiger Vater, das weißst du, das wissen die Himmel, wie Mich seit diesem Entschluß nach meiner Erniedrung ver- Erde, wie oft warst du, in deiner niedrigen Ferne, Mein erwähltes geliebtestes Augenmerk! Und du, o Canan,

Heiliges Land, wie oft hieng mein sanftthränendes Auge An dem Hügel, den ich vom Blute des Bundes schon Und, o wie bebt mir mein Herz von süssen wallenden Daß ich so lange schon Meusch bin, daß schon so viele

Zu mir sich sammlen, und nun bald alle Geschlechte der Durch mich geheiliget werden! Hier lieg ich, göttlicher Noch mit den Zügen der Menschheit, nach deinem Bilde, Betend vor dir: Bald aber wird mich dein tödtend Ge-

Blutig entstellen, und unter den Staub der Todten be- Schon hör ich dich, du Richter der Welt, allein und von Kommen, und unerbittlich in deinen Himmeln daher- Schon durchdringt mich ein Schauer, dem ganzen Gei-

Unempfindbar; und wenn du sie auch im grimmigen Tödtetest, unempfindbar! Schon seh ich den nächtlichen Vor mir liegen, schon sink ich vor dir in niedrigen Staub Lieg, und bet, und winde mich, Vater, im Todesschweisse.

Siehe, da bin ich, mein Vater. Ich will dein grimmiges Dein Gerichte will ich mit tiefem Gehorsam ertragen. Du bist ewig! Kein endlicher Geist hat das Zürnen der Und den Unendlichen furchtbar und tödtend, gedacht und

Gott nur konnte die Gottheit ertragen. Hier bin ich, Tödte du mich, nimm mein ewiges Opfer zu deiner Ver- Noch bin ich frey, noch kann ich dich bitten, so thut sich Mit Myriaden von Seraphim auf, und führet mich

Vater, zu deinem unsterblichen Thron im Triumphe zu- Aber ich will leiden, was keine Seraphim fassen, Was kein denkender Cherub in tiefen Betrachtungen Ich will leiden, den furchtbarsten Tod will ich, Ewiger,

Weiter sagt er und sprach: Ich hebe gen Himmel mein Meine Hand in die Wolken, und schwöre dir bey mir selber, Der ich GOtt bin, wie du: Ich will die Menschen erlö- Jesus sprachs, und stand auf, und in seinem Antlitz

Und erbarmender Ernst, und Seelenruh, als er vor GOtt Und, unhörbar den Engeln, nur sich und dem Sohne Sprach der ewige Vater, und wandte sein ernstes Gesichte Gegen den Meßias: Ich breite mein Haupt durch die

Meinen Arm durch die Unendlichkeit aus, und sag: Ich Sag, und schwöre dir, Sohn: Ich will die Sünde ver- Also sprach er, und schwieg. Indem die Ewigen spra- Gieng durch die ganze Ratur ein ehrfurchtvolles Erbe-

Seelen, die itzt wurden, die noch nicht zu denken begon- Zitterten, und empfanden zuerst. Ein gewaltiger Faßte den Seraph, ihm schlug sein Herz, und um ihn lag Wie vorm nahen Gewitter die Erde, sein furchtsamer

Nur in die Seelen zukünftiger Christen kam sanftes Ent- Und ein süßbetäubend Gefühl des ewigen Lebens. Aber sinnlos, und nur zur Verzweiflung allein noch em- Sinnlos, wider GOtt was zu denken, entstürzten im Ab-

Jhren Thronen die höllischen Geister. Als jeder dahin- Stürzt auf jeden ein Fels, brach unter jedem die Tiefe Ungestüm ein, und donnernd erklang die unterste Hölle. Jesus stand noch vor GOtt, und die Leiden seiner

Fiengen itzt an. Und Gabriel lag auf seinem Gesichte Fern und anbetend, von neuen Gedanken gewaltig er- Seit den Jahrhunderten, die er durchlebt, (so lang als Sich die Unendlichkeit denkt, wenn sie sich in feurigem

Wie aus dem Körper verliert,) seit diesen Jahrhunderten So erhabne Gedanken noch nie empfunden. Die Gott- Jhre Versöhnten, die ewige Liebe des göttlichen Mittlers Alles eröffnet sich ihm. GOtt bildete diese Gedanken

In dem Geiste des Seraphs. GOtt selber dachte sich itzo, Als den Erbarmer erschaffener Wesen. Der Seraph er- Stand, und erstaunt, und betet, und unaussprechliche Zitterten durch sein Herz, und Licht und blendendes

Gieng von ihm aus. Die Erde zerfloß in himmlischen Unter ihm, wie es ihm vorkam. Jhn sah der göttliche Wie er den Gipfel des ganzen Gebirges mit Klarheit er- Gabriel, rief er, verhülle dich itzt, du dienst mir auf

Mache dich auf, dieß Gebet vor meinen Vater zu brin- Daß die edelsten unter den Menschen, die seligen Väter, Daß der versammelte Himmel der Zeiten Fülle vernehme, Nach der er sich so brünstig gesehnt. Hier kanst du mit

Als der Gesandte des hohen Messias, vor GOtt erschei- Schweigend, mit göttlich erheiterten Minen, erhub Jesus sah ihm in Niedrigkeit nach, doch erblickt er von Schon sein ganzes Betragen vorm Sitze der Herrlich-

Eh noch der eilende Seraph des Himmels Grentzen er- Jtzo erhuben sich neue geheimnißvolle Gespräche Zwischen ihm und dem Vater, von hohem tiefsinnigen In- Selbst Unsterblichen dunkel, Gespräche von Dingen, die

Gottes Erlösung vor allen Erlösten verherrlichen wer- Unterdeß war der Seraph zur äussersten Grenze des Aufwärts gestiegen. Hier füllen nur Sonnen den heili- Hell, gleich einem vom Lichte gewebten ätherischen Vor-

Zieht sich ihr Glanz um den Himmel herum. Kein dunk- Naht sich des Himmels verderbendem Blick. Entfliehend Geht die bewölkte Natur vorüber: die Erden fliehn mit Klein und unmerkbar dahin, wie unter dem Fusse des

Niedriger Staub, von Gewürmen bewohnt, aufwallet Um den Himmel herum sind tausend offene Wege, Lange, nicht auszusehende Wege, von Sonnen umgeben. Hier schöpft mit goldnen Schalen der Seraph das fest-

Welches sein fliegendes Haupthaar umfließt, wenn er Und als Schutzgeist zu einer unsterblichen Seele gesandt Die, dem Geschlecht der Menschen zur Ehre, vom Schö, Jugendlich wächst, und voll Muth sich vor ihre Gespie-

Und schon erhabner und göttlicher fühlt. Auch verklärt Jhren von Luft nach dem Tode zusammengeflossenen Durch den glänzenden Weg, der gegen die Erde sich Floß nach der Erden Erschaffung, vom himmlischen Ur-

Ein verklärter ätherischer Strom nach Eden herunter. Auf ihm, oder an seinem von Wolken erhobnen Gestade, Ka Zu den Menschen. Doch schnell ward der Strom zu-

Als sich durch Sünde der Mensch von GOttes Freund- Denn die Unsterblichen wollten nicht mehr, in sichtbarer Gegenden, die die Verwüstung des Todes entstellte, be- Damals wandten sie schauernd sich weg. Denn die stillen

Wo noch die Spur des Ewigen war; die rauschenden Die das Säuseln der Gegenwart GOttes sonst sanft be- Selige friedsame Thäler, vordem von der Jugend des Liebreich besucht; die schattigten Lauben, wo ehmals die

Ueberwallend von Freuden und süssen Empfindungen, Daß sie GOtt ewig erschuf; die Erde lag unter dem Jhren vordem unsterblichen Kindern ein allgemein Grab- Aber dereinft, wenn sich die Weltgebäude verjüngen.

Und aus der Asche des grossen Gerichts triumphirend Wenn GOtt alle Bezirke der Welten mit seinem Him- Durch gleich allgegenwärtiges Anschaun zusammen ver- Alsdann wird der ätherische Strom vom himmlischen

Wieder mit hellerer Schöne zum neuen Eden sich senken. Niemals wird dann sein Gestade von hohen Versammlun- Die auf Erden den Umgang der neuen Unsterblichen su- Dieß ist der heilige Weg, durch den itzt Gabriel fort-

Und sich von fern dem Himmel der göttlichen Herrlich-

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