Sey mir gegrüßt! ich sehe dich wieder, die du mich gebahrest, Erde, mein mütterlichLand, die du mich im kühlenden Schoße Einst zu den Schlafenden Gottes begräbst, und meine Gebeine Sanft bedeckst; doch dann erst, dieß hoff ich zu meinem Erlöser,
Wenn von ihm mein heiliges Lied zu Ende gebracht ist. Alsdann sollen die Lippen sich erst, die den Menschenfreund sangen, Dann erst sollen die Augen, die seinetwegen vor Freuden Oftmals weinten, sich schliessen; dann sollen erst meine Freunde
Und die Engel mein Grab mit Lorbeern und Palmen umpflanzen, Daß, wenn ich einst nach himmlischer Bildung vom Tode erwache, Meine verklärte Gestalt aus stillen Hainen hervorgeh. Und du, die du zur Hölle mich führtest, unsterbliche Muse,
Und nun meinen noch bebenden Geist zurücke gebracht hast, Du, die vom göttlichen Blick die ernste Gerechtigkeit lernte, Aber auch ihren Vertrauten mit süsser Freundlichkeit lächelt, Heitre die Seele, die noch von ihren Gesichten umgeben
Innerlich bebt, mit himmlischem Licht auf, und lehre sie ferner, Jhren erhabnen Versöhner, den besten der Menschen, besingen. Jesus war noch allein mit Johannes im Grabmal der Todten. Unter zerstreuten Gebeinen, von Nacht und Schatten umgeben,
Saß er, und überdachte sich selber, den Sohn des Vaters, Und den Menschen zum Tode bestimmt. Vor seinem Gesichte Sah er die Sünden der Menschen, die alle, die seit der Erschaffung Adams Kinder vollbrachten, auch die, so die schlimmere Nachwelt
Sündigen wird, ein unzählbares Heer, Gott fliehend, vorbeygehn. Satan war mitten darinnen, und herrschte. Vom Angesicht Gottes Trieb er, den Sünder, das Menschengeschlecht, und versammelt es zu sich, Wie die Ebnen des Meers ein mitternächtlicher Strudel
Rings um in sich verschlingt, und immer zum Untergang offen, Unsichtbar unter den Wolken des niedersteigenden Himmels, Alle zu sichre Bewohner des Meers in die Tiefen hinabzieht. Jesus sah die Sünden und Satan. Drauf sah er zu Gott auf.
Gott, sein Vater, sah auch nach ihm tiefsinnig hernieder. Zwar brach aus seinem erhabenen Blick das ernste Gerichte Langsam hervor; zwar donnerte Gott, und schreckt ihn von ferne. Gleichwohl blieben noch Züge des unaussprechlichen Lächelns
In dem Antlitz voll Gnade zurück. Die Seraphim sagen, Damals habe der ewige Vater die andere Thräne Stille geweint. Er weinte die erste, da Adam verflucht ward. Also sahn sie sich an. In feyrender Sabbathstille
Neigt sich vor ihnen die ganze Natur. Voll Ehrfurcht und wartend Bleiben die Welten stehn, und, auf beyder Anschaun gerichtet, Geht der betrachtende Cherub in stillen Wolken vorüber. Auch kam Seraph Eloa, von himmlischen Wolken umgeben,
Zu der Erden herunter, und sah von Antlitz zu Antlitz Den Meßias, und zählte die menschenfreundlichen Thränen, Alle Thränen, die Jesus weinte. Drauf stieg er gen Himmel. Als er hinaufstieg, erblickt ihn Johannes. Jhm öffnete Jesus,
Daß er den Seraph erblickte, die Augen. Er sah ihn, und staunte, Und umarmte voll Inbrunst den Mittler, und nannt ihn mit Seufzern Seinen Erlöser und Gott, mit unaussprechlichen Seufzern Nannt er ihn so, und blieb bey ihm in süßer Umarmung.
Aber die übrigen Eilfe, die Jesum schon lange nicht sahen, Giengen im Dunkeln am Fuße des Oelbergs, und suchten ihn traurig. Außer einem, der Jesum, wie sie, nicht mehr zärtlich verehrte, Waren sie Männer voll Unschuld. Die Göttlichkeit ihrer Herzen
Kannten sie nicht. Gott kannte sie besser. Er schuf sie zu Seelen, Welche dereinst des Ewigen Offenbarungen schauten. Doch nicht jener zugleich, der, der himmlischen Jüngerschaft unwerth, Jesum verrieth. Er konnte sie schaun, verrieth er nicht Jesum.
Jhnen wurden schon, eh sie der Leib der Sterblichkeit einschloß, Neben den Stülen der vier und zwanzig Aeltsten im Himmel Goldene Stüle gesetzt; doch einer der goldenen Stüle Ward einst mit Wolken bedeckt, bald aber entflohen die Wolken,
Und ein lichtheller ewiger Glanz gieng wieder vom Stuhl aus. Damals rief Eloa und sprach! Er ist ihm genommen, Und ist einem andern gegeben, der besser, als er ist! Jhre Beschützer, zwölf Engel der Erde, die unter der Aufsicht
Gabriels stehn, erhuben sich itzt auf die Höhen des Oelbergs, Und betrachteten da mit freundschaftsvollem Vergnügen Unsichtbar ihre Gespielen, wie sie den göttlichen Mittler Ueberall thränenvoll suchten. Da kam mit flüchtigen Schritten
Aus der Sonnen ein Seraph, und stund auf einmal bey ihnen. Dieser war einer von Vieren, die gleich nach Uriel herrschen. Selia, war sein Name. Jtzt sprach er also zu ihnen: Sagt mir, himmlische Freunde, wo ist er, in welchen Gefilden
Wandelt er itzt, der große Meßias? Die Seelen der Väter Senden mich, ich soll ihn auf allen göttlichen Wegen Still begleiten, und jede That der großen Erlösung Achtsam bemerken; kein heiliges Wort, kein zärtlicher Seufzer
Soll mir von seinem unsterblichen Mund ungehöret entfliehen; Himmlische Freunde, kein tröstender Blick, und keine der Zähren, Jener getreuen der Gottheit und Menschheit so würdigen Zähren, Soll unangemerkt mir im göttlichen Auge sich zeigen.
Ach zu früh entziehst du dem Blicke der heiligen Väter, Erde, dein schönstes Gefilde, wo Gott in Hüllen der Menschheit Wandelt, und das Opfer des großen Mittleramts anfängt! Ach zu früh entfliehst du dem Tag und Uriels Antlitz,
Der nun ungern und traurig den untersten Welttheil umleuchtet! Dort ist ihnen kein änderndes Thal, kein erwachend Gebirge Angenehm; denn hier wandelt er nicht, der große Meßias! Selia endigte so. Jhm erwiederte Seraph Orion,
Simons Schutzgeist: dort unten, wo sich die traurigen Gräber Oeffnen, und sich sinkend mit des Oelbergs Fuße vertiefen, Dort steht, himmlischer Freund, der hohe Meßias und denket. Selia sah ihn, und blieb unverwandt in stiller Entzückung
Stehn. Schon waren mit eilendem Flügel zwo fliehende Stunden Ueber sein Haupt mit der Stille der Nacht vorübergeflogen, Als er noch stand. Indem kam der letzte vertrauliche Schlummer In das Auge des Mittlers herab. Die heilige Ruhe
Eilte, gesandt von Gott, vom Allerheiligsten Gottes, Auf ihn, mit kühlendem Säuseln, in stillen Düften hernieder. Jesus schlief. Drauf wandte sich Selia zu der Versammlung, Und trat mitten hinein und sprach vertraulich zu ihnen:
Meldet mir, himmlische Freunde, wer sind die Männer dort unten, Die da wandeln, und wie verlassen, und traurig herumgehn? Sehet, ein stiller einnehmender Schmerz deckt ihre Gesichter, Doch entstellt er sie nicht. So drücken sich edle Gemüther
Wehmuthsvoll aus. Sie weinen vielleicht um einen geliebten Und entschlafenen Freund, der ihnen an Tugenden gleich war. Jhm erwiedert Orion: das sind die Heiligen Zwölfe, Selia, die Jesus sich zu Vertrauten erwählte.
Ach, wie selig sind wir, daß uns ihr Meister erlesen, Jhre Beschützer und Freunde zu seyn! Da sehen wir immer, Wie er mit süsser geselliger Liebe sich ihnen eröffnet, Wie er sie lehrt, wie er bald mit mächtigen Reden den Eingang
Zu den hohen Geheimnissen zeigt, bald in menschlichen Bildern Dich, unsterbliche Tugend, verklärter und fühlbarer zeiget, Und nach und nach ihr empfindendes Herz zur Ewigkeit bildet. O wie viel erlernen wir da! wie macht uns sein Beyspiel
Aufmerksam, und wie reizet er uns, ihm anbetend zu folgen! Selia, solltest du ihn und seinen göttlichen Wandel, Und sein edles, des ewigen Vaters so würdiges Leben Täglich sehen, dein Herz zerflöß in stiller Entzückung!
Auch ist es schön, und klinget auch selbst in unsterblichen Ohren Lieblich, wenn seine Vertrauten von ihm sich zärtlich besprechen. Freund, wie wir uns, so lieben sie ihn. Ich hab es hier öfters In der Versammlung gesagt, und wiederhol es auch itzo:
Vielmals wünsch ich von Adams Geschlecht, ja selber auch sterblich Mit den Menschen zu seyn; wenn anders ohne die Sünde Eine Sterblichkeit seyn kann. Vielleicht verehrt ich ihn treuer. Meinen Bruder von eben dem Fleisch und Blute gebohren
Liebt ich vielleicht weit brünstiger noch. Mit welcher Entzückung Wollt ich ihn loben; mein schwaches Geseufz, mein sterbendes Stammeln Sollte so harmonisch, wie die hohen Lieder Eloa, Wenn er am Throne vorbeygeht, im Ohre der Gottheit ertönen.
Alsdann solltest du, Selia, mir, oder einer von diesen, Sanft mit unsichtbarer Hand die gebrochnen Augen zudrücken, Und die entfliehende Seele zum Thron des Ewigen führen. Selia sprach: wie rührest du mich! Wie reizt mich dein Wünfchen,
Auch ein Bruder der Menschen zu seyn. Die Männer dort unten Die sind also die heiligen Zwölfe, die Freunde des Mittlers? Welche zu seyn, selbst Seraphim, auch mit der Sterblichkeit, wünschen. Seyd mir gesegnet! Jhr seyd es auch würdig, Unsterbliche, denn euch
Liebt der Erlöser, wie Brüder, ihr werdet auf goldenen Stülen Sitzen, und den Weltkreis mit eurem Könige richten. Seraphim, nennet sie mir! Ich will die Namen auch hören, Die schon lang im Buche des Lebens vorzüglicher glänzen.
Nennt mir jenen zuerst, der dort mit feurigen Augen Um sich blickt, und im schattichten Walde mit Ungeduld suchet; Jesum vielleicht. Muth, und ein kühnes entschlossenes Wesen Seh ich in seinem Gesicht. Aufrichtig sagt es mir alles,
Was vom fühlenden Herzen belebt die Seele gedenket. Dieser ist Simon Petrus, erwiederte Seraph Orion Einer der größten. Mich wählte der Mittler zu seinem Beschützer. Wie du sagtest, so ist auch mein Freund. Du solltest ihn immer
Nebst mir in allem seinen Betragen, in Jesu Gesellschaft, Wenn er inbrünstig ihn hört, auch wenn er am fernen Gestade Von ihm getrennt, und von mir begleitet und von mir begeistert, Schlummert und von Gott träumt, da solltest du immer ihn sehen,
Seraph, du würdest sein fühlendes Herz noch göttlicher nennen. Jüngst als Jesus die Jünger befragte, für wen sie ihn hielten, Sprach er: du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes! Dieses sagt er, und weinte vor Freude. Wir weinten auch, Seraph,
Als er die Worte vor unaussprechlichen Seufzern kaum ganz sprach. Aber ach! hätt ich nur nicht selbst aus dem Munde des Mittlers Dieß von Petrus gehört: Du wirst mich dreymal verleugnen! Traurige Worte, was sagtet ihr mir! Ach Simon, mein Bruder,
Hörtest du sie? Und wenn du sie hörtest, was dachte dein Herze? Simon, du sagtest zwar kühn: du wolltest ihn niemals verleugnen, Deinen Erlöser und Gott! Doch Jesus sagt es noch einmal. Wenn du es wüßtest, wie mir mein Herz für Wehmuth zerfliesset,
Wenn ich dran denke, du stürbest viel lieber, als daß du den besten Deinen getreusten unsterblichen Freund unedel verkenntest. Doch du weißt ja, wie Jesus dich liebt. Du sahst ja sein Auge, Das voll göttlicher Huld bey diesen Worten dich ansah.
Simon Perus, du wirst ihn doch nicht unedel verkennen.
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