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1786–1862

Lob des Flachses .

Justinus Kerner

Wohl hat Sommer sich zum Kranze Manche zarte Blüth' gewoben. Aber, Flachs, dich mildste Pflanze! Muß ich doch vor allen loben.

Blauen Himmel ausgestreuet Hast du über dunkle Auen, Deine milde Schönheit freuet Die gleich zart geschaffne Frauen.

Weiches Grün der Stengel zieret, Blüthe trägt des Himmels Helle, Leis vom Westhauch angerühret Wogt sie sanft in blauer Welle.

Ist die Blüthe Dir entfallen, Zieht man dich aus dunkler Erden, Darfst nicht mehr im Westhauch wallen Must durch Feu'r zu Silber werden.

Und die Hand geschäft'ger Frauen Rührt dich unter muntern Scherzen, Klar wie Mondschein anzuschauen Bist du theuer ihrem Herzen.

In dem blanken Mädchenzimmer, Leis berührt von zartem Munde, Schön verklärt von Sternenschimmer Wird dir manche liebe Stunde.

Nächtlich in des Landmanns Hütte, Wo ein flammend Holz die Kerze, In viel muntrer Mägdlein Mitte, Bist du bey Gesang und Scherze.

Drausen brausen Sturm, Gespenster; Wandrer wird der Sorg' entladen, Sieht er hinter hellem Fenster Heimisch deinen goldnen Faden.

Zarten Leib in dich gekleidet Tritt das Mägdlein zum Altare, Liegst ein segnend Kreuz gebreitet Schimmernd über dunkler Bahre.

Bist des Säuglings erste Hülle, Spielest lind um seine Glieder, — Bleich in dich gehüllt und stille Kehrt der Mensch zur Erde wieder.

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