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1786–1862

Graf Olbertus von Calw .

Justinus Kerner

Bey hellem Vogellied Was sollen Saitenklänge? Was Sagen und Gesänge, Wann bunt die Blume blüht?

Nur wann die Aue leer Und stumm in Wintertagen, Da kann man füglich sagen Und singen bunte Mähr'. —

Bey Calw, in jenen Gau'n, Die Würtemberg man nennet, Wo man viel Sagen kennet Von Rittern und von Frau'n,

Da liegt in Waldes Schooß Ein alter Bau verstecket, Jahrhunderte bedecket Von Epheu und von Moos.

Der Wind durchrauscht den Saal, Gleich klagendem Gewimmer, Wo einst in goldnem Schimmer Klang Laute und Pokal;

Wo einst in üpp'ger Pracht Olbertus Frau gelebet, Nach Weltlust nur gestrebet, Niemals an Gott gedacht,

Olbertus aber trüb Und still gelebt in Schmerzen, Dem Gott geweihten Herzen Stets fremd die Uepp'ge blieb.

Ich scheide, sprach er, Weib! Leb wohl und sey mein Erbe! Ich scheid', eh' ich verderbe Allhier an Seel' und Leib!

Will seh'n, wie Armuth thut; Reichthum hab' ich genossen. Leb' wohl! Dir zum Genossen Verbleibt der leichte Muth!

Und fröhlich legt vom Leib Er sein Gewand von Seide, Und zieht im Linnenkleide, Ein Bettler von dem Weib.

Ihr Ring nur hält ihm fest Am Finger, eng gespannet, Bleibt, wie ins Fleisch gebannet, So sehr er zieht und preßt.

Es brennt, wie Höllenglut, Das eitle Pfand der Bösen. O! möcht's vom Finger lösen Mir bald ein Engel gut!

Er wallt in's Schweizerland, Treibt dort als Hirt die Heerde, Und schläft auf harter Erde, Und trinkt aus hohler Hand,

Und kniet auf blum'ger Au Am Kreutze manche Stunden. Sein Fleisch das ist geschwunden, Sein Bart ist lang und grau.

Im späten Abendroth, Die Sage singt's, bei Schaafen Da find't den frommen Grafen Ein irrer Ritter todt.

Ein Glanz sein Haupt umfließt, Licht, liegt er, wie verkläret, Vom Finger abgezehret Der Ring gefallen ist.

Es ist dieselbe Nacht, Da in dem hellen Saale Beym zweyten Hochzeitmahle Die Gräfinn scherzt und lacht.

Hoch hebt sie den Pokal, Es glüh'n ihr Wang' und Lippe, Da tritt ein bleich Gerippe, Der Tod, dumpf durch den Saal.

Der läßt, zu ihr gewandt, Hoch vor den Gästen allen Den Ring ins Glas ihr fallen, Sie hat ihn wohl erkannt.

Die Saiten springen laut Von Harfe und von Leyer, Und an das Herz dem Freyer Sinkt todt die üpp'ge Braut.

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