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1786–1862

Anna Vögtly .

Justinus Kerner

Wo dem Spalt geborstner Felsen In endloser Wildniß Grausen, Recht wie aus der Hölle Grund Heiße Wasser wild entbrausen.

Aus dem alten Born zu Pfeffers Hob sich oft des Abgrunds Meister, Warb zu seiner Hölle Dienst Listig sünd'ger Menschen Geister.

Anna Vögtly! Anna Vögtly! Wahre fest dein sünd'ges Herze! Geh' nicht Zauberkräuter suchend Mitternachts mit mag'scher Kerze!

Ja! bey solchem Höllenspiel Ist er keck vor dich getreten. Anna Vögtly! Anna Vögtly! Lehrte Mutter dich nicht beten?

Durch den Graus der Mitternacht Bist du leuchtend vorgeschritten, Raubtest, weh! den heil'gen Leib Aus der Waldkapelle Mitten.

Wild Gelächter man vernommen, Ries'ge Felsen wiederhallten, Höll'sche Masken, scheuslich grinsend Funkelten aus ihren Spalten.

Bäume schwankten auf und nieder, Aechzend wie von Sturmes Zorne, Und die Hostie wirfst du zitternd In der grausen Wildniß Dorne.

Eine Rose silberhelle Ist sogleich empor gesprossen. Solche hält mit sieben Blättern Fest das Heiligthum umschlossen.

Als der Nächte Graus verschwunden, Goldne Tagesstrahlen siegten, Vögel sich auf schlankem Zweig Singend über'm Abgrund wiegten.

Eine Schäf'rinn fährt zu Thal, Schaut der Silberrose Funkel Und sie spricht: fürwahr ein Stern Blieb in dieses Waldes Dunkel!

Ihre treue Schäflein zögern An den nahen Born zu gehen, Neigen alle sich zur Erd' Als so seel'gen Glanz sie sehen.

Aufgewacht vom Felsenlager Kommt ein gir'ger Wolf geschritten, Sieht der Gottesblume Licht, Legt sich in der Schäflein Mitten.

Und die Hirtin thut es kund, Volk und Priester eilt zur Stelle, Pflanzen diese Gottesblume Auf den Altar der Kapelle.

Helle Glocken, Preißgesänge Hallen durch die Waldesstille, Ueber Land und Meere zieh'n Fromme Pilgrime die Fülle.

Ettiswyl, nennt sich die Stätte, Wo in dunkler Waldkapelle Jene Gottesblum' erblüht Silbern mit des Mondeshelle.

Wer sie einmal nur ersah Den verläßt ihr Mondlicht nimmer, Sicher geht er durch die Nacht, Um das Haupt den heil'gen Schimmer.

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