Skip to content
1868

Kanarienvögleins Traum

Friederike Kempner

Es bettet sich das Vögelein In seinen eignen Flaum, Es hüllet sich das Köpfchen ein, Und träumt den schönsten Traum.

Vom blauen Himmel lebenslang, Vom dunkelgrünen Hain, Von seinem eigenen Gesang, Harmonisch klingend, rein.

Von einer schönern, bessern Welt, Bei stetem Sonnenschein, Aus Morgenrot gewebt ein Zelt, Darunter Groß und Klein.

Des Sängers gleichgestimmte Brust, So treu und hochgesinnt, In Wonne, überirdscher Lust, Vereint die Sänger sind.

Ein schön Duett, so kühn und zart, Wird aufgeführet bald, Kein einz'ger Mißton, rauh und hart, Aus ihren Kehlen schallt.

Nur Himmelslicht, Gerechtigkeit, Nur Klarheit, – Himmels Bild, Verschwunden Unbill, Neid und Leid, Nur Englein strahlend mild.

Kanaria's Flug, Kanaria's Traum, Im Himmel Sieben schwebt, Erwachend aus dem eignen Flaum Das Vöglein sich erhebt.

Des Käfig's Wand, des Käfig's Luft! – Das Vöglein faßt sich schnell: Die Wirklichkeit ist enge Kluft, Der Traum ein Lebensquell.

Cookies on Poetry Cove

We use cookies to remember your language preference and — only with your consent — to learn how Poetry Cove is used. You can change your mind any time.
Kanarienvögleins Traum · Friederike Kempner · Poetry Cove