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1854

Nachtfalter

Gottfried Keller

Ermattet von des Tages Not und Pein, Die nur auf Wiedersehen von mir schied, Saß ich und schrieb bei einer Kerze Schein, Und schrieb ein wild und gottverleugnend Lied.

Doch draußen lag die klare Sommernacht, Mild grüßt mein armes Licht der Mondenstrahl, Und aller Sterne volle goldne Pracht Schaut hoch herab auf mich vom blauen Saal.

Am offnen Fenster blühen dunkle Nelken, Vielleicht die letzte Nacht vor ihrem Welken. Und wie ich schreib an meinem Höllenpsalter, Die süße Nacht im Zorne von mir weisend,

Da schwebt herein zu mir ein grauer Falter, Mit blinder Hast der Kerze Docht umkreisend; Wohl wie sein Schicksal flackerte das Licht, Dann züngelt' seine Flamme still empor

Und zog wie mit magnetischem Gewicht Den leichten Vogel in sein Todestor. Ich schaute lang und in beklommner Ruh Mit wunderlich neugierigen Gedanken

Des Falters unheilvollem Treiben zu. Doch als, zu nah der Flamme schon, fast sanken Die Flügel, faßt ich ihn mit schneller Hand, Zu seiner Rettung innerlich gezwungen,

Und trug ihn weg. Hinaus ins dunkle Land Hat er auf raschem Fittich sich geschwungen. Ich aber hemmte meines Liedes Lauf Und hob den Anfang bis auf weitres auf.

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