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1845

Lied der Sonne

Gottfried Keller

Aus den braunen Schollen Springt die Saat empor, Grüne Knospen trollen Tausendfach hervor.

Und es ruft die Sonne: Fort den blassen Schein! Wieder will ich Wonne, Glut und Leben sein!

Wieder selig zittern Auf dem blauen Meer Oder zu Gewittern Führen das Wolkenheer!

Durch Millionen Röhren Ziehn der Erde Saft, Daß man leis kann hören Seine Wanderschaft!

In den Frühlingsregen Sieben Farben streun Und auf Weg und Stegen Meinen goldnen Schein!

Ruhn am Gletscherhange, Wo der Adler minnt, Auf der Menschenwange, Wo die Träne rinnt!

Dringen in der Herzen Kalte Finsternis, Blenden alle Schmerzen Aus dem tiefsten Riß!

Hängt – ich bin die Sonnen! – Vor das Kerkertor, Was ihr habt gesponnen Winterlang, hervor!

O ihr Gramspelunken, Sendet an den Tag, Was in euch versunken Leben, weben mag!

Alle finstern Hütten Sollen Mann und Maus Auf die Aue schütten, An mein Licht heraus!

Auf den grünen Plätzen Wimmle es herum, Wende seine Fetzen Vor mir um und um,

Daß durch jeden Schaden Leuchten ich und dann Mit der Liebe goldnem Faden Ihn verweben kann!

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