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1878

Für ein Gesangfest im Frühling

Gottfried Keller

Jetzt ist des Winters grimmer Frost Entflohen aus den Landen Und rings der reiche Blumentrost In Feld und Hag erstanden;

Und singt auch keine Nachtigall Im weiten Tal mit süßem Schall, So gehn wir Leute selber dran Und stimmen hell das Lenzlied an!

Die Zeit ist rauh und schwer der Tag, An Not und Neid kein Mangel; Es zuckt das Herz mit bangem Schlag Wie 's Fischlein an der Angel;

Doch steht die Welt in Sorgen still, Und wenn sich keiner fassen will, So gehn wir Leute dennoch dran Und heben laut das Lenzlied an!

Verschließt des Kummers dunkle Gruft Und stellet ein das Klagen! Laßt lieber uns die Maienluft Mit seidnen Fahnen schlagen!

So treiben wir den Teufel aus, Schon wird es frei und licht im Haus! Wir aber reihn uns Mann zu Mann Und heben froh das Lenzlied an!

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