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1845

Ave Marie auf dem Vierwaldstätter See

Gottfried Keller

Fuhr ein Schifflein gegen Flüelen, Drin ich saß, zur Abendzeit, Wo die finsteren Wasser spülen Und den Bergen die Füße kühlen

Schon seit einer Ewigkeit. Aus den finstern Felsengängen Bang ein Hauch des Föhnes strich, Ein Gewebe von Abendklängen

Zitterte an den Alpenhängen, Und der Ferg bekreuzte sich. Dunkel lauschten die Kapellen Alter Freiheit aus dem See;

Wo einst fuhren die frommen Tellen, Tauchte jetzo aus den Wellen Dieses Wassers schlimme Fee. Ja, ich sah sie steigen, winken

Aus der schwärzlichgrünen Flut! Ließ der Krone goldene Zinken Tückisch in der Sonne blinken, In der sterbenden Sonne Glut.

Fabelhaft und heidnisch blühte Ihrer Schönheit arger Flor; Wilde Schadenfreude glühte Und ein buhlerisch Feuer sprühte

Aus den seidenen Wimpern vor. Haar und Schleier, ungebunden, Wehten in dem heißen Wind; Und sie hielt im weißen, runden

Arm ein Kind mit sieben Wunden, Ein ersterbendes, welkes Kind. An den staffellosen Wänden Glitt die grauliche Nix hinan;

Von den Purpurzinnen und Ränden Hielt sie das Kind in erhobenen Händen Über der Länder tiefen Plan. Sieben Tropfen aus sieben Wunden

Preßte sie dem armen Wurm; Wo die rot hinabgeschwunden, Hat sich die Flut emporgewunden, Schreiend in Wut und Weh und Sturm!

Wut und Wahn die Herzen faßte An den Borden rings am See, Daß der Priester im Blute praßte Und der Bruder den Bruder haßte,

Ihm zum eigenen Gift und Weh! Als das Ave Marie verklungen, War der arge Spuk entflohn. – Noch ein Alphorn hat gesungen

Aus der Höh, und leis bezwungen Hat mein Herz sein süßer Ton.

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