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1854

Auf der Landstraße

Gottfried Keller

Zieht eine arme Pilgerin, Gebückt und schwach, am dürren Stab Zur gnadenreichen Jungfrau hin; Der Rosenkranz rollt auf und ab,

Obwohl er sie nicht hindern kann, Auch ihres Leibes zu gedenken Und auf den rüst'gen Wandersmann Demütig ihren Blick zu lenken.

„Mein junger Herr! erbarmet Euch, Wie Gott Euch mag barmherzig sein! Er geb Euch einst sein Himmelreich Und seinen Segen obendrein!“ –

„Ich glaube nicht an deinen Gott, Für den dort deine Kugeln rollen; Drum schien' es mir ein arger Spott, Würd ich dir eine Gabe zollen!“

Doch fort geht ihrer Rede Lauf: „Gott segne Euer junges Haupt Und heb Euch seinen Segen auf, Bis Ihr allendlich an ihn glaubt!“

Und dankend nimmt sie meinen Sold Und betet fort auf ihren Wegen; Ich habe mich davongetrollt Mit ihrem gut kathol'schen Segen.

Bei allen Göttern dieser Welt Leg ich ein kleines Sümmchen an; Sagt: wann dereinst der Würfel fällt, Ob es mir wohl noch fehlen kann?

Und leugnen alle einst die Schuld, Ich weiß gewiß, es steht mein Lieben Im goldnen Buch der höchsten Huld Mir zahlbar dann und gut geschrieben!

Ein schrankenloser Leichtsinn soll In diesem Streit mein Knappe sein; So leb ich mut- und freudevoll, Solang nur Herz und Hände rein!

Ich lieb es, so mir halb bewußt Am jähen Abgrund hinzustreifen, Und über mir laß ich mit Lust Das Aug ins grundlos Blaue greifen!

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