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1854

Am Himmelfahrtstage 1846

Gottfried Keller

Ausgestorben scheint die Stadt, Weil, was sich des Lebens freut Und den Bund mit ihm erneut, Sich hinaus begeben hat

Auf die Hügel, auf die Berge; Angefüllt wird jedes Tal, Rühren muß sich Wirt und Ferge In dem warmen Maienstrahl.

Von dem höchsten Giebel schau Ich hinaus, o welch Gewimmel! Ja, die Erde trägt gen Himmel Menschenherz und grüne Au!

Und wie ferne Kirchenfahnen Flattert's von der Burg Geländern Bunt von seidnen Lenzgewändern Unter grünenden Platanen.

Einsam wehen hier die Linden Dieser Stadt um stille Dächer – Ach, wie einen leeren Becher Muß ich die verlaßne finden,

Einen Becher, dessen Schein Wird geflohn von jedem Munde Und auf dessen dunklem Grunde Ich der letzte Tropfen Wein!

In die kühle Dämmernacht Meines Hauses steig ich nieder, Wo mir meine jungen Lieder Schlummern, bis ihr Tag erwacht;

Wo ein Strauß von Fliederzweigen Drüber nickt mit stillem Neigen, Mit erwartungsvollem Schweigen Wilde Röschen halten Wacht.

Nun in tiefer Einsamkeit Schreib ich, eh für immer schied Mir die lange Morgenzeit, Meiner Jugend letztes Lied;

Und der Hoffnung sei's geweiht! Was ich hoffe, hofft die Welt; Ist sie nur zur Fahrt bereit, Wird sie selbst ihr Himmelszelt!

Tu dich auf, o schöner Schrein, Lasse deine Schätze funkeln! Laß sie, blitzend hell, verdunkeln Der Martyrer blaß Gebein! –

Weihrauch sind die Frühlingsdüfte, Und auch du, mein Schwalbenzug, Flattre, leichter Liederflug, Aufwärts in die freien Lüfte!

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