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1849

11

Gottfried Keller

Ich bete in der Frühe Und jeden Abend wieder, Damit ich fromm erglühe, Hafisens süße Lieder.

Ich murmle sie beständig Im Pharisäermunde; Denn sie sind nicht lebendig Auf meiner Seelen Grunde.

Wie einst ich meinem Gotte Tugend und Treu versprochen Und täglich ihm zum Spotte Dennoch mein Wort gebrochen,

So brech ich jetzo wieder Mein Wort, das ich gegeben, Und halle heuchelnd wider Hafisens Jubelleben,

Indes ich kalt und nüchtern Und gramvoll mich erbittre, Indes ich stumm und schüchtern In meinem Herzen zittre!

Ich fühl's, nach allen Seiten Ist Heuchelei vom Bösen; Drum gilt's, das eigne Streiten Von Pfaffentum erlösen!

Hast Freude du empfangen, So freu dich ohne Prahlen! Und will dich Nacht umfangen, Schäm nicht dich ihrer Qualen!

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