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1808

Zweiter Teil

John Keats

Asche und Staub ist – Liebe, o vergib – In karger Siedlerhütte alle Lieb', Im Schlosse mag sie wohl noch schwerer lasten – Qualvoller noch als Eremitenfasten.

Dies ist ein Stückchen aus dem Märchenland, Unfaßbar für gewöhnlichen Verstand. Hätt Lycius selbst erzählt, was er erlebt, Stirnrunzelnd hätte die Moral gebebt;

Zu kurz doch war ihr Glück, um Niedertracht Zu brüten, die die Stimme zischen macht; Auch rauschte schreckhaft nachts mit Feuerflügel Die Liebe wachend um der Türe Riegel,

Voll Eifersucht auf so vollkommnes Paar, Das mehr als alle ihrer würdig war. Dies alles mußte enden. Seit' an Seit' Auf liebem Lager um die Abendzeit,

Dem Vorhang nah, der luftig leicht gewebt Von goldner Schnur herab ins Zimmer schwebt Und halb geöffnet Sommerhimmelpracht Zwischen zwei Säulen leuchtend sichtbar macht –

So ruhten sie, wie oft, in Glück und Hoffen, Die Lider zu – doch schmalen Spalt noch offen, Durch den die Liebe, immerwährend nah, Bis in den Traum hinein den andern sah:

Da tönt vom Wall der Vorstadt plötzlich schrill Trompetenschall – die Schwalben schweigen still – Lycius fährt auf – die Klänge sind verrauscht. Doch tönt es in ihm fort – er sinnt und lauscht:

Zum erstenmal, seit er im Schlosse thront, Wo süße Sünde Tag und Nacht ihn lohnt, Entfloh sein Geist, den keine Grenze hält, Hinweg in fast vergeßne laute Welt.

Doch sie, die immer sorgend wachsam war, Sah dies mit Schmerz; sie ahnte die Gefahr, Daß eine Macht, der ihren überlegen, Ihn rufe – fort aus ihren Lustgehegen.

Und sie begann zu seufzen und zu klagen. Sie wußte, leicht ist Liebe zu verjagen, Ist oft so kurz wie einer Glocke Schlag. „Was seufzest du?“ sprach er, der bei ihr lag.

„Was grübelst du?“ gab zärtlich sie zurück; „Du nahmst mich fort aus meinem stillen Glück – Wo bin ich nun? In deinem Herzen nicht, Da Trauer deine Braue düster flicht.

Nein, nein! Du bist mir fern, und ich entgleite Von deiner Brust in heimatlose Weite.“ Er beugte sich zu ihren Augen nieder, Sie spiegelten sein Bild getreulich wider:

„Mein Silberstern von Abend und von Morgen, Was brütest du so kummervolle Sorgen, Da ich um dich versuche, meinem Herzen Aus tiefrer Glut zu wecken tiefre Schmerzen,

Um deine Seele enger noch zu binden, Mit innigerer Fessel zu umwinden Und sie in Labyrinthe einzuspinnen Wie Duft in Rosenknospe – ohn' Entrinnen!

Ah, küsse mich! – Du siehst, dein Leid hat Macht. Doch du willst wissen, was ich jetzt gedacht? So höre! Welcher Mann tat solchen Fang, Der andre neidisch machte, wirr und bang,

Und führte nicht mit Stolz die edle Beute Zuweilen triumphierend vor die Leute? Wie würde der Triumph mich doch beglücken, Mit deiner jungen Schönheit mich zu schmücken

Und Freunde jubeln, Feinde fluchen lassen, Wenn durch Korinths durchlärmte heisere Gassen Dein Brautgefährt die blinken Speichen dreht.“ – Wie wird ihr Antlitz bleich, als sie versteht!

Sie bebt, erhebt sich, wankt und sinkt ins Knie Und sagt kein Wort – doch ach, wie weinte sie! Bis ihre Angst dann endlich Sprache fand Und sie beschwörend preßte seine Hand,

Ihn umzustimmen; doch nur mehr und mehr Verstärkt ihr scheues Bangen sein Begehr. Und überdies – trotz Liebe – fand sein Herz Ein seltsam Wohlgefühl an ihrem Schmerz,

An dieses Weibes demutvollem Bild; Und seine Leidenschaft ward heiß und wild, Blutdürstig fast – soweit dies ihm gegeben, Dem Wut und Raserei noch fern im Leben.

Wie schön war sein verhaltnes Zürnen, gleich Apollos Glut, bevor sein nerviger Streich Die Schlange schlug. – Die Schlange! Ah, sie war Nicht Schlange mehr – nein, aller Listen bar

Gab sie in Demut nach, den Tag zu wählen, Sich dem Geliebten bräutlich zu vermählen. In Mittnachtstille flüstert er ihr zu: „Welch süßen Namen, sage, führest du?

Ich frug noch nie, denn meinem Herzen ist, Als ob du nicht von irdischen Eltern bist, Nein, Himmelstochter! Sag, wie nennt man dich? Hast du auf Erden Eltern, Freunde – sprich,

Zu teilen unser hochzeitliches Fest?“ – „Nicht einen Freund,“ sagt Lamia da gepreßt; „Korinth, das große, weiß von mir wohl kaum. Der Eltern Staub füllt nur noch kleinsten Raum

In dunkler Urne, und kein Opferrauch Verehrt den Ort nach liebevollem Brauch, Da ihr Geschlecht verstorben bis auf mich, Und ich vergaß die heilige Pflicht – um dich.

So bitte deine Freunde denn zu Gast – Doch wenn du irgend Liebe für mich hast, So halt den alten Apollonius fern, Vor seinen Blicken hüte meinen Stern.“

Lycius, von solchem kühnen Wort betroffen, Frug nach dem Grund; vergebens doch sein Hoffen, Sie täuschte Schlummer vor, bis bald die Schatten Des Schlafs ihn selber eingefangen hatten.

Die Sitte forderte, daß man die Braut, Wenn sanfte Abendröte niederschaut, Mit prächtigem Wagen ihrem Heim entführte; Und viel Gepränge solchem Zug gebührte,

Wie Fackellicht und Liedes Süßigkeit – Dies fremde Weib doch hatte kein Geleit. So harrte sie, indessen Lycius eilte, Den Kreis zu sammeln, der die Freude teilte.

Und da sie wußte, daß wohl nimmermehr Sein töricht Herz entsagte dem Begehr, Die Hochzeit laut und pomphaft zu begehen, So wollte denn auch sie das Fest versehen

Mit allem, was ihr zu Gebote stand. Doch was für Kräfte sie dazu verwandt, Woher sie kamen, die ihr Hilfe brachten Und Tagesarbeit in Minuten machten –

Das weiß man nicht. Es war, als rauschten Schwingen Durch Tor und Hallen, alles zu vollbringen. Der Festsaal schimmerte in lichter Pracht, Und Festmusik durchtönte lind und sacht

Das weite Haus mit seltnem Weh und Klagen, Als habe sie das Zauberdach zu tragen Und fürchte, alles könne plötzlich schwinden. Und stolze Zedern, die von Laubgewinden

Viel Schnitzwerk trugen, stellten Feigenbaum Und Palme dar und reihten durch den Raum Sich aneinander bis zu jener Stelle, Wo hoch der Brautsitz stand in Strahlenhelle;

Denn reihenweis durchfloß ein breiter Strom Von Lampenlicht des Saals gewaltigen Dom. So überwölbt lag reich ein wartend Mahl Und schickte dampfend Düfte in den Saal;

Und Lamia schritt in fürstlichem Gewand – Und wie sie schweigend ging und stille stand In blasser Ruh, die ihre Unruh deckte, Trieb sie die Geisterschar, die wohl versteckte,

Zu immer neuem Überschwange an, Bis jeden Winkel Pracht und Prunk umspann. Die Wände waren breite Marmorplatten, Die Jaspistäfelung zum Schmucke hatten,

Und hingemaltes zartes Baumgerank Stand zwischen breiten Zedern licht und schlank. Sie sah zufrieden hin; dann glitt sie fort, Entschwebte und verschloß den Feierort,

Der fertig und bereit zum wilden Feste Der ihr so unwillkommnen lauten Gäste. Die Stunde kam. O unbedachter Mann, Was zogst du diesen rohen Schwarm heran!

Was mußtest du dein süß verschwiegnes Fest, Der Liebestunden warm gebettet Nest, Der andachtlosen Neugier so entdecken! Die Menge nahte, und mit Hälserecken

Bestaunten sie das Tor und traten näher. O Wunder, Wunder hier für jeden Späher! Von Kind auf hatten sie den Ort gekannt, Auf dem jetzt plötzlich solche Pforte stand

Zu stattlich hohem, fürstlich stolzem Haus. Da eilte Neugier jedem Schritt voraus Und trieb sie an und machte alle kühn. Nur einer war, der ernst und düster schien

Und würdig und gedankenvoll sich nahte. Ihm war, als ob er ein Problem errate, Als löse sich ein Rätsel, das schon sehr Den Geist ihm fesselte, nun mehr und mehr

Und schwinde hin und werde sonnenklar – Wie listig klug doch Apollonius war! Im Vorraum bei den Gästen traf er bald Den jungen Schüler. „Lycius,“ sprach er kalt,

„Verzeih, daß in dem Schwarm der jüngern Gäste Ich ungebeten nahe deinem Feste, Und dennoch muß ich dieses Unrecht tun.“ Lycius ward rot vor Scham und führte nun

Den Alten durch weitoffne innre Pforten. Er war verwirrt und suchte sehr nach Worten, Um mit geziemender Ergebenheit Zu mildern des Gelehrten Dreistigkeit.

Der Festsaal war von reichem Prunk erfüllt, In grellen Glanz und schweren Duft gehüllt; Vor jedem Lager licht ein Becken stand, Myrrhen und Würzholz füllten's bis zum Rand,

Von schlank geschweiftem Dreifuß hochgehalten Hob jedes sich aus weichen Teppichfalten: Aus fünfzig Räucherbecken wob ein Flor Von fünfzig Rauchgewinden sacht empor,

Und rings in Spiegelwänden sah man Reigen Von Zwillingswölkchen mit zum Dache steigen. Zwölf hohe runde Tische hoben sich Auf Leopardentatzen wunderlich

Und trugen schwer, wie Erntefeld an Korn, Das Goldgerät und Frucht aus Ceres' Horn, Ein Strom von Wein stand dort zum Trunk bereit. Aus düstrer Tonne jetzt ans Licht befreit.

Und jeden Tisches Gold und Mahl und Wein Schloß mitten eines Gottes Bildnis ein. Nachdem ein jeder Gast den Schwamm gefühlt, Mit dem ihm Sklaven Hand und Fuß gekühlt,

Und jedes Haupt nach feierlicher Art Mit duftigen Ölen übergossen ward, Betraten sie in weißem Kleid den Saal Und legten sich zum auserlesnen Mahl

Aufs seidne Lager, und mit leisem Raunen Gab Ausdruck man dem übermäßigen Staunen. Sanft goß Musik die lieblichleisen Wellen, Sanft war der Griechensprache klangvoll Schwellen,

Solang der Wein noch nicht in Strömen rauschte Und man befangen Frag' und Antwort tauschte. Doch als der frohe Saft das Hirn erwärmte, Ward kühner man und jubelte und lärmte

Zum mächtigeren Freudeschall der Töne. Die prächtigen Stoffe, Farben – all das Schöne: Des hochgespannten Saales stolzer Raum, Die edlen Sklaven – Lamia schön wie Traum –

Dies alles schien nicht mehr so wunderbar, Nun man vom süßen Weine trunken war; Denn nicht zu schön und nicht zu göttlich dünkt Dem das Elysium, der begeistert trinkt.

Bald steht Gott Bacchus leuchtend im Zenith, Und jede Wange, jedes Auge glüht. Man brachte Kränze von jedwedem Grün, Drein jeder süße Duft geflochten schien

Beraubter Täler, Höhn und sanfter Hänge. Aus breiten Körben quoll die bunte Menge, Um goldne Henkel selbst hing grüne Last, Daß nach Geschmack sich kröne jeder Gast,

Das Haupt bekränze mit erwähltem Grün, Das seinem Wesen anzustehen schien. Für Lamia welchen Kranz? Für Lycius dann? Und welcher steht dem Apollonius an?

Des Weibes wehe Stirne sei umschlungen Von schlankem Weidenzweig und Natterzungen, Und für den Jüngling soll die Rebe sein, Daß seiner Augen allzuwacher Schein

Hintauche in Vergessen; und des Allen Gehässige Stirn soll Speergras scharf umfallen Und kriegerische Distel stechend drücken; Denn flieht nicht aller Zauber vor den Tücken

Nüchterner Denkungsart? Da war einmal Ein Regenbogen hehr am Himmelssaal: Jetzt kennt man sein Gewebe, seinen Bau, Die Wissenschaft erklärte ihn genau

Und rubrizierte ihn wie andre Dinge. Philosophie wirft ihre kecke Schlinge Um Engelsschwingen und um Zauberpracht In Luft und Bergesschoß und Meeresnacht,

Zerreißt die Wunder, wie sie auch erzwang Der zarten Lamia Not und Untergang. Wie ragend sie bei ihrem Lycius saß, Der alles andre tief verzückt vergaß,

Bis er gewaltsam sich dem Traum entwand, Den Becher nahm, der perlend vor ihm stand, Und weit den heißen Blick hinüberschickte – Ob nicht sein alter Lehrer freundlich blickte.

Der Philosoph und Kahlkopf aber starrte Zur schönen Braut, die regungslos verharrte. Mit Brauenrunzeln blickte er sie an, Zwang ihren süßen Stolz in seinen Bann.

Lycius nahm ihre Hand und hielt sie fest. Die lag so bleich aufs Lager hingepreßt Und war so kalt, daß es sein eigen Blut Durchschauerte, – dann wieder so voll Glut,

Daß heiße Woge ihm zum Herzen schoß, Darein sie Angst und tiefes Grauen goß. „Lamia, was soll das? Sag, was ficht dich an? O gib mir Antwort: Kennst du jenen Mann?“

Arm Lamia sagte nichts. Er spähte tief Ins Auge ihr, ob nicht ein Blick ihn rief. Doch nichts verriet ein Grüßen und Erkennen – Umsonst sein Blick, sein sehnendes Entbrennen!

„Lamia!“ so schrie er auf. Doch sie blieb stumm, Und stumm ward auch die Gästeschar ringsum. Das Jauchzen der Musik verstummte ganz, Und Myrthe welkte in jedwedem Kranz,

Und Stimme, Flöte und Vergnügen schwand, Bis Totenstille schwer im Saale stand; Gespenstisch schien sie, wild und wahrnehmbar Und setzte Schrecken jedem Mann ins Haar.

„Lamia!“ so kreischte er, und nur sein Ruf Im toten Schweigen sich ein Echo schuf. „Hinweg, du Traum!“ so schrie er angstvoll laut Und spähte neu ins Antlitz seiner Braut,

Wo keine blaue Ader mehr belebte Die edle Schläfe, und kein Rot erbebte Auf zarter Wange; keine Leidenschaft Verlieh dem fernen Blick Gefühl und Kraft:

Und nicht mehr schön und jung und liebereich Saß Lamia da – erstarrt und totenbleich. „Schließ, schließ die Augen, unbarmherziger Mann! Blick fort, du Unhold! Sonst soll dich der Bann

Der Götter treffen, deren Zorn entsiegelt Sich schattenhaft in diesen Bildern spiegelt; Dein Auge soll ihr scharfer Zorn durchstechen, Den frechen Blick in Schmerz und Blindheit brechen,

Daß du in Zittern und in ewigem Bangen In Reue und Gewissensnot gefangen Vor ihnen fliehst, die du so schwer verletzt, Da du dich frevelnd über sie gesetzt.

Korinther! Seht ihr den graubärtigen Wicht Und die Besessenheit, die aus ihm spricht Und seine wimperlosen Lider weitet Und wie ein Dämon seine Blicke reitet?

Korinther, seht, wie meiner süßen Braut So namenlos vor seinen Blicken graut!“ „Narr!“ sagte der Sophist in leisem Ton. Die Stimme bebte in zufriednem Hohn. –

Von Lycius nur ein banger Seufzer kam, Der seinen letzten Lebensatem nahm. Er stürzte nieder mit gebrochnem Herzen, An seiner Seite kämpften Lamias Schmerzen.

„Narr, Narr!“ rief jener, während seine Augen Noch immer reglos an den ihren saugen, „Vor allem Übel schützt' ich dich bis heute – Und ließe einer Schlange dich zur Beute?“

Da atmet Lamia Tod; der Blick des Weisen Durchbohrte grausam sie wie scharfes Eisen. Sie bat ihn, still zu sein, so gut die Hand Noch schwach die Bitte kundzutun verstand.

Umsonst; er blickte, blickte wieder –: nein! Und nochmals: „Einer Schlange!“ – Gelles Schrei'n – Und sie verschwand, und niemand sah sie mehr. Und Lycius' Arm war von Entzücken leer,

Leer wie sein Leib von Leben. Stumm und kühl Lag vor den Freunden er auf hohem Pfühl, Sein Puls stand still, es ging kein Atemzug – Tot war der Leib, der Hochzeitskleider trug.

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