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1762

[Das Thier hat bloß Instinkt; der Mensch hat einen Geist]

Anna Louisa Karsch

Das Thier hat bloß Instinkt; der Mensch hat einen Geist, Der mit Gedanken schnell die ganze Welt durchreist. Ein Hund erinnert sich; ein Biber scheint zu denken; Doch keiner kann den Blick bis an den Himmel lenken.

Nicht zur Unsterblichkeit gemacht Sind Adler groß und stolz; ihr Tod ist tiefe Nacht. Des Menschen Seele nur fühlt ewig ihre Jugend, Erkennet Gott und sich, die Welt, die schöne Tugend;

Ist voll Empfindungen und für Vernunft und Wiz Ein von des Schöpfers Hand sein ausgebauter Siz. Sie liebet oder haßt, verwirft und weiß zu wählen; Ein Zufall macht sie froh; ein Zufall kann sie quälen.

Sie denkt und ihr Begrif macht sich durch unsern Mund, Durch unsers Auges Blick und in Geberden kund. Sie freut des Lebens sich und fürchtet nicht zu sterben; Der Helden Tugend selbst hofft ein zukünftigs Erben.

Und die Religion verbreitet helles Licht In eines Christen Geist, der alle Zweifel bricht, Die über ihn sich wölken wollen. Wir wissen, daß wir einst das Reich besitzen sollen,

Das uns bereitet ist, wohin sich alsobald Die Seele schwingen wird, wenn nun der Körper kalt Blaß und benetzet liegt von unsrer Freunde Thränen. Wie aber geht es zu, daß Menschen sich nicht sehnen

Nach diesem Ueberschritt? Warum sträubt unser Herz Sich vor dem Tode schon bey kleiner Krankheit Schmerz? Der Kanzelredner mag des Himmels Wonne loben; Doch wird kein weiser Mann früh nach dem Eingang toben.

Ein kurzes Leben ist nie unsers Kummers Schuld, Der Bettler selber trägt den Brodsack mit Geduld. Ein Sklav in Tunis wühlt in seines Räubers Garten, In Fesseln geht er gern Kameel und Esel warten.

Ein an der Ruderbank verdammter Sünder strebt Aus Wellen an das Land, weil er so gerne lebt. Doch alle müssen fort. Das zärtlichste Umarmen Verliebter Seelen reizt den Tod nicht zum Erbarmen.

Ich bin von Sterblichkeit zusammen nur gewebt; Wer glücklich ward wie ich, der hat genug gelebt.

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