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1863–1929

Zum Eingang.

Arno Holz

Auch weiß ich, hört mich, ihr Teutonen, Daß unter allen Epigonen Just ich der allerletzte bin! Doch laßt's mich trotzdem euch gestehn:

Ihr jammert mich, ihr armen Dichter, Ihr Groschen- und ihr Dreierlichter, Von denen zwölf aufs Dutzend gehn. Ihr stöhnt verzweifelt: Der Bien muß!

Und ampelt krampfhaft an der Leiter, Doch ach, ihr kommt und kommt nicht weiter, Wie weiland Fausti Famulus! Seht, das ist eure Quintessenz,

Ihr fliedersüßen Lenzrhapsoden: Ihr macht mit Hymnen und mit Oden Den Nachtigallen Concurrenz! Ihr glaubt verblendet, Poesie

Sei Lenznacht nur und Blüthenschimmer, Ihr glaubt's verblendet und singt immer Ein und dieselbe Melodie! Ihr dichtet jeden dritten Tag

Ein hohes Lied auf eure Liebe, Reimt selbstverständlich darauf „Triebe“ Und gebt's dann schleunigst in Verlag. Zwar, seid ihr noch kein „großes Thier“,

Müßt ihr auf alle Fälle „zahlen“, Doch dann wird's auch mit Initialen Gedruckt auf fein Velinpapier. Und wird's dann gratis noch versandt

An so und so viel Kritikaster, Dann lobt man euern schlechten Knaster Und schimpft den Kieselstein Demant. Und wenn ihr fleißig schmiert und salbt,

Sorgt auch die Clique für Verbreitung, — Denn wozu hat man sonst die Zeitung? — Herr X hat wieder mal gekalbt! Ein Liederbuch ist's dieses Mal

In rothem Maroquin gebunden Und überdies sehr warm empfunden Und wunderbar original! Und kauft man sich dann das Idol,

Dann sind's die alten tauben Nüsse, Die längst genossenen Genüsse, Der aufgewärmte Sauerkohl: Von Wein und Wandern, Stern und Mond,

Vom „Rauschebächlein“, vom „Blauveilchen“, Von „Küßmichmal“ und „Warteinweilchen“, Von „Liebe, die auf Wolken thront“! Und will der Dichter hoch hinaus,

Dann streicht er die Rubrik: „Erotisch!“ Und hängt die Tafel: „Patriotisch!“ Als Firmenzeichen vor sein Haus. Doch Blech bleibt Blech, und ob es auch

Der Jude oft als Gold verschachert ... Der Ruhm, den ihr zusammenprachert, Ist eitel Moder, Dunst und Rauch! Denn kräht auch dreist zu eurem Wisch

Die heutige Kritik ihr Amen, Und legt man ihn auch jungen Damen Alljährlich auf den Weihnachtstisch: Und labt sich auch aus euerm Quell

Der Leutnant und der Ladenschwengel, Und nippt aus ihm auch jeder Engel, Die Gräfin und die Nähmamsell: Laßt über euch und euer Wort

Ein einzig Menschenalter rollen, Und was ihr singt ist längst verschollen, Und was ihr pflanzt ist längst verdorrt! Das aber macht, ihr habt noch nie

Das Sphinxbild eurer Zeit entschleiert, Drum gähnt in allem, was ihr leiert, Derselbe Ich aber mag nicht, laß wie ihr,

Das Pfund, das Gott mir gab, verwalten, Ich will hoch über mir entfalten Der Neuzeit junges Lenzpanier. Ich lache, wollt ihr blöden Blicks

Verjährten Tand modern staffiren Und himmelbläulich phantasiren Vom Waldgnom und vom Wassernix. Ich lache, zählt ihr eins, zwei, drei

Die Kugeln, die ihr nie verschossen, Die Thränen, die ihr nie vergossen, Ein jeder Zoll ein Papagei. Ich lache, doch mein Zorn hält Wacht,

Denn der St. Veitstanz wird zur Mode; Ich weiß, ihr tanzt nur aus Methode, Weil ein Narr viele Narren macht. Doch tollt nur euern tollen Schwank,

Nur zu, je toller, desto besser: Ich biet euch Kampf, Kampf bis aufs Messer, Und gehe meinen eignen Gang! Den Gang, den lichtumstrahlt die Kunst

Sieghaft zu wandeln mir geboten; Und Herz an Herz mit ihren Todten, Veracht ich euch und eure Gunst! Denn mir schlägt nicht das Wort den Takt

Zum Reigen selbstischer Gedanken, Ein Löwe, hat es seine Pranken Tief in mein Herzfleisch eingehackt. Nur, daß es mich nicht jäh zerfleischt,

Such ich's mit Liedern zu beschwören, Doch nicht beim Rauschen alter Föhren, Die Nachts ein schwarzer Aar umkreischt. Auch nicht ins Grab der Lorelei

Verirrt sich mehr mein schwankes Steuer; Die Zeit verliebter Abenteuer, Für mich ist sie schon längst vorbei. Nein, mitten nur im Volksgewühl,

Beim Ausblick auf die großen Städte, Beim Klang der Telegraphendrähte Ergießt ins Wort sich mein Gefühl. Dann glaubt mein Ohr, es hört den Tritt

Von vorwärts rückenden Kolonnen, Und eine Schlacht seh ich gewonnen, Wie sie kein Feldherr noch erstritt. Doch gilt sie keiner Dynastie,

Auch kämpft sie nicht mit Schwert und Keule — Galvanis Draht und Voltas Säule Lenkt funkensprühend das Genie. Und um sich sammelt es ein Heer

Von himmelstürmenden Ideen, Gedanken blitzen und verwehen Unzählig, wie der Sand am Meer. Doch mehr als einer wird zur That

Und lenkt die Zukunft der Geschlechter, Und als des Ideals Verfechter Streut er der Zukunft goldne Saat. Und auf flammt dann ein neues Licht,

Ein neuer Welttag für die Erde, Denn auch die Menschheit hat ihr „Werde!“ Und sinnlos ist kein Traumgesicht. Der ewge Friede baut sein Zelt

Und ob die Zeit sie auch verdamme, Der Freiheit goldne Oriflamme Weht leuchtend über alle Welt. Und wenn dann Lied auf Lied sich ringt

In immer höhere Regionen Und alle Völker, alle Zonen Ein einzig großer Bund umschlingt: Dann ist's mir oft, als ob die Zeit,

Verlästert viel und viel bewundert, Als ob das kommende Jahrhundert Zu seinem Täufer mich geweiht. Als müßt ich stoßen in die Brust,

Ein Winkelried, mir eure Speere: Hie Wahrheit, Freiheit und hie Ehre! — O Kampf der Liebe, Kampf der Lust!! — Drum dir, die schmerzvoll mich gebar,

Dir, junge Zeit aus Blut und Eisen, Leg ich mein Herz und seine Weisen Nun stumm auf deinen Hochaltar!

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