Taub für den Wahnwunsch, Den tausendfältigen Ihres Geschlechts, Unbarmherzig
Mit eherner Schneide Die Zeit in ihr Kerbholz: Wieder ein Tag! Und wieder nun wandelt,
Fröhlich wie immer, Singend der Abend Durch das Goldthor des Westens Den hängenden Gärten
Der sinkenden Sonne zu Und leis verhauchen, Vor Wehmuth zitternd, Ihr tönendes Leben
Ins Spätroth die Glocken, Die Trauerglocken Zu Lübeck, der Stadt. Und immer stiller
Wird es und stiller — Und immer dunkler! Längst ist zerstoben In alle vier Winde
Des todten Dichters Letztes Geleit. Nur hie und da noch Am Brunn auf dem Marktplatz,
Oder im Winkel Der dämmrigen Gasse, Mit verschränkten Armen Gelehnt an die Hausthür,
Erzählt vertraulich Der Nachbar dem Nachbarn, Aus braunem Meerschaum Bläuliche Wölkchen
Ins Zwielicht blasend: Wie auch er, Schon am frühen Morgen, Den wuchtigen Hammer
Bei Seite gelegt Und staubüberdeckt Den blauen Werkeltagskittel Vertauscht mit dem schwarzen,
Wohlgebürsteten Sonntagsrock. Wie er, begleitet Von seinem Vetter, Dem Fabrikanten,
Drauf gravitätisch In modischem Aufputz Dem Zuge gefolgt sei; Und wie auch er dann
Von seinem Gönner, Dem Herrn Senator, Die Gunst sich erwirkt Und dem großen Todten,
Dem Ehrenbürger Der freien Vaterstadt, Feuchten Blicks Eine handvoll Erde
Ins Grab geworfen. Und immer dunkler Wird es und dunkler — Und immer stiller!
Das bleiche Antlitz Von Schleiern umhangen, Von Haus zu Haus Wandelt die Nacht.
In Erkern und Giebeln Blitzt es von Lichtern auf Und leuchtende Streifen Fallen wie Gold
Durch die Scheiben der Fenster Weit auf die Gasse. Kaum, daß ein Wandrer, Der nachtverspätet
Den Heimweg sucht, Sie quer durchschneidet. Aber droben im traulichen Zimmer Am warmen Kamin,
Umringt von den Kindern, Sitzt die Hausfrau; Und auf den Schooß Hebt sie ihr jüngstes
Blondes Töchterchen, Die kleine Ada. Und hochaufhorchend Vernehmen die Mäuschen,
Daß der alte Mann Mit dem weißen Schneebart, Den sie erst gestern noch, Umduftet von bunten
Zaubrischen Blumen, In einem schmalen, Glasüberdeckten, Schwarzen Kasten
Bleich und reglos Liegen gesehn, Ein König gewesen, Dessen Reich
So schrecklich groß war, Daß drin die Sonne Nie untergegangen. Und wie die Mutter
Den kauernden Kindern Dann weiter erzählt, Daß der todte König Auch noch ein Zaubrer war,
Der die Sprache der Vögel verstand Und das Duften der Blumen, Das Wehen der Winde, Das Funkeln der Sterne,
Das Rauschen der Wälder, Ja, selbst den Herzschlag der Menschen, In wunderselige, Geheimnißsüße
Zauberlieder zu bannen gewußt: Da nickt auch der Vater, Der seitab im Lehnstuhl Ueber die Zeitung gebückt
Mit halbem Ohr Der Erzählerin lauscht, Und still überdenkt er Das Leben des Dichters,
Des todten Dichters Und siehe auch ihm, Dem Skeptiker, däucht's nun Fast wie ein Märchen!
Und weiter draußen, Immer weiter, Von Haus zu Haus, Wandelt die Nacht.
Immer stiller Wird's auf den Gassen, Immer dunkler Werden die Fenster
Und ein Licht lischt nach dem andern aus. Wo aber einsam, Die schlaflosen Züge Vom Goldlicht der Lampe
Sanft überhaucht, Noch ein Menschenkind wacht, Da wühlt es sich nicht mehr In düstre Probleme,
Da fragt es sich nicht mehr Um Sein oder Nichtsein, Wie weiland Hamlet Oder Faust:
Ein kleines Büchlein Mit blankem Goldschnitt Hält es entzückt In seiner Hand,
Und golden träufelt Aus jedem Liede, Das lustberauscht Sein bebendes Lippenpaar
Klangvoll ausströmt, Bezaubernder Wohllaut Ihm in's Ohr. Er aber, er,
Der einst vor Jahren, Vor langen Jahren, Mit seinem warmen, Rothen Herzblut
Die Blätter beschrieben, Daß nach Jahrhunderten noch Der spätgeborene Enkel — Zieht er sie prüfend
Aus seinem Erbschrein Wieder ans Licht — Von ihrer Räthselkraft Magisch durchzuckt wird
Und die Blätter, Die unscheinbaren Blätter, Nicht hergeben will, Nicht um Gold und Gesteine:
Er schlummert die Nacht nun, Die erste Nacht auf dem Friedhof! Silbern stiehlt sich der Mond Durch das grüne Gezweig
Und spiegelt sich wieder In den tausend blanken Blättern, Die trauernd der Lorbeer Seinem Liebling
Aufs Grab gestreut; Und weinend breitet Die ewige Liebe Ihre schirmenden Fittige
Drüber aus. Noch hat der Lenz Aus seinem Füllhorn Die schönsten Blumen,
Die lieblichsten Düfte Nicht über die Erde gestreut, Denn noch weilt die Nachtigall „fern im Süd“
Und klang- und duftlos nur Grünt der Flieder. Aber die Liebe, Die allurewige,
Glaubend und hoffend Hebt sie ihr Antlitz, Ihr thränenumflortes, Hoch empor
Zu den ewigen Sternen; Und mitleidsvoll Leiht der Allgütige Ihrer Klage sein Ohr.
Mit dunklen Schleiern Die Gräber um sie Rings überdeckend, Zeigt er der Lächelnden
Ein farbenschillerndes Bild der Zukunft. Da wird es licht um sie, Ihr von den Augen
Fällt es wie Schuppen Und durch ihr Sinnen Zuckt's wie ein Traumgesicht: Hochauf recken
Die Thürme von Lübeck, Die sieben Thürme, Die vielbesungnen, Sich blitzend ins Morgenroth
Und aus den Gärten, Den vollerblühten, Am Ufer der Trave, Schluchzt nun die Nachtigall
Ihr erstes Lied! Aber durchs Stadtthor Auf staubiger Straße Am schwarzen Gitter
Des Friedhofs vorbei Ziehen zwei Bursche, Zwei junge Bursche Mit Ränzel und Knotenstock,
In die weitweite Welt, Und jubelnd ringt sich Aus ihren Kehlen, Aus ihren Herzen
Das alte Lied:
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