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1863–1929

17.

Arno Holz

Der Wein mir im zinnernen Krug, Und fern in des Kellers Gedunkel Da stehn noch der Fässer genug. Doch will es mir heute nicht glücken

So fröhlich wie gestern zu sein, Und die zitternden Hände drücken Sich tief in die Schläfen hinein. Des Rathswächters Pfeifen und Rufen

Zeigt draußen die Mitternacht an, Und längst stieg die steinernen Stufen Der letzte der Gäste hinan. Daheim am flackernden Herde

Genießt er nun traulich sein Glück, Und ich blieb hier unter der Erde Ach, nur mit mir selber zurück! Und wie es so einsam geworden

Und rings um mich still wie im Grab, Da klingt es in weichen Akkorden Bis tief in mein Grübeln herab. Erst stiehlt es sich lieb und verlockend

Hinein in das lauschende Ohr, Und dann schwillt es froh und frohlockend Zum jubelnden Hochzeitschor. Und die schmeichelnden Weisen erzählen

Der Luft und dem flackernden Licht, Wie droben in schimmernden Sälen Mein Glück in Scherben zerbricht. Ich aber sitze und sinne,

Verloren in Gram und in Schmerz, Und das Lied von der sterbenden Minne Durchzuckt mir das blutende Herz. Verworrene, wilde Gedanken

Entsteigen dem fiebernden Hirn Und klammern wie dornige Ranken Sich fest um die faltige Stirn: Nun wiegt sie wohl droben im Tanze,

Von luftigen Schleiern umwallt, Geschmückt mit dem bräutlichen Kranze Die liebliche schlanke Gestalt. Doch ein Andrer fühlt jetzt erwarmen

Das Herz, das einst klopfte für mich, Und ein Andrer darf sie umarmen Und ein Andrer sie küssen als ich! Und lauter kreischen die Geigen

Und wilder bäumt sich mein Leid, Und toller verschlingt sich der Reigen Von Traum und Wirklichkeit. Es knistern die seidenen Schleppen,

Es funkelt der goldne Pokal, Und mir ist es, als stieg ich die Treppen Hinauf in den Marmorsaal. Dort ruht unter Myrthen und Rosen

Ein Brautpaar auf schwellendem Thron, Doch sein heimliches Küssen und Kosen Mich trifft es wie schneidender Hohn. Gedenk der gebrochenen Eide,

Empört sich mein siedendes Blut — Nun nehme mich und euch Beide Der Himmel in seine Hut! Doch eh ich noch über die Schwelle

Den Weg in das Blumenmeer fand, Hat wieder die blendende Helle Sich gähnend ins Dunkel gewandt. Und wieder sitz ich und sinne

Hier unten im düstern Gelaß, Und das Lied von der sterbenden Minne Verkehrt sich in glühenden Haß. Und mir ist es, als müßte nun suchen

Mein Herz sich die ewige Ruh, Als müßt ich mich selber verfluchen Und dich und den Himmel dazu!

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