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1897

Wir gingen einen Weg ...

Hugo von Hofmannsthal

Wir gingen einen Weg mit vielen Brücken, Und vor uns gingen drei, die ruhig sangen. Ich sage dies, damit du dich entsinnst. Da sagtest du und zeigtest nach dem Berg,

Der Schatten trug von Wolken und den Schatten Der steilen Wände mit unsicheren Pfaden, Du sagtest: „Wären dort wir zwei allein!“ Und deine Worte hatten einen Ton

So fremd wie Duft von Sandelholz und Myrrhen. – Auch deine Augen waren nicht wie sonst. – Und mir geschah, daß eine trunkene Luft Mich faßte, so wie wenn die Erde bebt

Und umgestürztes prunkvolles Gerät Rings rollt und Wasser aus dem Boden quillt Und einer taumelnd steht und doppelt sieht: Denn ich war da und war zugleich auch dort,

Mit dir im Arm, und alle Lust davon War irgendwie vermengt mit aller Lust, Die dieser große Berg mit vielen Klüften Hingibt, wenn einer ruhig wie der Adler

Mit ausgespannten Flügeln ihn umflöge. Ich war mit dir im Arm auf jenem Berg, Ich hatte alles Wissen seiner Höhe, Der Einsamkeit, des nie betretnen Pfades

Und dich im Arm und alle Lust davon ... Und als ich heut im Lusthaus beim Erwachen An einer kühlen Wand das Bild der Götter Und ihrer wunderbaren Freuden sah:

Wie sie mit leichtem Fuße, kaum mehr lastend, Vom dünnen Dache weinumrankter Lauben Ins Blaue tretend aufzuschweben schienen, Wie Flammen ohne Schwere, mit dem Laut

Von Liedern und dem Klang der hellen Leier Emporgeweht: da wurde es mir so, Als dürft ich jenen letzten, die noch nah Der Erde schienen, freundlich ihr Gewand

Anrühren, wie ein Gastfreund tuen darf Von gleichem Rang und ähnlichem Geschick: Denn ich gedachte jenes Abenteuers.

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