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1899

Vor Tag

Hugo von Hofmannsthal

Nun liegt und zuckt am fahlen Himmelsrand In sich zusammengesunken das Gewitter. Nun denkt der Kranke: „Tag! jetzt werd ich schlafen!“ Und drückt die heißen Lider zu. Nun streckt

Die junge Kuh im Stall die starken Nüstern Nach kühlem Frühduft. Nun im stummen Wald Hebt der Landstreicher ungewaschen sich Aus weichem Bett vorjährigen Laubes auf

Und wirft mit frecher Hand den nächsten Stein Nach einer Taube, die schlaftrunken fliegt, Und graust sich selber, wie der Stein so dumpf Und schwer zur Erde fällt. Nun rennt das Wasser,

Als wollte es der Nacht, der fortgeschlichnen, nach Ins Dunkel stürzen, unteilnehmend, wild Und kalten Hauches hin, indessen droben Der Heiland und die Mutter leise, leise

Sich unterreden auf dem Brücklein: leise, Und doch ist ihre kleine Rede ewig Und unzerstörbar wie die Sterne droben. Er trägt sein Kreuz und sagt nur: „Meine Mutter!“

Und sieht sie an, und: „Ach, mein lieber Sohn!“ Sagt sie. – Nun hat der Himmel mit der Erde Ein stumm beklemmend Zwiegespräch. Dann geht Ein Schauer durch den schweren, alten Leib:

Sie rüstet sich, den neuen Tag zu leben. Nun steigt das geisterhafte Frühlicht. Nun Schleicht einer ohne Schuh von einem Frauenbett, Läuft wie ein Schatten, klettert wie ein Dieb

Durchs Fenster in sein eigenes Zimmer, sieht Sich im Wandspiegel und hat plötzlich Angst Vor diesem blassen, übernächtigen Fremden, Als hätte dieser selbe heute nacht

Den guten Knaben, der er war, ermordet Und käme jetzt, die Hände sich zu waschen Im Krüglein seines Opfers wie zum Hohn, Und darum sei der Himmel so beklommen

Und alles in der Luft so sonderbar. Nun geht die Stalltür. Und nun ist auch Tag.

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