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1616–1679

Sittenore an Friedenheim.

Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau

Mein Freund ach gute Nacht! was sag ich gut? was meine? Weil du mich hassen solst und ich dich lassen muß?

Der Himmel wolle doch daß meine Feder weine Und dir verkündige des Jammers Uberfluß. Ein Wetter voller Angst zeucht über mir zusammen Es stürmt das Ungemach aus Nord Sud Ost u. West

Ich schaue sonsten nichts als Donner Blitz un Flam- men Ach daß der Himmel mich dergleichen melden läst! Der angenehme Brief den du mir hast geschrieben

Ligt itzt zu unsern Spott in Bruder Carles Handt Dein Brief und meine Brust verrathen unser lieben Und was verborgen lag wird aller Welt bekannt. Dein Schreiben schwärtzt der Hof mit giftigen Ge-

dancken Der Neid geust überall gefährlich Oele bey Es glaubt nicht iederman daß unsrer Liebe Schran- cken

Zugleich ein Paradieß der Lust gewesen sey. Man kräncket Silb’ und Wort mit doppelten Ver- stande Man leget ab und zu und prest die Falschheit aus

Dein Lieben heist man List und meines heist man Schande; Ja vieler Hoffarth nach befleckst du unser Hauß; Es schlägt der gantze Hof für mir die Augen nieder

Mein Frauen Zimmer selbst spricht mich mit Furchten an Es scheinet Sonn und Luft die werden mir zuwider Doch bleibet diß mein Trost ich habe nichts gethan.

O hartes Donner Wort ich soll dich gäntzlich hassen Du solst forthin nicht mehr ins Königs Zimmer gehn! Ach wolte mich der Arm des Todes doch umbfassen Und könt ich in der Gruft der lieben Aeltern stehn!

Hand und auch Feder sinckt aus Schwachheit zu der Erden Ich mercke wie die Kraft zum Schreiben mir gebricht Und so die Tinte mir zu fahl beginnt zuwerden

So dencke nur sie wird auß Thränen zugericht. Es scheidet uns die Noth: du solt in Deutschland rei- sen Und ich soll ohne dich in meines Brudern Landt

Kanst du nicht Leit Stern seyn und mir die Strasse weisen So lauft mein schwaches Schiff auf Klippen und auf Sand.

Mir träumet albereit von Brausen Sturm und Wel- len Es zeiget mir der Schlaf was Wind und Wetter kan Verachtung Angst und Furcht seyn meine Schifs-

Gesellen Die Thränen melden mir schon einen Schifs Bruch an. Doch glaube muß ich gleich dein schönes Auge mei-

den Und reist ein grosser Spruch den treuen Fürsatz ein So solst du dennoch nicht aus meinem Hertzen schei- den

Denn dieses soll ein Schif vor dich alleine seyn. Hier solst du neben mir durch Fluth und Wellen drin- gen Was sag’ ich neben mir? ja in mir selber stehn

Man kan mir zwar den Leib doch nicht die Geister zwingen Des Königs harter Schluß weiß nicht so tieff zugehn. Wir können ungestöhrt uns im Gemüth ergetzen

Und hier verknüpffet seyn wiewohl man uns getrennt Wir können unsre Lust auf eine Tafel setzen Die sich den hohen Trutz des bleichen Todes nennt. Hier weiß man nichts was sonst muß Zwang und

Trennung heissen Hier ist der Wittwer Stand ein unbekantes Ding Es kann kein Helden Arm des Geistes Band zerreissen So von dem Himmel selbst entlehnte Krafft empfing.

Kein Herrscher dieser Welt ist Herrscher der Gedan- cken Die Freyheit hat allhier ihr rechtes Vaterland In diesem zeiget sich der Liebe grüner Schrancken

Und was man hier verübt wird keiner Welt bekannt. Der wunderreiche Platz verachtet die Gesetze Stand Reichthum Majestät ist ihm ein Gauckel- Spiel

Die Freyheit so ihn ziehrt ist mehr als tausend Schätze Wann alles dienen muß so thut er was er will. Was aber speiß ich mich mit Schatten Dunst und Winde?

Und baue mir ein Schloß hoch in die weite Lufft? Was mach ich mich itzund mit Fleiß zu einem Kinde? Und lache wenn die Noth mich in ihr Netze ruft. Dieß ist ein Gauckel Spiel der innerlichen Sinnen

Des Geistes Kützelung und klahrer Selbstbetrug Weil ich dich treuer Freund nicht mehr soll schauen können So hat mein Aug’ und Geist zutrauren rechten Fug.

Ich soll in dieser Welt nicht mehr zu dir gelangen Ein Abscheid dieser Arth ist ja ein rechter Todt Dich ferner nicht zusehn zuhören zuempfangen Schmeckt nach der Höllen Pein und nach der letzten

Noth. Was hilft des Geistes Bild und alles Angedencken? Bild bleibet nur ein Bild Gedancken speisen nicht Kan sich mein Auge nicht forthin auf deines lencken

So werd ich durch das Schwerdt des Sehnens hinge- richt. Das Schwerd so ich gedacht dringt schon auf meine Seele

Mich drücket albereit die lange Todes Nacht; Wo kann mir besser seyn als in der kalten Höle Dahin sich nicht der Tag mit seinen Strahlen macht? Genug! geliebter Freund; die leichten Seegel pausen

Man ruft: der Wind ist gut; Ach! alzu gut vor mich Ich macht itzt einen Schertz aus aller Winde sausen Und reiste wolgemuth und frölich schaut’ ich dich! Man rufft mir; solt ich dich doch auch zu Schiffe ruf-

fen Vergebens! anders nichts als Liebster lebe wohl! Ich sey auch wo ich sey so kanstu sicher hoffen Daß deiner nimmermehr vergessen werden soll.

Dein Tugendhaffter Schertz und tausend andre Ga- ben Die nicht zuzehlen seyn besitzen meinen Geist Du kanst um deinen Ruhm noch das Gelücke haben

Das mehr als Hybla dir zu dienen sich befleist. Ich weiß kein Wort nicht mehr man löset itzt die Stü- cke Ich stelle mein Pappier getreuen Händen ein

Der Himmel kröhne dich forthin mit mehr Gelücke Als Thränen in den Brief allhier gefallen seyn.

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