Skip to content
1616–1679

Schäffer-Gedichte. Sylvia.

Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau

Der arme Thyrsis lag nechst unter einer eichen Bey qvellen die an glantz den hellen silber gleichen Und dachte lange Zeit dem herben ungemach Und den verkehrungen in seiner liebe nach.

Doch endlich lößte sich die stimme seiner zungen Und sang daß berg und thal von diesen worten klungen: Ach strenge Sylvia! Warum verachst du mich? Die sonne brennt und wirfft die strahlen unter sich.

Lufft feld und erde brennt die kühlen ströhme brennen Von flammen die auch schon die jungen lämmer kennen: Dein Thyrsis aber fühlt mehr weder alle pein Und du alleine nur wilst schnee und kälte seyn.

So bald ich neulich dich (du wirst es noch wohl wissen) Mit auffgeschürtztem rock und halb entblösten füssen Als eine jägerin durch wald und püsche ziehn Und jene hindin sah für deinen waffen fliehn;

So dacht ich bey mir selbst.: Was fliehftu für den wunden O hindin die du doch in solchen händen funden? Und gleich dem augenblick entbrannte blut und hertz Ich fühlt ich weiß nicht was für einen seelen-schmertz:

Die mutter aber sprach: es wäre brunst und liebe. Was solt ich ärmster thun daß ich verschonet bliebe? Ich riß den engen rock biß an den gürtel auff Ließ meine schaaffe stehn und sprang in vollem lauff

Dir auff dem fusse nach: Allein du warffst die hände Und deinen weissen schleyr (O allzustrenge hände!) O allzuharter schleyr!) vor mund und brüste für Und flohest ärger noch als wild und hirsch vor mir.

Drauff stund ich gantz erstarrt gleich wie die matten tauben Wenn ihnen pfeil und plitz den süssen buhlen rauben Und rieff wohl tausendmahl dir deinen nahmen nach; Gleich legte sich der wind und wehte gantz gemach.

Du aber lieffst mir noch indem ich rieff zum possen Und hattest ohr und hertz wie deine brust verschlossen. Wer hilfft mir ärmsten nun in meiner schweren pein? Ich lauffe hügel an ich steig ins thal hinein;

Doch thal und hügel hört mein weinen und mein klagen: Ja Echo will mich gar mit wieder heulen plagen Und ist zugleich betrübt. Jedoch ich wünsch allein Verliebt und auch allein bey mir betrübt zu seyn.

Sonst möchte wenn allhier sich falsch und wahr gesellten Die Nymphe meinen schmertz auch für erdichtet schelten. Wiewol es ist umsonst mein weinen und mein schmertz; Denn du o Nymphe! treibst mit allen beyden schertz.

So sehr verachtet mich nicht Phyllis und die Dore: Dann Phyllis band mich nechst mit einem haber-rohre Das ihr corallen-mund mit freuden offt geküst Und Dore hat mich gar erst heute noch gegrüst.

Allein nicht Phyllis mund nicht Dorens purpur-wangen Sind mächtig so wie du mein treues hertz zu fangen: Der wald wird zeuge seyn die oder und der strand Und jener erlen-baum auff dessen rinden-wand

Ich unsre nahmen nechst mit thränen angeschrieben. Ich hab es selbst gesehn wie ihre schrifft beklieben. Des abends stunden sie noch weit und unvermengt: Des morgens waren sie wie ketten eingeschrenckt.

Dreymahl hab ich mit lust diß wunderwerck gelesen Und dreymahl bin ich fast für küssen todt gewesen O küsse! die nach thau ⸗ ⸗ Die namen sind vermählt die leiber scheiden sich.

Der helle Lucifer bringt schon den dritten morgen; Und dennoch sieht man mich nicht für die schaafe sorgen. Die ziegen haben noch kein frisches graß geschmeckt: Die jungen böcke nur die dürre brust geleckt:

Ich selber habe noch vom weine nichts genossen. Kein stücke brod gesehn kein auge zugeschlossen. Denn ohne dich vergeht mich alle schäfer-lust Und ohne dich ist mir auch kein geschmack bewust.

Doch gönnstu einmahl uns nur einen süssen morgen; So will ich wiederum für meine schaafe sorgen. Die ziegen sollen fort und in die weide gehn; Die eyter voller milch die böcke truncken stehn:

Ich selber aber will den Bachus wieder grüssen Nach frischem brodte sehn und neuer ruh geniessen. Und stürbe gleich mein vieh mein väterliches gut Und aller wiesen-wachs durch feur- und wassers-flut

So will ich wann sie mich nur deiner nicht berauben Mich dennoch in der welt am allerreichsten glauben. Wann der beperlte thau des morgens nieder fällt Und sich das erste licht der sonnen eingestellt

Schau ich den tropffen zu indem sie sich verbinden Ob ich dein bildniß kan in ihren farben finden. Ich sehe vielerley: Nichts aber ist wie du. Das gold schleust seinen glantz für deinen haaren zu.

Der reiff muß deiner haut der stirne liljen weichen Den wangen ist nicht blut und frische milch zu gleichen Der mund beschämt rubin die zähne helffenbein Die augen Phöbus licht und aller sterne schein.

Vom andern weiß ich nicht wie einem muß geschehen; Weil ich es schönste nur kan in gedancken sehen. Wenn denn Aurorens schooß die rosen auffgethan So schau ich ihre pracht mit steiffen augen an

Und suche deinen mund in ihren purpur-strahlen: Doch bleib ich zweiffelhafft was schwerer sey zu mahlen Du oder aber sie. Ja wenn ich endlich dich Im felde nirgends seh so übereil ich mich

Und denck: Ist nun ihr geist im himmel gar gestiegen? Und kan sie denn zugleich bey sternen und bey ziegen Des abends Sylvia und früh Aurora seyn? So denck ich trifft es gleich nicht mit der warheit ein.

Ach Sylvia! du wirst nicht ewig so verbleiben. Der tod kan seine lust mit blum und schönheit treiben Und du möchst endlich wohl im alter in dich gehn Ich aber weiß mir nicht die schmertzen auszustehn.

Schau! Bachus liebt den wein. Weil Bachus wein wird lieben Soll sich dein Thyrsis auch in steten flammen üben. Je mehr du für ihm weichst ie weiter folgt er nach. Denn dir zu g’ringe seyn ist weder schimpff noch schmach.

Ja solte gleich die zeit den spiegel dir verderben Und dein gesichte so wie deine jahre sterben So soll mir schönste doch noch deiner rosen schein Und deiner glieder schnee stets für den augen seyn.

Ach stoltze Sylvia! Laß deinen zorn sich wenden Ich will dir wo du wilst auch wohl geschencke senden. Nicht etwa die der wald und unser garten trägt; Nicht die das reiffe feld uns in die scheuren legt;

Nein: Sondern einen putz mit puder überschlagen Wie in der stadt itzund die bürger töchter tragen Und einen bunten korb den neulich erst Serran Mit grosser kunst gemacht Serran der kluge mann.

Der hirten gröste lust und zierrath unsers landes Der alle bürger so an gaben des verstandes Gleich wie die nachtigal die raben übertrifft; Der mich zu erst gelehrt wer diese welt gestifft

Woher ihr roher teig und ihre forme kommen; Wie städte sich gemehrt und wieder abgenommen; Was sonn und monde sey und wie ihr licht die welt Durch seinen steten lauff in der bewegung hält:

Der sag ich alles mir nur dieses nicht gezeiget Wie man o Sylvia! dein steinern hertze beuget. Doch wo du hierdurch auch nicht zubewegen bist; So weiß ich ärmster nicht was weiter übrig ist

Als daß ich meinen rumpff an diesen eichbaum hencke. Vielleicht liebstu mich todt weil ich dich lebend kräncke. Schreib aber auff mein grab nur noch zu guter nacht: Allhier hat Sylvia den Thyrsis umgebracht.

Cookies on Poetry Cove

We use cookies to remember your language preference and — only with your consent — to learn how Poetry Cove is used. You can change your mind any time.
Schäffer-Gedichte. Sylvia. · Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau · Poetry Cove