Skip to content
1616–1679

Ruhestatt der Liebe oder Die Schooß der Geliebten.

Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau

Bey diesen brennenden und schwülen sommer-tagen Ließ Cloris sich einmahl in ihren garten tragen Und suchte für den brand der sonnen eine klufft Von kühler witterung und schattenreicher lufft.

Sie setzte sich erhitzt bey einem baume nieder Und streckte bald darauff die perlen-volle glieder In das noch frische gras geruhiger zu seyn Und schlieff auch wie sie lag halb von der seiten ein.

Ihr alabaster leib war nur mit flor bekleidet Und weilen man den zwanck nicht bey der hitze leidet Ward ihre blosse brust im grünen klee gespürt Die zur gemächligkeit sie eben auffgeschnürt.

Der sanffte westen-wind bereit sie abzukühlen Ließ seinen othem gleich auff diese wellen spielen Und bließ mit stillem hauch bey ihrer süssen ruh Ihr aus der Floren hand die weichsten blumen zu.

Es wiegte gleichsam sie sein angenehmes weben; Doch als er sich bemüht den leichten rock zu heben Riß endlich unversehns von der gestreckten schooß Der vorgeschürtze flor mit seinen gürtel loß.

Hilff himmel welcher schmuck! was süsse wunderwercke Der schönheit gröste pracht mit aller ihrer stärcke Der liebe paradieß ward hier uns auffgedeckt So Cloris uns bißher zur sicherheit versteckt.

Das liebste das man kennt und doch sich scheut zu nennen Weil auch das blosse wort uns schon vermag zu brennen War hier insonderheit gantz ungewöhnlich schön Und ließ sich auch vor stoltz hoch auffgebrüstet sehn.

Es lag wie ein castell von marmor auffgeführet In einem liljen-thal den seine gegend zieret Des eingang von rubin und gantze lager-statt Nichts als ein schatten-werck von myrthen um sich hat.

Es sah von forne zu (hier fehlt der beste pinsel) Als wie ein grotten-haus wie jene morgen-insel Wo die glückseligkeit den tag zu erst beschaut Und wo die nachtigal in lauter rosen baut.

Die zwo von helffenbein so rund gewölbten hüffte Verdeckten diesen sitz als ein paar gleiche klüffte Durch deren schutz kein sturm auff das gestade streicht Und dieses lust-revier dem steten sommer gleicht.

Kein apffel kan so frisch sich an den stengel halten Kein purpur pfirsig ist so sanfft und zart gespalten Kein kleiner raum der welt hat so viel überfluß Als in der Cloris schooß der weisse nabel-schluß.

Die sonne selbst verliebt in so viel zierlichkeiten Vergaß dem ansehn nach im lauffe fortzuschreiten Und drung sich durch das laub mit hülffe von dem west. Die vogel hielten es fur ein geblümtes nest.

Die brunnen wolten sich durch diesen garten winden Die blumen glaubten hier ihr blumen-feld zu finden Die Nymphen waren selbst wie halb darein vernarrt Und Zephyr küßt es kaum so fand er sich erstarrt.

Der treue Celadon dem sie zuvor entwichen War ihr gantz unvermerckt von ferne nachgeschlichen Und ward des schönen blicks so zeitig nicht gewahr Als er zugleich empfand die schlüpffrige gefahr.

Die liebe hieß ihn erst zwar seine Cloris ehren; Doch wolte sie ihm auch als liebe nichts verwehren; Und wie sie uns entzückt zu dem geliebten trägt Hat selbst sie seine hand an Cloris leib gelegt.

Er zuckt und bebete wie leichte feder-flocken So sehr er es verlangt so war er doch erschrocken. Er tappte wie ein mensch bey dicker finsterniß Und wagte nicht die hand wohin sie doch sich riß.

Was halff ihm alle furcht vor dem geliebten weibe? Die finger glitten aus auff dem polirten leibe Und rollten mit gewalt vor das gelobte land Das eine hole faust in allem überspannt.

Du armer Celadon wie wurdest du betrogen! Du wärest fast von glut und flammen ausgeflogen Wo du der finger brand zu kühlen hingesetzt Und was du aus der form für einen spring geschätzt.

Du fühltest zwar nur sammt und lauter weiche seide Du hattest in der hand den brunqvell aller freude; Wo die ergötzligkeit von milch und honig rinnt; Doch dessen sanffte flut mehr als der schwefel zündt.

Es war der kleine brunn die funcken-reiche stelle Wo Ethna feuer holt: die wunder-volle qvelle Wo Hecklens flammen-fluß aus schnee-gebirgen qvillt Und der dem Celadon die adern angefüllt.

Er wuste nicht was er vor hitze sollt beginnen; Er fieng wie weiches wachs vor ohnmacht an zurinnen Und hätt ich weiß nicht was vor raserey vollbracht Wenn Cloris nicht davon zum unglück auffgewacht.

Sie stieß noch voller schlaffs mit ihren beyden händen Den frembd- und kühnen gast von ihren weissen lenden Der ihre zarte schooß durchwühlet und verheert Und sprach als sie ihn sah: du bist des stranges werth.

Hilff himmel! was ist das? Hast du den witz verlohren? Ist diß die stete treu die du mir zugeschworen? Hast du der Cloris zorn so wenig denn gescheut Daß du auch freventlich ihr heiligthum entweyht?

Daß du! welch eine that! Und wolte sich an ihm mit ihren thränen rächen. Sie sprang mit ungestüm von ihrem lager auff Und eylt aus seinem arm durch einen strengen lauff.

Alleine Celadon fiel gleich zu ihren füssen Und wuste selbige so fest an sich zuschliessen Daß sie was sie auch that bey ihm darnieder sanck Und er sie zum gehör nach vielen klagen zwang.

Er lag sie haltende vor den erzürnten knien Und sprach: Mein fehler wird zu groß von dir beschrien. Ich bitte durch den brand der meine seele plagt Durch jene demmerung die um dein auge tagt

Durch deine tulpen-schooß durch deine nelcken-brüste Durch die von beyden mir noch unbekandten lüste Durch deine schöne hand die mich itzt von sich stöst? Was hab ich denn verwürckt daß zephyr dich entblößt?

Daß ich es mit beschaut was dessen hauch verüb Daß ich es angerührt was erd und himmel liebet Was selbst der Götter mund begierig hat geküst Und was der inbegriff von deiner schönheit ist.

Es ist ja deine schooß der auszug aller zierde Der enge sammel-platz der schmeichlenden begierde Der rund wo die natur zusammen hat gedrängt Was sich nur reitzendes den gliedern eingemengt.

Hier ist der kleine schatz der deinen reichthum zeiget Der lebendige thron der alle scepter beuget Der süsse zauber-kreyß der unsern geist bestrickt Und des beschwehrungs-wort die felsen auch entzückt.

Ach! Cloris woltest du daß ich gewichen wäre! Bedencke doch die schmach und deiner schönheit ehre. Ich hätte ja die macht der liebligkeit verhöhnt Wenn ich nicht deine schooß mit meiner hand gekröhnt.

Kan Wie soll nicht deine schooß uns unser hertze nehmen? Wird man durch einen blick der Wer kan unauffgelöst bey deiner allmacht seyn?

Wer ein gefühle hat und hier doch nicht empfindet Wen der gedancke nur nicht alsobald entzündet Wer diesem schooß-altar zu opffern nicht begehrt Der ist viel billiger des engen stranges wehrt.

O möchtest du einmahl was wir die liebe nennen Mehr nach den würckungen als nach dem nahmen kennen! Du würdest für den zorn mir willig zugestehn. Man könne sonder raub hier nicht zurücke gehn.

Die Cloris hatte noch bey allen diesen klagen Noch nicht vor scham und grimm die angen auffgeschlagen; Doch sah sie endlich ihn von einer seiten an Wodurch er neuen muth zu ihrer huld gewann.

Er suchte sie darauff mit rechten weißheits-gründen Und selbst aus der natur zum beyfall zu verbinden: Daß alles was nur lebt was nur die liebe zwingt Nothwendig zu der schooß als seiner ruhstatt dringt.

Es hat selbst die natur sprach er dafür gestritten Nachdem sie es gesetzt recht in des leibes-mitten; Wo dieser mittelpunct der kleinen wunder-welt Auch den geheimen zug des punctes in sich hält.

Gleichwie ein iedes ding zu seinem circkel eilet Der stein nicht in der lufft zu lange sich verweilet Das feuer rüstig fleucht erlassen in die höh’ Und ieder fluß verläufft in seine mittel-see:

So wird vielmehr zur schooß dem mittel-punct im lieben Was geist und othem hat durchdringend angetrieben. So grimmig ist kein bär hier hält er keinen stich Ihn reist der kleine punct so wild er ist zu sich.

Das schuppen-vieh im meer was hilfft sein schnelles schwimmen? Es muß durch diesen zug doch an einander klimmen; Der vogel in der lufft ist schichtern schlau und leicht Doch siehst du wie ihn stets das weibgen nach sich zeucht.

Vor allen aber hat der mensch den trieb empfangen Und unsere vernunfft vermehret das verlangen; Die auch viel eyfriger nach dieser heymat strebt Und sich nicht eh vergnügt als biß man daran klebt.

Wie der magnet mit macht das eisen an sich ziehet Wie nach dem norden-pol die nadel schlägt und siehet So ist der liebsten schooß der nord und der magnet Wohin der gantze wunsch warhaffter menschen geht.

Man sagt: die Venus sey ihr wesen zuverstellen Nicht nach gemeiner art besondern aus den wellen In einer muschel helm empfangen und gezeugt Wo sie des meeres schaum gewieget und gesäugt.

Wer glaubet solches nicht der Venus thun erweget? Weil aber eine schooß der muschel bildniß träget Glaub ich daß Venus gar was sie ans licht gebracht Hernach zu einer schooß der gantzen welt gemacht.

Daß als die herrscherin ihr muschel-schiff verlassen Sie aller menschen hertz in diesen schrein zufassen Die muschel in die schooß der weiber eingeschrenckt Und sich nachgehends selbst zur wohnung nachgesenckt.

Wenn diesem also ist wie wir es glauben müssen Kein wunder daß uns denn die schooß zu sich gerissen Wo alle reitzungen wo Venus und ihr kind Die liebe ja wir selbst mit ihr gebohren sind.

Kein wunder daß man wünscht in dieser muschel-wiegen Weil sie darinnen wohnt der Venus beyzuliegen Daß man die liebe sucht wo ihre lager-statt Da wo diß kleine schild ihr hauß bezeichnet hat.

Die liebe will auch sonst sich nirgends lassen dienen In dieser hölen ist sie eintzig uns erschienen Diß ist der Götter-hayn wo sie sich offenbahrt Und unser hertz zugleich erforschet prüfft und paart.

Weil die natur das hertz in uns verdecken wollen Wie hätten wir es doch iemahls erkennen sollen Wofern die liebe nicht die schooß dazu ersehn Daß unsichtbare hertz durch wercke zu verstehn?

So aber können wir es höchsterwünscht ergründen Was nicht das auge sieht läst uns die schooß empfinden; An statt sich nur zu sehn so spührt man das gemüth Und siehet durch die that was nicht das auge sieht.

Wenn denn ein treues paar in süsser glut entglommen Und deren seelen nun zusammen wollen kommen Bescheiden sie sich nur an den bestimmten ort Und dieses schifflein setzt sie über an den port.

Da sprechen sie sich denn da lernen sie sich fühlen Da wissen sie im fleisch zu brennen und zu spielen Biß der versteckte leim aus allen adern schäumt Und den vermischten geist gar aneinander leimt.

Ach Cloris die du rühmst du habest mich erwähle Woraus erkenn ich es wenn du mir das verheelet Was die natur uns selbst zur ruhestatt gesetzt Und wornach man allein der liebe warheit schätzt?

Ein freund ist nicht ein freund der uns was kan verhalten So lang er uns mit sich nicht läst nach willen schalten; So lange hat gewiß die liebe nichts gethan Als sie nicht alles gibt was sie nur geben kan.

Du aber hast mir gar den besten theil entzogen Dein leib weiß nichts davon daß mir dein hertz gewogen Das hertze sieht man nicht der leib muß zeuge seyn Wem glaub ich? du sprichst ja und deine schooß spricht nein.

Was hab ich zum voraus vor andern die dich kennen? Liebstu mich nicht genug mir diß von dir zu gönnen? Ich bin im eigenthum ein unbekandter gast Und für wem sparestu das liebste das du hast?

Du wirst doch diesen schatz nicht für dich selbst vergraben; Wie oder soll es gar ein ander als ich haben? Nein Cloris höret mir dein hertze wie man spricht So wehre mir denn auch des hertzens eingang nicht.

Er fuhr voll eyffers auff um dieses unrechts willen. Doch Cloris wuste bald ihn wieder zubestillen; Sie zog nunmehr erweicht nach dem bezeugten haß Den ausgesöhnten feind mitleidig in das graß.

Man meynt: daß weil er sich bescheiden überwunden Der Cloris schooß gesehn und einmahl bloß gefunden Die Götter ihn hieher auch wunderbar gebracht Sie endlich seiner treu beständigkeit bedacht;

Sie endlich ihn getröst nach seinen langen leyden So daß auch dessen glück die gegend wollen neiden; Sie aber nach der zeit wenn ihnen was gefehlt Diß süsse sorgen-grab zur linderung gewählt.

Cookies on Poetry Cove

We use cookies to remember your language preference and — only with your consent — to learn how Poetry Cove is used. You can change your mind any time.
Ruhestatt der Liebe oder Die Schooß der Geliebten. · Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau · Poetry Cove